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Büchergilde Gutenberg : „Der Laden ist noch am wenigsten eine Buchhandlung“

Stillleben: Das historische Schild der Büchergilde Gutenberg in Gießen nebst Bild und Blumen auf einem Regalbrett im Laden an der Wetzsteinstraße Bild: Laila Sieber

Die Büchergilde Gutenberg in der Innenstadt von Gießen gibt es schon seit 1970. Die Tochter der Gründer führt den Laden weiter. Aus mehreren Gründen ist er eine Besonderheit.

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          Im verlängerten Morgenschatten des Gewerkschaftshauses duckt sich in einer gepflasterten Gasse ein kleiner Laden, wie es ihn eigentlich gar nicht mehr gibt. Aus der Fassade ragt ein rechteckiges Schild in Orange, angeschraubt am Türbogen aus hellen Klinkern. In schwarzen Buchstaben steht darauf gedruckt: Büchergilde Gutenberg. Über drei schmale Stufen aus Basalt geht es in den Laden in der Gießener Innenstadt hinein, flankiert von zwei Schaufenstern. Inhaberin Dagmar Tenten empfängt für gewöhnlich lächelnd gleich links hinter dem Tresen. Collie-Windhund-Mischling Tameo schaut den Gast neugierig an. Ein Blick in die Runde offenbart: Andere Läden machen mit künstlich aufgelegter Patina auf Retro – dieser hier ist Vintage.

          Thorsten Winter
          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Tenten macht keinen Hehl aus dem fortgeschrittenen Alter des Interieurs. „Hier war früher ein Schmuckladen drin, die Betreiber hatten die Regale schon gehabt“, berichtet sie. Ihre Eltern übernahmen die Regale. Das war 1970. Wer hinter den Tresen schaut, sieht ein Tablet. Ein Smartphone nennt Dagmar Tenten auch ihr Eigen. Ansonsten findet sich keines der auch in Buchhandlungen längst üblichen modernen Geräte. Dafür aber pflegt die Inhaberin ein französisches Antiquariat. Schließlich liebt sie Sprachen, wie sie sagt, und hat zehn Jahre in Frankreich gelebt.

          „Nur von Büchergilde-Sachen kann man nicht mehr leben“

          Vor allem aber dominieren Werke der Büchergilde die Auslage. Und das ist eine Besonderheit. Denn in den meisten Partnerbuchhandlungen der Genossenschaft mit Sitz in Frankfurt machen Büchergilde-Produkte nur noch einen kleinen Teil des Sortiments aus. „Nur von Büchergilde-Sachen kann man nicht mehr leben“, sagt Tenten. 375 Mitglieder in Gießen und Umgebung machen im Wesentlichen ihren Kundenkreis aus, wie es in der Zentrale an der Braubachstraße in Frankfurt heißt. Und: Es gibt demnach nur noch einen Verdi-Buchladen in Berlin, der ausschließlich Büchergilde-Produkte anbietet, von Gewerkschaftsliteratur abgesehen, die dort zu haben sei. Zwischendrin findet sich in Tentens kleinem Reich noch Schmuck aus Holz und Metallen – „secondhand und desinfiziert“, wie sie hervorhebt. Fünf Euro kostet das Stück. Ein kleines Regal ist den Büchern regionaler Autorinnen und Autoren vorbehalten.

          Standhaft: Dagmar Tenten in ihrem Büchergilde-Laden in Gießen
          Standhaft: Dagmar Tenten in ihrem Büchergilde-Laden in Gießen : Bild: Laila Sieber

          Das Geschäft gilt der Kundschaft als weit mehr als ein Ort, an dem es Bücher und andere schöne Dinge gibt. Dagmar Tenten spitzt es sogar noch zu: Ihr Laden sei „noch am wenigsten eine Buchhandlung“ – es sei vielmehr schon früher ein Ort der Begegnung gewesen und sei es noch. Aus Kunden und Nachbarn sind Freunde geworden. Ihre Eltern haben das Geschäft aufgebaut. Damals, 1954 und ein Jahr vor der Geburt der Tochter, gehörte die Büchergilde noch zum gewerkschaftlichen Firmen-Portfolio. Erst 1998 trennte sich die Gewerkschaftsholding BGAG von dieser einst zur literarischen Bildung von Arbeitern und ihren Familien gegründeten Tochtergesellschaft. In der Folge wurde die Verbindung zu Gewerkschaftskreisen schrittweise loser.

          Die Tentens bauten nach und nach eine Art Kontaktbörse in ihrer „Buchausgabestelle“ auf. In den achtziger Jahren geriet ihr Laden auch zum Dreh- und Angelpunkt der lokalen Friedensbewegung. Uns für so manches Mitglied und so manchen Bekannten wurde der Laden zu einem Treffpunkt, um an einem der Bistrotische einen Schwatz zu halten. Das war aber keine Einbahnstraße: „Als meine Mutter gestorben war, hatte ich Leute zum Austausch“, erzählt Dagmar Tenten.

          „Schaff’ gute Bücher in Dein Haus“

          Eingerichtet hatten ihre Eltern die Büchergilde-Vertretung anfangs in der eigenen Wohnung. Der „Laden“ bestand aus zwei Regalen mit Vorhängen davor. „Das eine steht im Keller, das andere in der Garage. Und einen Vorhang habe ich auch noch“, erzählt Dagmar Tenten. Sie bewahrt das Erbe ihrer Eltern, an die eine Anzahl von gerahmten Zeitungsartikeln und Fotos im Laden erinnern, und entwickelt es weiter. Sie hat Lesungen mit regionalen Autoren organisiert, kleine Konzerte, Vernissagen und Gesprächsrunden. Auch für 2020 standen schon viele Termine. Dann kam die Corona-Pandemie.

          In der Folge gingen, wie bei anderen Buchhändlern, die Verkäufe zurück. Wobei sich Tenten beholfen hat. Per Anrufbeantworter informierte die ehemalige Lehrerin ihre Kundschaft, wann sie im Laden zu erreichen sei. Um besonders älteren Mitgliedern der Büchergilde entgegenzukommen, bietet sie die Lieferung per Fahrradkurier an.

          Ein Nebeneffekt der Pandemie: Die Rolle des Ladens als Infobörse, als Raum zum Plaudern und als Ort, in dem zu der bereitstehenden Gitarre greifen darf, wer spielen mag – „diese ganze Kultur ist weg“, sagt Tenten, gibt sich aber zuversichtlich: „Das baut sich wieder auf.“ Dann reserviert die Inhaberin auch wieder das rechte Schaufenster für die Hinweise auf eigene Veranstaltungen. Derweil heißt es noch: Bücher sichten, den Fortgang der Pandemie abwarten und planen. „Man muss es bewundern, dass sie so lange ausharrt bei der guten Sache, gute Bücher unter die Leute zu bringen“, meint einer, der sie schon länger kennt. Das wiederum erinnert stark an ein jahrzehntealtes Motto der Büchergilde: „Schaff’ gute Bücher in Dein Haus“.

          Der zitierte Gewährsmann bescheinigt Tenten auch eine aufopferungsvolle Arbeit abseits der großen Käuferströme. Nun wird sie nicht reich in ihrem Laden und ist in einem Alter, in dem andere an die Rente denken. Wie hält sie es mit dem Ruhestand? Sie muss keine Sekunde überlegen und sagt mit feinem Lächeln: „Meine Mutter stand mit 84 noch hier.“

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