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Wirtschaftsstandort Friedberg : Stadt voller Hoffnung

  • -Aktualisiert am

Planen das neue Friedberg: Stadträtin Marion Götz und Bürgermeister Dirk Antkowiak auf dem Gelände der ehemaligen Kaserne. Bild: Aders, Hannah

Das hessische Friedberg hat von seinem alten Glanz als „Perle der Wetterau“ einiges verloren. Doch die Stadt hat Potential, vor allem, weil sie jede Menge Platz hat.

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          Kopfschütteln und spöttische Kommentare - das sind die Reaktionen vieler Friedberger auf die Frage, was sie von ihrer Stadt halten. Die Altstadt und die zentrale Kaiserstraße finden sie vernachlässigt. "Es ist ein bisschen ungepflegt bei uns", meint Ulf Berger, der Sprecher der rund 50 Mitglieder zählenden Werbegemeinschaft "Friedberg hat's". Und die Lokalpolitik brauche zu lange, das Filetgrundstück der früheren amerikanischen Kaserne zu entwickeln. „Da ist kein roter Faden“, sagt der Inhaber eines Lederwaren-Fachgeschäfts. Der Tenor aller Kritik lautet: Friedberg nutze seine Möglichkeiten nicht. Verkaufen sich die Friedberger nicht unter Wert?

          Tatsächlich hat die Kreisstadt der Wetterau kein markantes Profil - wie etwa das schicke Bad Nauheim nebenan. Andererseits sind die Potentiale dieser Kommune sehr groß. Und es gibt Menschen, die sich kreativ und engagiert darum kümmern, Friedberg wieder zur "Perle der goldenen Wetterau" zu machen, wie die Stadt bereits 1927 in einem Werbefilm genannt wurde. Der Erfolg hat schon eingesetzt - die Einwohnerzahl wächst. Die Kauf- und Mietpreise für Immobilien sind hier erträglicher als weiter südlich in Richtung Frankfurt. Zudem ist die Stadt gut zu erreichen, bietet eine Reihe attraktiver Arbeitsplätze, viele Schulen und eine expandierende Technische Hochschule. Im Zentrum gibt es ein breites Sortiment an Geschäften und ein - wenn auch ausbaufähiges - Kulturleben. Und mit dem großen Gelände der früheren amerikanischen Kaserne hat Friedberg "einen der interessantesten Entwicklungsräume in ganz Deutschland", sagt Bernd-Uwe Domes von der Wetterauer Wirtschaftsförderung.

          Frankfurt ebenbürtig

          Es wird Zeit, dass Friedberg mehr von sich reden macht. Die Ruhmesblätter der Stadt wuchsen teils in ferner Vergangenheit. Zur Weihe des immer noch ansehnlichen Stadtkirchen-Hochaltars reiste 1306 der deutsche König Albrecht I. an. Im 14. Jahrhundert war die Reichsstadt Friedberg zwischen Wien, Lübeck und den Niederlanden für ihre feinen Tuche berühmt, sie stand in Bedeutung, Größe und Wirtschaftskraft mit Frankfurt auf einer Stufe. Das war schon um 1500 vorbei, doch immer wieder brachte die Stadt weit über sie hinaus wirkende Geistesgrößen hervor. Beispielsweise Martin Luthers Weggefährten Erasmus Alberus, viel später den mit dem Georg-Büchner-Preis geadelten Schriftsteller Henry Benrath und heutzutage den Historiker Herfried Münkler sowie den Schriftsteller Andreas Maier. Er beschreibt in seinen Büchern das Innenleben dieser längst nicht mehr ländlichen Kreisstadt am Nordrand des Rhein-Main-Ballungsraumes.

          In Zahlen ausgedrückt, besteht Friedberg aus einem Zentrum und fünf Stadtteilen auf einer 830 Hektar großen Fläche zwischen Frankfurt und Gießen. Versiegelt ist davon nur etwa ein Viertel. Die Stadt liegt jeweils etwa 15 Autominuten von der A5 und der Sauerlandlinie entfernt. Ins Umland gibt es diverse Bus- und Bahnverbindungen. Die Main-Weser-Bahn befördert die Friedberger in 27 Minuten zum Frankfurter Hauptbahnhof, nach Gießen dauert die Fahrt im ICE nur 16 Minuten. Die Zahl der Einwohner wuchs in den vergangenen 20 Jahren um zehn Prozent auf knapp 30.000. Geplant sind Quartiere für mehr als 5000 weitere Bürger. Das Statistische Landesamt beziffert die mittleren Jahreseinkünfte der rund 14.000 Steuerpflichtigen auf 40.068 Euro. Die Bad Nauheimer verdienen im Schnitt 7000 Euro, die Bad Vilbeler sogar knapp 15.000 Euro mehr.

          Blick auf die frühere Kasernengebäude
          Blick auf die frühere Kasernengebäude : Bild: Aders, Hannah

          Die Gewerbesteuer-Einnahmen für 2020 taxierte die Kämmerin Marion Götz (SPD) vor der Corona-Epidemie noch auf 16 Millionen Euro - es wird nun wohl deutlich weniger. Doch der breite Branchenmix und einige Schwergewichte unter den hier angesiedelten Betrieben sichern für die Zukunft stabile Einnahmen. Da gibt es die Produktionsanlagen von Fresenius Kabi, in denen gut 750 Arbeitnehmer unter anderem Infusionslösungen herstellen und täglich mehr als tausend Tonnen Medikamente und Medizintechnik zu den Kunden schicken. Die Deutschland-Zentralen der Autohersteller Mitsubishi und Subaru stehen in Friedberg, ebenso arbeiten die Roboter-Konstrukteure von ABB und die Erich Jaeger GmbH in der Stadt. Letztere ist ein Hidden Champion, der weltweit Steckverbindungen für die Lastwagen-Elektrik herstellt. Tausende Büroarbeitsplätze bieten die Sparkasse Oberhessen, die Volksbank Mittelhessen, diverse Behörden und der Ovag-Konzern, der drei Landkreise mit Gas, Strom und Wasser versorgt.

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