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Wirtschaftsprognose der Helaba : Wachstum über Bundesschnitt – Dax bei 14.500

Wenn das Geschäft am Flughafen Frankfurt wieder anzieht, dürfte auch die hessische Wirtschaft mehr Schub bekommen. Bild: Lando Hass

Für 2022 erwartet Gertrud Traud, Chefvolkswirtin der Helaba, in Hessen ein Wachstum über dem Bundesschnitt. Gefahr droht ihrer Ansicht nach von der Entflechtung weltweiter Wirtschaftsräume. Auch mit Folgen für den Dax.

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          Die hessische Wirtschaft hat im vergangenen Jahr stärker unter der Corona-Pandemie gelitten als die anderer Bundesländer. Nach vorläufigen Zahlen sank das Bruttoinlandsprodukt um 5,6 Prozent, während es in Deutschland insgesamt lediglich um 4,9 Prozent zurückging. In diesem Jahr scheint Hessen immerhin wieder Anschluss zu finden – das Statistische Landesamt veröffentlichte Ende September Zahlen, wonach die Wirtschaftsleistung in Hessen im ersten Halbjahr um 2,8 Prozent wuchs, in Deutschland nur leicht besser, um 2,9 Prozent.

          Manfred Köhler
          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          Ein bisschen mager findet das Gertrud Traud, die Chefvolkswirtin der Landesbank Hessen-Thüringen, und macht auch wenig Hoffnungen, dass es im zweiten Halbjahr besser laufen könnte. Eher habe die Dynamik nachgelassen.

          Traud erwartet für Deutschland wie auch für Hessen in diesem Jahr ein Wirtschaftswachstum von 2,6 Prozent. Doch Traud hat einen Trost parat: Wenn Hessen im laufenden Jahr noch nicht aus dem besonders tiefen Tal herauskomme, dann sicherlich im nächsten. Für 2022 rechnen sie und ihre für Regionalanalysen zuständige Kollegin Barbara Bahadori für die Bundesrepublik mit einem Wachstum von 4,1 Prozent, das Bruttoinlandsprodukt in Hessen werde jedoch um 4,4 Prozent zulegen. Das sind jeweils Zahlen, die sich nach ihrer Einschätzung positiv auch auf den Arbeitsmarkt in diesem Bundesland auswirken sollten.

          Dass Hessen tiefer in die Krise gerutscht ist und sich schwertut, dies rasch wieder wettzumachen, liegt nach Ansicht Trauds am Frankfurter Flughafen wie auch der Messe in der Mainmetropole. Der weitgehende Stillstand in beiden Branchen habe auch Hotellerie und Gastronomie in besonderer Weise getroffen, und die Erholung gelinge nicht so schnell wie erhofft.

          Wohraumprogramme gefährdet

          Auf den Flughafen und die Messe richtet die Chefvolkswirtin den Blick allerdings auch aus einem anderen Grund. Sie stehen sinnfällig für die besonders enge Verflechtung des Bundeslands mit der Weltwirtschaft, die sich auch an einem mit 55 Prozent überdurchschnittlich hohen Exportanteil der Industrie zeigt.

          Was über Jahrzehnte ein Garant für den Wohlstand des Bundeslands war, könnte Hessen in den nächsten Jahren nach Ansicht Trauds zum Nachteil gereichen. Sie sieht die gegenwärtigen Lieferschwierigkeiten auf der Welt nur als weiteres Zeichen einer generellen Entflechtung der Wirtschaftsräume. So wolle sich China wieder mehr auf sich selbst besinnen, und es blieben auch unter dem neuen Präsidenten in den Vereinigten Staaten die Handelsschranken bestehen.

          Die Schwierigkeiten in der Pandemie führten überdies zu einer Neubewertung der internationalen Arbeitsteilung. Auch das deutsche Lieferkettengesetz werde dazu beitragen, dass eher im Inland produziert werde. Trauds ernüchterndes Fazit: „Effizienz spielt keine Rolle mehr.“

          Die Folgen sieht sie skeptisch. Die Entflechtung der Weltwirtschaft treibe ohnedies schon die Kosten – im Moment zeigten das im Kleinen die Folgen des Brexits in Großbritannien –, der Fachkräftemangel, eine Folge des demographischen Wandels, erhöhe die Lohnkosten noch einmal in besonderer Weise.

          Eher abwärts am Aktienmarkt

          Arbeitskräfte- und Materialmangel hätten auch noch ganz andere Folgen – so könne es beispielsweise sein, dass ehrgeizige Programme zur Schaffung weiteren Wohnraums daran scheiterten. „Es baut halt kein Roboter.“ Das keynesianische Denken, jedes Problem lasse sich mit mehr Geld und mehr Nachfrage lösen, stoße an Grenzen. Die Inflation werde nicht wieder verschwinden und tendenziell steigen, führte Traud weiter aus und fasst die Lage so zusammen. „Es gibt viele Indikatoren für eine Zeitenwende.“

          An den Aktienmärkten erwartet Traud keine Aufwärtsentwicklung. Zu Beginn dieses Jahres hatte sie prognostiziert, am Jahresende werde der Dax bei 14.000 Punkten liegen, zwischenzeitlich hat sie die Prognose auf 14.500 hochgezogen. Derzeit steht der Index um 15.200. Traud hatte mit ihren Vorhersagen in den vergangenen Jahren oft richtig gelegen.

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