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Wirtschaftskontakte : Reiche Araber sollen für gesunde Umsätze sorgen

Die Emirate bauen ihren Flugverkehr aus Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Die hessische Medizin-Wirtschaft wirbt in Dubai für hessische Kliniken und Kurbetriebe. Die politische Führung der Emirate wiederum will hessische Ärzte ins eigene Land holen.

          2 Min.

          Die Scheichs und ihre Untertanen lieben das süße Leben - und das hat Folgen. In den Vereinigten Arabischen Emiraten ist Diabetes zu einer Volkskrankheit und zu einem ernsten Problem des Gesundheitssystems geworden. Nicht nur wegen der Süßigkeiten, aber auch deshalb.

          Jochen Remmert

          Flughafenredakteur und Korrespondent Rhein-Main-Süd.

          Jedenfalls hört Humaid Mohamed Al Qutami, Gesundheitsminister der Emirate, besonders aufmerksam hin, als der Internist Kristian Rett von der Deutschen Klinik für Diagnostik in Wiesbaden davon spricht, daß die Zuckerkrankheit sein Fachgebiet sei. Der Mediziner gehört zur Delegation des hessischen Wirtschaftsministers Alois Rhiel (CDU), die auf ihrer Reise in den Mittleren Osten auch den hessischen Kliniken zu mehr Geschäften mit den Emiraten verhelfen will.

          Kuren im Rhein-Main-Gebiet

          Rett und sein Kollege Rainer Moosdorf vom Universitätsklinikum Marburg-Gießen vertreten an diesem Morgen das Medical Network Hessen, eine Arbeitsgemeinschaft von Kliniken, der Kur- und Kongreß GmbH Bad Homburg und der Medizinservice-Agentur Quartana GmbH aus Wiesbaden. Die beiden Medizin-Professoren hoffen nun, daß nach dem in den Emiraten so wichtigen persönlichen Gespräch mit dem verantwortlichen Minister nun tatsächlich jenes Medizin-Kontaktbüro entsteht, für das sich die Ärzte aus Hessen schon seit einiger Zeit einsetzen.

          „Wir müssen raus“, sagt Rett, „werben und Flagge zeigen.“ Derzeit kämen rund 1200 der jährlich 36.000 Patienten der Deutschen Klinik für Diagnostik aus den Golfstaaten, sagt er, aber es würden mehr. „Wir stehen in einer internationalen Konkurrenz, und wir müssen auf diese Weise für den Gesundheitsstandort Hessen werben“, sagt Herzchirurg Moosdorf.

          Für die hessische Medizin-Wirtschaft könnte sich dieses Engagement als nützlich erweisen, denn die Herrscher und Wohlhabenden des Mittleren Ostens haben schon seit langer Zeit etwas übrig für das Kuren und Kuriertwerden im Rhein-Main-Gebiet. Als geradezu legendär gilt noch heute der Kuraufenthalt des Königs Ibn Saud von Saudi-Arabien 1959 in Bad Nauheim. Der Monarch reiste mitsamt seinem Hofstaat von 70 Männern, Frauen und Kindern an.

          Interesse an hessischen Ärzten

          Von Rekordumsätzen und ausschweifenden Banketten wird berichtet, allerdings auch davon, daß Ibn Saud später wegen Verschwendungssucht abgesetzt worden sei. Als sicher gilt jedenfalls, daß die saudiarabische Fußballmannschaft nicht zufällig zur WM genau an jenem Ort logiert, wo der alte Herrscher einst Quartier genommen hatte.

          Wie viele Gäste aus den Golfstaaten in ganz Hessen zur Kur, als Patient oder der Rehabilitation wegen logieren, ist statistisch nicht erfaßt. In Wiesbaden stellen die Besucher aus dieser Region derzeit die drittstärkste Gästegruppe; 23.400 Übernachtungen wurden im Jahr 2005 gezählt. Verglichen mit dem Vorjahr, ist dies nach Auskunft der Stadt ein Plus von 36 Prozent. Jochen Baumgartner von der Wiesbadener Medizin-Agentur Quartana plädiert allerdings dafür, nicht alleine die medizinische Leistungsfähigkeit hessischer Einrichtungen in den Emiraten nachhaltig zu bewerben, sondern auch die touristischen Qualitäten des Bundeslandes.

          Die politische Führung in den Emiraten ist indes nicht allein an guten Adressen für medizinische Betreuung in Hessen interessiert, sie wirbt auch intensiv dafür, daß hessische Ärzte in einem der sieben Emirate praktizieren. Bisher täten dies noch längst nicht so viele, wie man es sich wünsche, sagt Gesundheitsminister Qutami.

          Leben in Palästen?

          Wer von den in Deutschland am kränkelnden Gesundheitssystem leidenden Medizinern nun aber schon vom Leben in Palästen und märchenhaften Einkommen träumt, der sei gewarnt. Beides gibt es in den Emiraten zwar, aber in der Regel nicht oder zumindest noch nicht für Mediziner - schon gar nicht für die aus dem Ausland. Ihnen ist beispielsweise untersagt, als Krankenhaus-Angestellte zusätzlich eine private Praxis zu betreiben.

          Zum Trost sei gesagt, daß in den Vereinigten Emiraten Arbeitszeiten, wie sie mancher Klinikarzt in Deutschland zu ertragen hat, zumindest den Ärzten fremd sind. Außerdem sind gesetzliche Änderungen geplant, die es für Mediziner aus dem Ausland auch finanziell attraktiver machen soll, unter Palmen zu praktizieren. Was die Instrumente betrifft, ist auch keine große Umgewöhnung vonnöten, denn die, merkt der Gesundheitsminister an, seien fast alle „made in Germany“.

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