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„Wirtschaftsgespräche am Main“ : Zeit für Geselligkeit ist Pflicht in China

„Erstklassiges Personalmanagement ist in China sehr wichtig”: Stefan Messer Bild: F.A.Z. - Daniel Pilar

Das Familienunternehmen Messer ist seit zehn Jahren in China vertreten und hat in dieser Zeit den Umsatz verfünffacht. Und es will dort weiter wachsen. Um dort Erfolg zu haben, ist außer einer Marktanalyse auch Zeit für Geselligkeit wichtig, sagt der Chef Stefan Messer.

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          Ob Fraport-Chef Wilhelm Bender angesichts der sich seit Jahren hinziehenden Planungen zum Ausbau des Frankfurter Flughafens neidisch nach China schaut? Dort werden große Bauvorhaben erheblich schneller verwirklicht als hierzulande, wie Stefan Messer, Vorsitzender der Geschäftsführung des Industriegase-Herstellers Messer mit Sitz in Sulzbach, sagt. Wenn Platz gebraucht wird, dann gibt es eine Anweisung der Regierung, und zum Beispiel ein Stahlwerk wird geschlossen. „So läuft das in China“, berichtete Messer bei den von Werner D'Inka, Herausgeber der F.A.Z., moderierten 60. „Wirtschaftsgesprächen am Main“ im Hotel Intercontinental in Frankfurt.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Sache mit dem Stahlwerk kennt Messer aus eigener Erfahrung, denn zu der Fabrik gehörte auch eine Luftzerlegungsanlage von Messer, die gleich mit abgerissen wurde. Zwei Jahre hat das Unternehmen verhandeln müssen, bis man ihm schließlich eine Ausgleichszahlung zugestand. Dieser Vorfall war für das Familienunternehmen jedoch kein Anlaß, bei den Planungen zu China auch nur einen Gang zurückzuschalten. Im Gegenteil.

          Unternehmen will den Umsatz verdoppeln

          „Unsere zehn Jahre Erfahrung machen uns optimistisch, weiterhin erfolgreich in China zu sein“, sagte Messer. Binnen fünf Jahren will das Unternehmen den Umsatz auf diesem Markt auf 200 Millionen Euro verdoppeln, nachdem er seit 1996 bereits verfünffacht worden ist. China ist nach seinen Worten die wichtigste Wachstumregion für den aus Messer Griesheim und der Hoechst AG hervorgegangenen Konzern, dessen Produkte von vielen Branchen nachgefragt und zum Betrieb von Hochöfen ebenso benötigt werden wie zum Kühlen von Lebensmitteln oder auch dazu, Koffein aus dem Kaffee zu ziehen. Deshalb gilt das Geschäft als recht unempfindlich gegenüber Konjunkturdellen.

          Der Industriegase-Spezialist hat noch zur Hoechst-Zeit sein China-Geschäft aufzubauen begonnen, verfügt dort derzeit über 13 Gesellschaften mit rund 1300 Mitarbeitern, beziffert den Marktanteil auf sechs Prozent und sieht sich als Vorreiter der Branche in den zentralen Provinzen. Im vergangenen Jahr hat er 200 Millionen Dollar in diesen Markt investiert, also das Doppelte des jetzigen Jahresumsatzes. Gerade eben erst hat Messer ein neues Werk in Betrieb genommen, und die größte Gesellschaft in China steht vor dem vierten Ausbauschritt, wie er weiter sagte.

          Keine Angst vor Konkurrenz

          Messer betreibt außer reinen Tochterunternehmen auch Gemeinschaftsfirmen mit chinesischen Partnern. Da die in China genutzten Anlagen, in denen die Luft in Sauerstoff, Stickstoffe und Edelgase zerlegt wird, aus einheimischer Produktion stammen, muß er den Diebstahl geistigen Eigentums, vor dem mit Blick auf China oft gewarnt wird, nicht befürchten.

          Bei der Belieferung von Kunden mit Anlagen, die auf dem jeweiligen Betriebsgelände stehen, muß sich Messer praktisch keinem Wettbewerb stellen. Chinesische Gasehersteller haben sich demnach auf den Vetrieb mit Stahlflaschen verlegt und halten sich auf dem sogenannten On-site-Geschäft heraus, das hohe Investitionen erfordert. „Und wenn eine solche Anlage steht, kommt niemand auf die Idee, eine weitere danebenzustellen“, so Messer. Somit habe sein Unternehmen auch keine Angst, Konkurrenz zu bekommen.

          Den Gepflogenheiten anpassen

          Dabei hat der Industriegase-Hersteller auch schon einmal die Segel streichen müssen. So hat er nach zwei Jahren ein Gemeinschaftsunternehmen aufgegeben. Messer war zuvor einer Grundregel für Geschäfte in China nicht hinreichend gerecht geworden: der Erfordernis, regionale Märkte vor einer Investition genau zu prüfen. Die zweite Grundregel Messers lautet, es mit juristischen Dingen genau zu nehmen. „Ganz wichtig ist, Chinesen nicht dazu zu zwingen, sich anzupassen“ - und sich die Geschäftspartner genau auszusuchen. Angesichts „explodierender Gehälter“ - „in Schanghai ist ein Ingenieur für 2000 Dollar im Monat nicht mehr zu bekommen“ - zahlt sich laut Messer auch die Mitarbeiterpflege aus.

          Nicht zuletzt sind Geschäftsessen ein Muß, wie der Konzernchef hervorhob. Nach hiesigen Gepflogenheiten gleich zur Sache zu kommen und sich als erstes dem Kooperationsvertrag zuzuwenden ist demnach nicht drin: „Sie müssen genug Zeit für Geselligkeit mitbringen - sonst können Sie gleich zu Hause bleiben.“

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