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Wirtschaft und Umweltschutz : Surf-Scham statt Flug-Scham

Frankfurter Flughafen: wichtiges Wirtschaftszentrum für die Stadt Bild: dpa

Möchte man der Umwelt etwas Gutes tun, sollte man Bahn fahren. Oder? Das neue Kesseltreiben gegen den Flugverkehr muss man aus Frankfurter Sicht mit größter Sorge betrachten.

          Der überdrehten Debatte um den Klimaschutz täte ja schon etwas Sachlichkeit gut. So gilt es als unverrückbare Tatsache, dass Fahrten mit der Eisenbahn in Deutschland „zu teuer“ sind, das Fliegen hingegen „zu billig“ ist. Abgesehen davon, dass das Empfinden für Preise je nach der Größe des eigenen Geldbeutels differiert – „billige“ Flugtickets haben immerhin Menschen mit wenig Geld ermöglicht, etwas von der Welt zu sehen –, ist es so pauschal einfach nicht richtig.

          Die Wahrheit ist, dass die Preise von Bahntickets dank des Wettbewerbers Fernbus stark gesunken sind. Auf einer wichtigen Verbindung von Frankfurt aus, der nach Berlin, unterbietet die Bahn oft selbst Easyjet, den Herausforderer der Lufthansa, wie ein Vergleich der F.A.Z. zeigt. Diejenigen, die immer von den „billigen“ Flügen reden, gehen überdies der Werbung von Ryanair & Co. auf den Leim, die in Wahrheit nur wenige Tickets zu Kampfpreisen absetzen, sonst aber sehr wohl wissen, wie man der Kundschaft tief in die Tasche greift.

          Das neue Kesseltreiben gegen den Flugverkehr muss man aus Frankfurter Sicht ohnedies mit größter Sorge betrachten. Die Mainmetropole lebt von ihrem Flughafen; wenn alle Flüge von Deutschland aus verteuert werden, so wird man Frankfurt eben umfliegen, eine Verteuerung allein des Inlandsverkehrs birgt die Gefahr, dass der Flughafen als Knotenpunkt an Bedeutung verliert. Wenn also zum Beispiel der stellvertretende Frankfurter SPD-Vorsitzende Oliver Strank sagt, Fliegen müsse unattraktiver werden, dann hat er nicht begriffen, wovon diese Stadt lebt.

          Zu den Fakten zählt, dass der Flugverkehr an den weltweiten CO2-Emissionen einen Anteil von nur drei Prozent hat. Das ist nach einer neuen Studie weniger, als die IT-Branche mit dem Internet erzeugt. Bevor jemand aufs Fliegen verzichtet, müsste er also offline gehen. Surf-Scham? Davon war bisher allerdings nichts zu hören. Frankfurt würde freilich auch dies schaden, ist die Mainmetropole doch längst nicht nur ein Hub des weltweiten Flug-, sondern auch des weltweiten Internetverkehrs. Umweltpolitik ist eben knifflig. Doch unmöglich ist es keineswegs, allen Belangen gerecht zu werden. Was hilft? Na, Sachlichkeit.

          Manfred Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

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