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Wiesbaden : Volksbank im Höhentrainingslager

Brauchen Ausdauer: die Vorstände der Volksbank (v. l.) Jochen Kerschbaumer, Matthias Hildner und Jürgen Schäfer Bild: Frank Röth

Die Bilanzen der Banken aus dem Corona-Jahr 2020 werden mit Spannung erwartet. Die Wiesbadener Volksbank legte ihre Zahlen bereits vor. Die Lage bleibt schwierig.

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          Die Luft wird dünner, und das macht Matthias Hildner Sorgen. Traditionell legt die Wiesbadener Volksbank in der ersten Woche des neuen Jahres ihre Zahlen für das Vorjahr vor, und trotz eines für ihn zufriedenstellenden Ergebnisses nutzte der Vorstandsvorsitzende des genossenschaftlichen Instituts den Termin für eine Mahnung. „Die Rahmenbedingungen für Banken sind knallhart“, sagte Hildner, und das liegt in erster Linie an den dauerhaft niedrigen Zinsen, die sich laut Hildners Prognose auch in den nächsten Jahren nicht erholen werden. „Das nimmt der Bank die Luft zum Atmen.“

          Daniel Schleidt

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das Unternehmen müsse sehr viel Höhentraining betreiben, um mit wenig Sauerstoff gut auskommen zu können, ergänzte Hildner, oder anders formuliert: Das Unternehmen aus der Landeshauptstadt muss sich schwer anstrengen, um mit dem Umfeld der Banken fertig zu werden.

          Mit dieser Sorge steht die Wiesbadener Volksbank nicht allein da, die ganze Branche in Deutschland steckt in einem Transformationsprozess, der Folgen hat. Kosten runter, Erträge hoch, das ist die einfache betriebswirtschaftliche Rechnung – aber sie ist schneller ausgesprochen als umgesetzt.

          Keine Verwässerung der Marke

          Bei der Wiesbadener Volksbank beinhaltet sie eine Reihe von Maßnahmen. An erster Stelle stehen, aus aktuellem Anlass, Fusionen. Ende Oktober gaben die Wiesbadener und die VR Bank Untertaunus mit Sitz in Idstein ihren Zusammenschluss bekannt. Man arbeite schon seit Jahren vertrauensvoll zusammen, begründete Hildner die Fusion, die von den Vertreterversammlungen beider Häuser im Mai rückwirkend zum Jahresbeginn vollzogen werden soll. Doch wenn man schon so lange so kooperiert, warum kommt die Verschmelzung erst jetzt?

          Auch das beantwortet Hildner mit dem wirtschaftlichen Umfeld. Vor allem die niedrigen Zinsen und daraus folgend die schrumpfenden Anlagegewinne der Banken am Kapitalmarkt sorgten dafür, dass die Geldhäuser Kosten sparen müssten. Der Zusammenschluss soll nun dafür sorgen, dass zum Beispiel nur noch eine Personal- und eine Kreditabteilung nötig sind, zudem werden Überschneidungen im Geschäftsgebiet aufgelöst. „Niemand weiß, was die ideale Betriebsgröße für eine Bank ist“, sagt Hildner. Doch es werde immer schwieriger für kleinere Häuser, eigenständig zu existieren angesichts der Komplexität der Herausforderungen, zu denen auch regulatorische Anforderungen und vor allem die Digitalisierung gehören. „Ich bin sicher, dass die Konsolidierung der Branche mit hohem Tempo voranschreiten wird.“ Die Wiesbadener Volksbank dagegen, die Hildner seit 2013 führt, plant derzeit keine weiteren Fusionen.

          Auch dem Modell, sich Filialen mit Sparkassen zu teilen, folgt das genossenschaftlich organisierte Institut nicht, im Gegensatz zu den Kollegen der Frankfurter Volksbank, die mit der Taunussparkasse gemeinsame Sache machen. Hildner hält diesen Ansatz für sein eher städtisch geprägtes Geschäftsgebiet für wenig sinnvoll und verweist auch darauf, dass eine solche Kooperation zur Verwässerung der Marke führen könne. „Die Frage, wo dann eigentlich noch der Unterschied sein soll, ist nicht so weit hergeholt“, sagt er.

          Geldautomaten ja, Beratung nein

          Neben Fusionen gibt es für die Volksbank weitere Ansätze, Kosten zu sparen, zum Beispiel bei Filialen. Ohnehin geht die Zahl der Kunden, die ihre Bankgeschäfte dort abwickeln, seit Jahren zurück, im Gegenzug steigen digitale Zugriffe an. Die Corona-Pandemie hat diese Entwicklung verstärkt. Deshalb hat das Geldhaus bereits im Herbst fünf mit Personal besetzte Filialen zu Servicestellen umgewandelt, in denen keine Beratung mehr möglich ist, sondern nur noch Geldautomaten stehen. Für eine gute Beratung sei es zumutbar, dass man einen etwas weiteren Weg zurücklege, findet Hildner. Zudem ist das Bankgeschäft und damit auch die Beratung komplexer geworden, der Trend geht zu gut ausgebildeten Kräften an zentralen Stellen. So bleiben bei der Volksbank noch 23 Filialen und zehn Selbstbedienungsstellen übrig.

          Mit dieser Zahl und derzeit knapp unter 600 Mitarbeitern geht die Volksbank in ein Jahr, das weiter von der Corona-Krise geprägt sein wird. Im Jahr 2020 sei die Höhe der Kreditausfälle nicht spürbar größer gewesen als vorher, und das erwartet Hildner auch für 2021 nicht. Das klingt überraschend angesichts der Krise. Doch die Wiesbadener haben sich in den vergangenen Jahren bereits, wie Hildner es nennt, zu einer Art Hypothekenbank entwickelt und sind demnach von den Folgen der Pandemie weniger stark betroffen als vermutlich andere Institute. „Wir profitieren davon, dass der Anteil an klassischen Unternehmensfinanzierungen im Kreditgeschäft bei uns unterdurchschnittlich ist“, sagt der Vorstandschef. Stattdessen werden eher Immobilien finanziert, vor allem privater Natur. Und Betriebe aus der Gastronomie und aus dem Handel, beide stark betroffen von Corona, seien im Kreditportfolio des Hauses wenig vertreten.

          Das veranlasste Hildner auch zu dem Hinweis, den Sauerstoffmangel der Bank noch gut kompensieren zu können, wenngleich er nicht sicher sei, wielange das noch geht. Schließlich sind die Betriebsergebnisse rückläufig (siehe Tabelle). Irgendwann komme man wohl nicht mehr umhin, über weitere Maßnahmen, etwa auch Negativzinsen für Einlagen von Privatpersonen, nachdenken zu müssen. Doch das dauert noch, so Hildner. Derzeit, sagte er und blieb damit im Bild der dünnen Luft in der Bankenbranche, „sind wir gut trainiert“.

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