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Frankfurt als „Smart City“ : „Teilweise haben wir hier wirklich noch Mittelalter“

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Wo wird wie viel Strom verbraucht? Auch detaillierte Antworten darauf sind die Voraussetzung für die „Smart City“. (Symbolbild) Bild: dpa

Vom „Mittelalter“ ins Jahr 2022: Wie kann die Mainmetropole eine digital vernetzte Stadt werden? Für Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Forschung ist klar: Im Alleingang geht es nicht.

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          Das Wort „smart“ ist nicht sonderlich aussagekräftig, glaubt Marc Gille-Sepehri, Geschäftsführer des Softwareentwicklers Thing Technologies aus dem hessischen Schwalbach. Komfortabler, effizienter, gesünder, nachhaltiger, all das bedeute in der heutigen Zeit smart. Enger gefasst aber meine es „digital vernetzt“. Die zentrale Frage, die sich für das Konzept einer „Smart City“ stelle, sei: „Was motiviert Mitspieler, Dinge smart anzugehen?“

          Kim Maurus
          Volontärin.

          Zumindest einige dieser Mitspieler, Vertreter aus der Frankfurter Politik, Wirtschaft und der Forschung, kamen in dieser Woche auf einer Veranstaltung der Wirtschaftsförderung Frankfurt zusammen, um sich über die digitale Zukunft Frankfurts zu auszutauschen. Und sie kamen recht schnell zu dem Schluss: Wenn Frankfurt eine digital vernetzte Stadt etwa nach dem Vorbild Darmstadts werden will, das an dem Abend mehrmals herausgestellt wurde, dann müssen alle enger zusammenarbeiten.

          Die Diskussionsteilnehmer fanden für den Status quo der Mainmetropole deutliche Worte. „Teilweise haben wir hier wirklich noch Mittelalter“, sagte Oliver Schwebel, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung, der die Runde moderierte. So könne man in manchen Parkhäusern in der Stadt immer noch nur mit Bargeld zahlen. „Frankfurt steht heute bei einer 4,5 auf einer Skala bis zehn“, räumte auch Digitaldezernentin Eileen O’Sullivan (Volt) ein. Ihr Ziel in den kommenden vier Jahren sei es, die Stadt auf die Note 7 oder 8 zu bringen. In den kommenden Monaten sei etwa der Start einer „urbanen Datenplattform“ geplant, die Transparenz herstellen und Bürgern ermöglichen solle, am Digitalisierungsprozess teilzunehmen. Man sei mit anderen Städten im Austausch, natürlich mit Darmstadt, habe aber auch Kontakte nach Hamburg, München und zum digitalen Vorreiter Estland ausgebaut.

          Zusammenstecken wie Hifi-Komponenten

          Es sei wichtig, im ersten Schritt eine „agile, transparente Dach-Strategie“ zu konzipieren, damit Frankfurt nicht weiter im Bitkom-Ranking für Deutschlands smarteste Städte nach unten rutsche. „Smart City ist ja auch vor allem dafür da, um das Leben der Bürgerinnen und Bürger zu verbessern“, sagte die Stadträtin. Wichtig sei auch der Kontakt zu den jungen Unternehmen in der Region. Laut Wirtschaftsdezernentin Stephanie Wüst (FDP), die ein digitales Grußwort sprach, gibt es in der Stadt derzeit rund 400 Start-ups und 20 Coworking-Spaces.

          Gille-Sepehri von Thing Technologies betonte, nur wenn alle Interessenvertreter beteiligt würden, könne die Stadt wirklich „smart“ werden. Privatpersonen, Industrie, Handel und Dienstleistungen, Verkehr und Mobilität, Immobilienbesitzer und Unternehmen – alle ihre Beiträge müssten ineinandergreifen, „so wie man früher Hifi-Komponenten zusammengesteckt hat“. Keine Stadt treibe die Digitalisierungsstrategie eines Unternehmens voran, aber die Politik könne diese Prozesse zumindest verwalten.

          Simone Schlosser, Geschäftsführerin des städtischen Tochterunternehmens Digitalstadt Darmstadt, laut Schwebel die „Champions League-Stadt im Bereich Smart City“, führte aus, dass Darmstadts Digitalverwandlung vor allem der erfolgreichen Teilnahme an einem Bitkom-Wettbewerb im Jahr 2017 und der damit verbundenen Fördermittel zu verdanken sei. „Es ist ja immer noch ein bisschen eine Black-Box, was eine Smart City eigentlich ist“, sagte sie. 14 Handlungsfelder beschäftigten die Darmstädter, von IT und Infrastruktur bis Handel und Tourismus sei alles dabei. Das Land Hessen finanziere die Digitalstadt Darmstadt mit rund fünf Millionen Euro, im städtischen Haushalt seien zusätzlich 650.000 Euro vorgesehen. Akteure zu vernetzen, sei in jedem Fall „ein Erfolgsmodell“.

          Transparenz als Ausgangspunkt

          Lothar Stanka vom Energieversorger Mainova berichtete beispielhaft aus der Praxis. In Kooperation mit dem Start-up Awatree habe man etwa ein System entwickelt, durch das die Bäume in der Stadt mittels Sensoren in der Erde bedarfsgerecht bewässert werden. Für Unternehmen, aber auch die Stadt, gehe es häufig erstmal darum, Daten zu erfassen und etwa Strom effizienter zu nutzen, betonte er. Neue Funktechnologien wie LoRaWAN, seien für das Sammeln von Sensordaten elementar. Sowohl Darmstadt als auch Frankfurt verfügen über diese Technologie, über die mit wenig Energieaufwand Datenmengen über mittlere Reichweiten ausgetauscht werden können.

          Hannes Utikal, Professor an der Provadis Hochschule, beschäftigt sich unter anderem mit der Digitalisierung des Industrieparks Höchst. „Klima-Ziele werden bejubelt, ohne dass eine systematische Transparenz darüber herrscht, welche CO2-Werte wo und von wem zu welchem Zeitpunkt gemessen werden“, kritisierte er. Es müsse zunächst darum gehen, dass die Industrie wisse, wo genau sie welchen Verbrauch verringern könne. Transparenz sei auch anderweitig nützlich. Hätte etwa der Industriepark bereits einen „digitalen Zwilling“, könnte man zum Beispiel direkt erfassen, welche Energieströme von einem Gas-Embargo betroffen wären. Utikal verwies auf das spanische Valencia als Vorbild. Die Stadt mache sich „Reversed Pitching“ zunutze und stelle ihre Digitalisierungsprobleme samt einem Budget verschiedenen Start-ups und Unternehmen vor, diese könnten dann Lösungen liefern.

          Nicht alles aber stehe noch am Anfang. Von Januar 2023 sollen 27 Züge im Rhein-Main-Gebiet mit Wasserstoff fahren und an Tankstellen im Industriepark betankt werden. „Wasserstoff ist das Nebenprodukt der chemischen Produktion“, sagte Utikal. Dass man die Ressourcen weiternutze, sei „ein genialer Ansatz.“ Und dann wiederholt auch Utikal das, worüber schon Einigkeit bestand: Damit das auch im großen Stil möglich werde, sei es „maximal wichtig, die Stakeholder zusammenzukriegen“ und voneinander zu lernen.

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