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Neuer Vorstands-Chef : Schicksalsjahr für die Commerzbank

Im Nebel: Der Commerzbank steht ein schwieriges Jahr bevor. Bild: Finn Winkler

Der neue Vorstands-Chef Manfred Knof gilt als Sanierer. Um den Niedergang der altehrwürdigen Commerzbank zu stoppen, muss er eine Mammutaufgabe bewältigen. Doch viel Zeit bleibt ihm dafür nicht.

          3 Min.

          Die Commerzbank steht vor einem Schicksalsjahr. Mal wieder, sagen die einen angesichts der jüngeren Unternehmenshistorie, in der ein Dauerthema seit der Finanzkrise der Umbau des Konzerns ist. Doch dieses Mal, sagen andere, könnte es für den Frankfurter Konzern die letzte Chance sein, sich endlich nachhaltig zu sanieren.

          Daniel Schleidt
          Koordinator der Wirtschaftsredaktion in der Rhein-Main-Zeitung.

          Denn ausgerechnet das zu Ende gehende Jahr, in dem die Commerzbank den 150. Jahrestag ihrer Gründung feierte, wird trotz der nicht gerade an Skandalen und Negativschlagzeilen armen jüngeren Geschichte des Hauses als eines der schlechteren in Erinnerung bleiben. Schon bevor die Bank im Sommer 2020 mit der Ankündigung des Rücktritts des Vorstandschefs Martin Zielke und des Aufsichtsratsvorsitzenden Stefan Schmittmann in ein veritables Führungschaos schlitterte, hatte das Unternehmen genug Schwierigkeiten.

          Die Corona-Krise, die niedrigen Zinsen, Entlassungen, Filialschließungen, der Digitalisierungsdruck: Die Commerzbank ist gefangen in den Fesseln ihrer Vergangenheit, und niemand vermag zu sagen, ob sie sich eines Tages daraus wird befreien können. Einen ähnlichen Gedanken dürfte der neue Chef-Kontrolleur Hans-Jörg Vetter gehabt haben, als er sich zur Überraschung vieler Beobachter am Finanzplatz dazu entschied, Manfred Knof zum neuen Vorstandsvorsitzenden zu ernennen.

          Führungschaos: Der Rücktritt von Martin Zielke brachte die Bank so richtig ins Schlittern.
          Führungschaos: Der Rücktritt von Martin Zielke brachte die Bank so richtig ins Schlittern. : Bild: dpa

          Der Finanzmanager, der zuletzt bei der Deutschen Bank für das nationale Privatkundengeschäft verantwortlich war, gilt als Sanierer, genauso wie Oberaufseher Vetter. Gemeinsam wollen sie den Niedergang der altehrwürdigen Commerzbank stoppen. Es ist eine Mammutaufgabe in einer äußerst komplexen Gemengelage. Zunächst muss Knof in dem Konzern nach dem Führungswechsel und der Massenflucht von Top-Managern, etwa des Firmenkundenvorstands und Ex-ING-Chefs Roland Boekhout, für Ruhe sorgen. Schließlich sind Unsicherheit und Sorgen innerhalb der Belegschaft groß.

          Ein Minus von 69 Millionen Euro

          Doch viel Zeit bleibt Knof nicht, um erste Signale zu senden, wie er die Bank sanieren will. Zuletzt fuhr der Konzern im dritten Quartal wegen drohender Kreditausfälle durch die Corona-Krise und Kosten für den Konzernumbau ein Minus von 69 Millionen Euro ein. Analysten erwarten, dass die Frankfurter 2020 erstmals seit 2012 wieder rote Zahlen schreiben werden.

          Die Investoren sind unruhig und nach den Chaoswochen auch irritiert. Aus Finanzkreisen heißt es, dass sich der Bund, der seit der Finanzkrise vor gut zehn Jahren mit 15 Prozent größter Anteilseigner der Bank ist, zunehmend in die Strategie einmischt. Demnach soll das Sanierungskonzept, das der noch amtierende Vorstandsvorsitzende Martin Zielke im Juni 2020 vorlegte, als zu wenig ambitioniert gerügt worden sein und diese Kritik möglicherweise zum Rückzug Zielkes und Schmittmanns geführt haben.

          Sanierer: Manfred Knof soll für ruhigere Verhältnisse sorgen.
          Sanierer: Manfred Knof soll für ruhigere Verhältnisse sorgen. : Bild: dpa

          Am Montag teilte die Bank wenige Tage vor dem Amtsantritt ihres neuen Chefs mit, für den bereits 2019 angekündigten Abbau von netto 2300 Arbeitsplätzen im laufenden Quartal Rückstellungen in Höhe von 610 Millionen Euro zu bilden, die das Jahresergebnis zusätzlich belasten. Die Nachricht darf als Vorgriff auf weitere harte Einschnitte interpretiert werden, die unter Knof und Vetter folgen könnten. So heißt es in der Mitteilung, die Bank plane weitere Restrukturierungsmaßnahmen im Rahmen der für das erste Quartal 2021 avisierten Strategieankündigung. Derzeit beschäftigt die Commerzbank weltweit knapp 48.000 Mitarbeiter, davon gut 11.000 in Frankfurt.

          Wie hart wird der Sparkurs von Knof ausfallen?

          Für das neue Jahr stellen sich Investoren und Mitarbeiter eine Reihe von Fragen. So gilt es noch nicht als ausgemacht, wie hart der Sparkurs von Sanierer Knof und Aufseher Vetter, der sich offenbar stärker als gewöhnlich in das operative Geschäft einbringen will, ausfallen wird. Finanzkreisen zufolge könnten in den nächsten Jahren bis zu 10.000 Stellen gestrichen werden, möglicherweise könnte die Zentrale am Frankfurter Kaiserplatz dabei überproportional betroffen sein. Gleichzeitig ist unklar, wie stark die Zahl der Filialen schrumpfen wird.

          Zudem halten sich hartnäckig die Gerüchte, wonach die Commerzbank ein Anwärter für eine Übernahme durch ein anderes europäisches Finanzinstitut ist – zumal aus den Reihen der Europäischen Zentralbank kürzlich noch einmal zu hören war, dass man großen Zusammenschlüssen nicht im Weg stehen wolle.

          All diesen Aufgaben wird sich Manfred Knof stellen müssen. Der 55 Jahre alte Jurist gilt als nüchterner Entscheider und als harter, durchsetzungsstarker Sanierer. Aufsichtsratschef Vetter pflegt ein ähnliches Image und hat unter anderem einst die Landesbank Baden-Württemberg restrukturiert. Diese Personalia zeugen davon, dass der Commerzbank ein ereignisreiches Jahr bevorstehen wird.

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