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Wertheim Village : Sparfuchs im Outlet-Dörfchen

Ende 2003 eröffnet: Wertheim Village Bild: F.A.Z.-Foto Rainer Wohlfahrt

Das Wertheim Village zwischen Aschaffenburg und Würzburg wirbt mit Designerboutiquen. Die wirklich guten Angebote im Outlet-Center sind jedoch unter den zeitlosen Klassikern zu finden.

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          Sparen ist anstrengend und kostet Kraft. Darum sollte sich, wer im Wertheim Village auf Schnäppchenjagd geht, zunächst im italienischen Restaurant stärken. Für eine Pizza Salami zahlt der Besucher 6,80 Euro. Das ist noch akzeptabel angesichts des Durchmessers von 30 Zentimetern – und ein angemessener Auftakt für einen Streifzug durch die rund 100 Outlet-Shops der Edelmarken und Luxuslabels, die den Einzelhändlern von Aschaffenburg bis Würzburg zu Recht einigen Kummer bereiten.

          Ewald Hetrodt

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

          Dabei macht hier niemand ein Hehl daraus, dass die angebotene Ware in der Regel nicht „aktuell“ ist. Weil sie aus der vergangenen Saison stammt, sind die Preis um ein Drittel günstiger. Die Polo-Shirts von Lacoste beispielsweise kosten nicht 75, sondern nur 54 Euro. Ein geschulter Träger des grünen Krokodils erkennt jedoch, dass der Farbton eigentlich überholt ist.

          Die weißen Shirts, die Zahnärzte gern in der Praxis und auf dem Tennisplatz tragen, sieht man hier nicht. Denn sie sind zeitlos. Dafür lag am vergangenen Montagnachmittag bei Lacoste ein Pullover im Regal, dessen Farbe mit „Aquarium“ angegeben war. Weil „Aquarium“ aber heutzutage nicht mehr angesagt ist, wurde das Teil von 139 auf 99 Euro heruntergesetzt. Wem Hellblau steht, der mag die Geldbörse zücken.

          „Kleine Farbabweichungen“

          Doch der Sparfuchs behält die Nerven. Er geht lieber erst einmal zu Falke. Die Marke aus dem Sauerland ist zutiefst bodenständig, denn Strümpfe sind die Kernkompetenz. Ware aus der vergangenen Saison? Und wenn schon! Socke bleibt Socke – erst recht wenn sie grau ist. Wer „kleine Farbabweichungen“ oder „leichte Webfehler“ unter seinem Fuß ertragen kann, der greift ganz uneitel zur sogenannten 1b-Ware. Ein „eleganter Business-Strumpf“, der regulär bei 9,50 Euro liegt, geht im Wertheim-Shop für 4,70 über die Ladentheke.

          Nebenbei bemerkt: Die Verkaufsräume im Wertheim-Village sind ebenso ansprechend gestaltet wie das komplette Dorf, das vor gut vier Jahren auf der grünen Wiese aus dem Boden gestampft wurde.

          Etwas eigenwillig ist gelegentlich das Publikum. Häufig verlassen zum Beispiel Urlauber die ganz in der Nähe gelegene Autobahn A 3, um in die Läden der großen Designermarken einzufallen. Manche von ihnen behalten die dort erstandenen Teile gleich an und präsentieren das Resultat der übereilten Aktion bei Tageslicht. In ihrem hektischen Bemühen, den braunen Teint, den sie sich in der Sonne erarbeitet haben, mit einem neuen Outfit noch zu unterstreichen, laufen sie Gefahr, ihren guten Geschmack, sofern vorhanden, gnadenlos zu überrumpeln.

          Wunschkandidat in Größe 44 vergebens gesucht

          Gelegenheiten dazu bieten sich in Wertheim reichlich. Am Montag hing beispielsweise bei Bogner ein weißer Blazer mit beigefarbenem Futter an der Stange: für 279 statt 399 Euro.

          Wer wirklich etwas auf sich hält, meidet die Stores von Aigner, Bally, Bogner, Trussardi, Versace, Golfino, Jette, Marc O'Polo und Co. Denn deren topmodischen Produkte verlieren nach einer Saison tatsächlich an Wert. Und auch die schrillen Kleidungsstücke werden ja keineswegs verschenkt.

          Etwas anders liegen die Dinge beim italienischen Schuhfabrikanten Geox. Hier sieht man gelegentlich schicke Schuhe, die von 140 auf 88 Euro heruntergesetzt sind. Aber fast nie gibt es den Wunschkandidaten in der „gängigen“ Größe 44.

          Wertheim Village wirbt zwar vor allem mit seinen Designerboutiquen, die wirklich guten Angebote sind aber unter den zeitlosen Klassikern zu finden. Neben Falke ist Seidensticker ein gutes Beispiel. Weiße, nahezu bügelfreie Hemden aus Ostwestfalen kosten hier 34,95 Euro und fallen unter die berühmte Rubrik: Da kann man nichts falsch machen.

          Eine Auge auf der B-Sortierung

          Im Übrigen gibt es in diesem Outlet-Center nicht nur Kleidung zu kaufen. Auch Marken wie Samsonite und Steiff sind in Wertheim mit eher zeitlosen Produkten vertreten.

          Grundsätzlich gilt: Wer mehr als ein knappes Drittel des regulären Einkaufspreises sparen will, sollte ein Auge auf die B-Sortierung werfen: Hutschenreuther und Rosenthal sind immer einen kurzen Besuch wert. Ein Saftglas aus der Reihe diVino etwa, das eigentlich mit 7,50 Euro veranschlagt ist, kostet nur noch ein Drittel. Zu diesem Preis kann der Kunde, der neue Saftgläser benötigt, Schönheitsfehler wie einen kleinen Lufteinschluss oder einen verrutschten Bodenstempel durchaus in Kauf nehmen.

          Bei Möve gab es zu Anfang der Woche hochwertige Handtücher in einer schwer definierbaren apricotähnlichen Farbe. Sie kosteten anstatt 12,95 nur noch glatte vier Euro.

          Doch wer den Instinkt des Schnäppchenjägers besitzt, gibt sich mit solchen Trostpreisen nur ungern zufrieden. Er will Top-Qualität für kleines Geld.

          Am Montagabend ergab sich bei Roeckl eine solche Gelegenheit: Gegen Ende des Winterschlussverkaufs bot das Münchner Traditionsunternehmen Fäustlinge aus braunem Veloursleder mit Strickstulpe an. Sie hatten einmal 115 Euro gekostet. Jetzt waren sie für 34,50 Euro zu haben.

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