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Weiterstadt : Wo die Lehrlinge ihr Handwerk lernen

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Ziegelei: Angehende Zimmerer und Dachdecker üben in den Werkstätten, wie sie effektiv und genau arbeiten können – so wie später auf dem Bau. Bild: Cornelia Sick

In ihren Betrieben lernen Auszubildende nicht alles. Deshalb gibt es überbetriebliche Werkstätten. Eine von ebendiesen findet sich in Weiterstadt.

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          Die Baustelle an der Rudolf-Diesel-Straße im Weiterstädter Gewerbegebiet soll der Handwerkskammer Rhein-Main deutschlandweit mehr Auszubildende und angehende Meister bringen. Denn dort entsteht ein Internat mit 85 Betten, das weit mehr Komfort bieten soll als bisher. Morgen wird der Grundstein gelegt.

          In den Gebäudekomplex der Handwerkskammer werden Lehrlinge einiger Gewerke einziehen, die sonst deutschlandweit nur an wenigen Orten überbetriebliche Ausbildung finden. Vor allem hat sich Weiterstadt für die Gerüstbauer einen Namen gemacht, nur in Dortmund und Berlin gibt es vergleichbare Zentren. Derzeit aber herrscht hier in Weiterstadt ebenfalls Ruhe, denn auch für die Gerüstbauer wird gebaut. Am anderen Ende des 25000 Quadratmeter großen Geländes entsteht eine neue, 1000 Quadratmeter große Halle für die Lehrlingsausbildung wie für Meisterlehrgänge. So lange müssen sie auf die anderen überbetrieblichen Ausbildungsstätten ausweichen.

          Vielmehr gestalten und entwerfen

          350 bis 500 Auszubildende halten sich täglich in der Weiterstädter Handwerksstätte auf. Sie kommen durchweg aus den Betrieben der Region und lernen hier Fertigkeiten, die ihnen ihr meist kleiner und mittelständischer Betrieb nicht in aller Breite vermitteln kann. Außerdem wäre es wenig sinnvoll, wenn beispielsweise Automechaniker ihre Ausbildung an Kundenfahrzeugen machten, wenn Raumausstatter sich in den Wohnungen der Auftraggeber austobten, wenn sich Heizungstechniker in den Räumen der späteren Hausbewohner versuchten. Jeder Auszubildende kommt in seiner Lehrzeit mehrfach für einige Wochen in das Weiterstädter Zentrum. Es gibt auch Ausbildungsberufe wie Zahntechniker, die alle in Frankfurt konzentriert sind, Glas- und Keramik-Techniker müssen in Mittenwald antreten, die Hörgeräteakustiker fahren nach Lübeck.

          Die Wochen in Weiterstadt zählen im dualen System nicht zur Berufsschule, die die Absolventen wöchentlich besuchen müssen, sondern zur betrieblichen Ausbildung. Viele Firmen orientieren sich mehr am Tagesgeschäft und an den Kundenaufträgen, so dass die Lehrlinge selten alles lernen: Das Tapezieren mit Rauhfaser gilt bei den Raumausstattern als nicht sonderlich anspruchsvoll, sie möchten vielmehr gestalten und entwerfen, Ideen ausführen und dafür auch gerne ungewöhnliche und teure Materialien verwenden.

          In Weiterstadt richtete die Handwerkskammer 1972 eines der ersten Zentren für die überbetriebliche Ausbildung ein. Heute stehen 1100 Plätze für den Schulungsbetrieb, 35 Lehrwerkstätten, zehn Lehrsäle und drei Computerräume zur Verfügung. Dazu kommen die Kantine und das Internat, das jetzt ersetzt wird.

          Ein Treffpunkt unterschiedlicher Berufe

          In den Werkstätten herrscht Betrieb. Überall sind die Auszubildenden konzentriert bei der Arbeit, und sie haben meist nicht einfache Aufgaben zu verrichten. Nur die Automechaniker sitzen an diesem Vormittag im Kreis und lassen sich in Theorie unterrichten, dagegen sind die Dachdecker und Zimmerer schwer zugange. Sie müssen kleine Steildächer eindecken. Sie sind, was selbst der Laie sofort erkennt, mit ihren Handwerksgeräten bestens vertraut. Sägen können sie, das müssen sie nicht mehr lernen. Aber in kleinen Gruppen möglichst schnell das Holz zuschneiden, nageln und dann die Ziegel darauf legen, das verlangt Konzentration. Ist das Dach dann fertig, kann es geschehen, dass es wieder eingerissen wird, wenn die nächste Aufgabe eine Dachgaube verlangt.

          Nebenan können sich die Tischler und Schreiner an Werkbänken schulen, Grundfertigkeiten vertiefen, aber auch im Maschinenpark exakt arbeiten und sich mit den Geräten vertraut machen, oft besser als in den jeweiligen Betrieben. Eine Gruppe von Tischlern hat zwölf Stühle aus Esche zu bauen, und auch dabei ist auf effektives und materialsparendes Arbeiten zu achten. Die Feinmechaniker genießen die Arbeit an CT-Maschinen. Im Raum für Sanitärtechniker stehen auf der einen Seite Ölheizungen, auf der anderen Gasheizungen. Gerne bauen die Meister hier Fehler ein und lassen sie beheben. Um die Wurst geht es bei den Metzgern, um Brot und Brötchen bei den Bäckern, und die angehenden Fachverkäuferinnen haben die Auslagen zu gestalten, Platten für Catering zu richten, auch wenn das Interesse an diesem Handwerk zurückgeht. Das Frisörhandwerk immerhin bleibt weiter hoch in der Gunst junger Frauen. In der aktuell wenig genutzten Halle der Gerüstbauer nutzen Flüchtlinge die Zeit, um sich für das Berufsleben zu orientieren. Sie lernen mit den Augen, erläutert ihr Meister, während die jungen Männer mit geübten Griffen ein freistehendes Gerüst hochziehen.

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