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Weihnachtseinkäufe : Der Handel im Glück

Die Kunden entdecken die Langsamkeit: dichtes Gedränge auf der Zeil Bild: F.A.Z. - DIETER RÜCHEL

So mag es der Handel: Der Vorweihnachtssamstag war in Frankfurt der umsatzstärkste Tag seit Jahren, schwärmt Frank Albrecht, Präsident des hessischen Einzelhandelsverbands: „So einen Tag habe ich noch nicht erlebt.“

          Ein wenig rätselhaft ist es einem ja schon. Wie kommt ein Mann auf die Idee, sich um viertel vor zwölf, und damit ist hier der späte Abend gemeint, im Media-Markt über die Vor- und Nachteile verschiedener Scherverfahren von Rasierapparaten aufklären zu lassen? Und wie kann eine kaufwillige Frau ernsthaft noch kurz vor Mitternacht am Wühltisch von Peek & Cloppenburg einen Pullover nach dem anderen hochheben und begutachten nach allen Gesichtspunkten von Design und Qualität?

          Manfred Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          Aber, nun denn, es soll ja ein jeder nach seiner Fasson selig werden, und außerdem waren dieser Mann und diese Frau schließlich in diesem Moment nicht alleine im Frankfurter Nordwestzentrum, wo das Einkaufen am Samstag ausnahmsweise bis 24 Uhr erlaubt war. An die 50 Besucher suchten noch eine Viertelstunde vor Ladenschluß bei P & C herum, 40 hielten in der benachbarten Thalia-Filiale nach Weihnachtsgeschenken Ausschau und ebensoviele im erwähnten Media-Markt. Und auch sonst war allerhand los. Im Parkhaus warteten die Leute gleich in drei Schlangen vor den Kassenautomaten.

          Kaum ein Durchkommen bei Hugendubel

          So klang in Frankfurt und Rhein-Main ein vorweihnachtlicher Samstag aus, wie es ihn schon lange nicht mehr im Einzelhandel gegeben hatte. Vom umsatzstärksten Tag seit Jahren hatte Frank Albrecht, der Präsident des hessischen Einzelhandelsverbands, schon am späten Nachmittag geschwärmt: „So einen Tag habe ich noch nicht erlebt.“ Sehr zufrieden sei man, hieß es zum Beispiel bei Pfüller an der Frankfurter Goethestraße, der Umsatz übertreffe das Vorjahr wohl um zehn Prozent, sagte der Geschäftsführer des Wiesbadener Karstadt-Hauses, Peter Erb, und auch aus dem Frankfurter Kaufhof war zu hören, der Umsatz des Vorweihnachtssamstags 2005 werde auf jeden Fall geschlagen.

          Die Anschauung bestätigte dies; um 16 Uhr waren die Parkhäuser rund um die Frankfurter Einkaufsstraßen samt und sonders belegt, auf der Goethestraße standen selbst im Halteverbot Autos der Marken Mercedes und Porsche dicht an dicht, bei der Buchhandlung Hugendubel war kaum ein Durchkommen und auf der Zeil nur Gedrängel.

          Die großen Geschäfte sind die Gewinner

          Und doch entdeckten einige Kunden die Langsamkeit. Gut besucht waren alle Orte, an denen man Kaffee und Kuchen bekam, auch draußen hockten dick eingepackte Leute an Tischen ohne Bedenken neben ökologisch bedenklichen Heizstrahlern. Nicht alle leisteten sich derartige Auszeiten, aber doch so viele, daß es auffiel: „Kein Streß“, resümierte Albrecht vom Einzelhandelsverband nach seinem nachmittäglichen Rundgang durch die Frankfurter Innenstadt. Auf die Frage, ob das nicht vielleicht damit zu tun habe, daß gerade wegen der Ausdehnung der Öffnungszeiten in den Abend hinein die Weihnachtseinkäufe endlich kein Kampf mehr gegen die Uhr seien, entgegnete der eingefleischte Gegner der Liberalisierung des Ladenschlusses aber dann doch streng, es gelte weiterhin, daß es sich dabei nur um ein Förderprogramm für Kaufhäuser und Einkaufszentren handele.

          Tatsächlich sind neben den Kunden, so sie denn dem abendlichen Einkaufen zuneigen, vor allem die großen Geschäfte die Gewinner - einfach, weil nur sie die neuen Möglichkeiten nutzen. Von Kaufhof, Karstadt und C & A an der Zeil ist denn auch geradezu Begeisterung über die Ausdehnung zu hören, aber natürlich auch der Hinweis, daß das Weihnachtsgeschäft untypisch sei. Die Stunde der Wahrheit schlägt für die Abendöffnung im neuen Jahr.

          Umsatz gegenüber dem Vorjahr gestiegen

          Auch Albrecht warnte am Samstag davor, von einem tollen Tag gleich auf ein tolles Jahr zu schließen. Der Umsatz in der gesamten Vorweihnachtszeit werde in Hessen bestenfalls zwei Prozent höher liegen als 2005, der Umsatz des hessischen Einzelhandels von Januar bis Dezember sogar nur ein Prozent über dem Vorjahr. Die Fußball-Weltmeisterschaft habe da gar nicht geholfen, was er ja immer gesagt habe, setzte Albrecht hinzu. Doch selbst ein solch geringes Plus bedeutete eine Trendwende, denn seit Jahren war es mit dem Einzelhandel immer nur bergab gegangen.

          Jetzt ist mit einem Mal sogar von Engpässen bei Warenlieferungen die Rede, zum Beispiel bei der neuen Spielekonsole von Nintendo, die als „Wii“ firmiert und immerhin an die 250 Euro kostet. „Der absolute Renner“, berichtete Katja Stahlhacke, die das Karstadt-Haus an der Zeil leitet, wo das Gerät derzeit ausverkauft ist; ihr Kollege Erb bei Karstadt in Wiesbaden hatte am Samstag noch einmal 40 „Wiis“ bekommen, mochte sich aber am Nachmittag nicht festlegen, ob am heutigen Montagmorgen auch nur noch eine einzige davon zu haben sei.

          Während also noch offen ist, ob es nicht am Heiligabend mancherorts anstelle der erhofften Geschenke Kindertränen unterm Tannenbaum geben wird (gestern meldete der Berliner „Tagesspiegel“, sogar bei Lego und Playmobil drohten Lieferengpässe), können Erwachsene den Feiertagen voller Zuversicht entgegenblicken. Der derzeitige Renner für Leute, die schon alles haben, sind Espresso-Maschinen - je teurer, desto lieber. Und die sind wirklich noch überall zu bekommen.

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