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Wegzug der IAA : Was Frankfurt verliert

„Mit dem Auto mobil“ – Das war das Motto der 48. Internationalen Automobilausstellung, die am 11. September 1979 in Frankfurt eröffnete. Bild: Foto Reiner Kirst

Die IAA sucht ihr Heil mit einem Neuanfang an anderem Ort – ein herber Schlag für das Frankfurter Selbstbewusstsein. Umso mehr muss die Stadt darum kämpfen, dass nicht auch die Buchmesse eines Tages ihr Heil in der Flucht sucht.

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          Frankfurt hat viele Messen, doch zwei ragen wegen ihrer Außenwirkung und des Publikumszuspruchs heraus: die Internationale Automobil-Ausstellung und die Buchmesse. Oberflächlich betrachtet, handelt es sich um die Leistungsschauen zweier gegensätzlicher Branchen. Das Auto steht für die Fortbewegung in der Außenwelt, das Buch für den Rückzug in eine Innenwelt. Tempo gegen Kontemplation, Lärm gegen Lernen, SUV gegen Suhrkamp.

          Und doch stehen beide Messen gleichermaßen für das, was die Stadt im Innersten ausmacht. Was Frankfurt war und ist, ist es durch seine Lage geworden. Krönungsort deutscher Könige und Kaiser, Finanzmetropole, Knotenpunkt für jedes wichtige Verkehrsmittel – die herausragende politische und wirtschaftliche Bedeutung der Stadt am Main in Geschichte und Gegenwart hängt mit ihrer Lagegunst zusammen. Auf die Anziehungskraft einer fürstlichen Residenz war man während des Aufstiegs zu einer der größten und wichtigsten deutschen Städte nicht angewiesen.

          Auf das Verbliebene achten

          Vielmehr hat dabei die Messe, die über Jahrhunderte in der Altstadt ihren Ort hatte, die entscheidende Rolle gespielt. Aus ihr entwickelte sich Frankfurt zum wichtigen Finanzstandort, weil zur Abwicklung des internationalen Handels ein sicherer Zahlungsverkehr organisiert werden musste. Aus der Messe ergab sich die Offenheit der Frankfurter gegenüber Besuchern aus fremden Ländern, die nicht ohne Krisen blieb, aber sich aufs Ganze gesehen über Jahrhunderte bewährt hat.

          Die im Jahr 1975 in Frankfurt gezeigten Autos waren deutlich kleiner.

          Reichtum und Toleranz, Regsamkeit und Erreichbarkeit – eine magische Mischung, die nach dem Zweiten Weltkrieg Talente sehr unterschiedlicher Prägung anzog. Die Stadt konnte an alte Traditionen anknüpfen und diese zu neuer Blüte bringen: Begünstigt von der deutschen Teilung, wurde sie zur Bankenhauptstadt und zur Verlagsmetropole, zu einer Stadt des Geistes. Wo Handel und intellektueller Austausch gedeihen, ist auch Verkehr; hierzulande nirgends mehr als am Frankfurter Kreuz und dem benachbarten Frankfurter Flughafen.

          IAA und Buchmesse verkörpern zwei Schlüsselbranchen einer umtriebigen Stadt. Aus ganz unterschiedlichen Gründen, aber auch weil Auto und Buch weniger Anziehungskraft auf Jüngere ausüben, sind beide in die Krise geraten. Die Veranstalter der IAA suchen ihr Heil nun mit einem Neuanfang an einem anderen Ort. Das ist ein herber Schlag für die Außenwahrnehmung und für das Selbstbewusstsein der Stadt. Umso mehr muss Frankfurt darum kämpfen, dass nicht auch die Buchmesse eines Tages ihr Heil in der Flucht sucht.

          Matthias Alexander

          Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

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