https://www.faz.net/-gzg-9ophm

Zahl der Arbeitslosen steigt : Warum es Flüchtlinge bei der Jobsuche schwer haben

Flüchtlinge bei einem Integrationskurs an der Volkshochschule Frankfurt Bild: Etienne Lehnen

Vier Jahre nach Beginn der Flüchtlingswelle kommen nun immer mehr Migranten auf den Arbeitsmarkt. Warum haben sie es dort immer noch schwer, einen Job zu finden?

          Rawil aus Pakistan ist ein Vorzeige-Flüchtling. Vor sechs Jahren kam er nach Deutschland, er kann seit einem Sprachkurs gut deutsch sprechen, zudem macht er in Wiesbaden beim Verkehrsunternehmen Eswe eine Ausbildung zum Kraftfahrzeug-Mechatroniker. „Der Rawil macht sich sehr gut“, kann Personalchef Thomas Albert in einem Youtube-Video berichten, mit dem das hessische Projekt „Wirtschaft integriert“ für seine eigene Arbeit wirbt.

          Falk Heunemann

          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Natürlich: Es gibt auch die jungen Migranten, die lernwillig sind, schnell die deutsche Sprache erlernen und dann im Betrieb eingesetzt werden können. Und es gibt die syrischen Ärzte und die Informatiker aus Iran. Aber es gibt eben auch viele, denen es schwer fällt, einen Job zu finden. 16.151 Menschen mit Fluchthintergrund, wie sie die Arbeitsagentur nennt, waren im Juni in Hessen arbeitslos gemeldet. Das waren rund 1500 Frauen und Männer mehr als noch vor einem Jahr. Mehr als jeder zehnte Arbeitslose in Hessen ist mittlerweile ein Flüchtling. Dabei geht zugleich die Zahl der Jobsuchenden insgesamt zurück. Dazu kommen fast 37.500 Flüchtlinge, die als arbeitssuchend gelten. Das heißt, sie sind zwar grundsätzlich arbeitsfähig und haben keinen Job, absolvieren aber gerade zum Beispiel einen Integrationskurs oder sind in einer Fortbildungsmaßnahme.

          Seit 2014 sind mehr als 134.000 Flüchtlinge nach Hessen gereist, die meisten aus den Ländern Syrien, Türkei, Iran, Irak und Afghanistan. Allerdings sind seit dem Höhepunkt 2015 in den vergangenen Jahren immer weniger neu dazu gekommen, im gesamten Mai 2019 zum Beispiel waren es nur noch 659, so wenige wie seit Jahren nicht.

          Qualifiziert für Helferjobs

          Warum steigt also die Zahl der arbeitslosen Flüchtlinge gegen den Trend? „Es muss eben alles passen“, sagt Wahaj Bin Sajid, Teamleiter im Bildungswerk der hessischen Wirtschaft und Koordinator des Projekts „Wirtschaft integriert“. Zuallererst müssten die Flüchtlinge natürlich halbwegs ordentliches Deutsch können. Das sei aber längst nicht bei jedem der Fall. „Es sind auch Analphabeten zu uns gekommen.“ Zweitens müssen sie eine Qualifikation haben oder eine Ausbildung durchhalten. Und drittens müsste es auch sozial passen. Was nicht einfach sei, sagt Sajid, etwa weil viele Flüchtlinge traumatisiert seien.

          In der Arbeitsagentur gibt es mehrere Vermutungen, warum derzeit die Zahlen steigen. Wahrscheinlich, sagt eine Sprecherin, sind im Juni viele Integrationskurse an den Volkshochschulen ausgelaufen, ehemals arbeitssuchend Gemeldete wurden damit arbeitslos. Eine zweite Erklärung sei, dass auf dem Arbeitsmarkt vor allem Fachkräfte nachgefragt würden, viele Flüchtlinge jedoch allenfalls für Helferjobs qualifiziert seien.

          Strenge Auflagen schrecken Unternehmen ab

          Tatsächlich kommt erst jetzt die Flüchtlingswelle von 2015 langsam auf dem Arbeitsmarkt an. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge war lange mit der Bearbeitung der Anträge überlastet, Tausende warteten zum Teil anderthalb Jahre und länger auf einen Beschluss. Mittlerweile brauchen die Beamten im Schnitt nur noch sechs Monate. Arbeiten durften die Flüchtlinge in dieser Bearbeitungszeit nur unter strengen Auflagen, die so manches Unternehmen abschreckten. Sprachkurse konnten die Geflüchteten zudem oft erst spät belegen, es mangelte es oft an Plätzen und Ausbildern. Daran teilnehmen konnten überdies nur Flüchtlinge, die anerkannt wurden, oder Asylbewerber mit „guter Bleibeperspektive“, etwa wenn sie aus Krisenstaaten wie Irak, Iran oder Syrien kamen. Diese Integrationskurse umfassen zwischen 430 und 1000 Unterrichtsstunden. Das sind, je nach täglichem Stundenumfang, mehrere Monate bis anderthalb Jahre.

          Schulabschluss und Lehre werden vermittelt

          Die Geduld, erst monatelang untätig in der Unterkunft zu verbringen und danach vielleicht Jahre in Sprachkursen und anschließend in der Berufsschule die Schulbank zu drücken, bringt längst nicht jeder Flüchtling auf. „Die wollen schnell arbeiten und Geld verdienen“, erklärt Sajid. Zumal, wenn sie in ihren Heimatländern bereits viele Jahre gearbeitet haben, ohne je eine Berufsausbildung zu machen. Fast 80 Prozent der nun arbeitslosen Flüchtlinge sind zwischen 35 und 55 Jahre. Gerade sie seien dann oft gescheitert. Erst recht, wenn sie von euphorischen Mittelständlern eingestellt wurden, die dann aber doch mit der Betreuung überfordert sind. Solche Unternehmer finden aber mittlerweile Unterstützung bei dem Projekt „Wirtschaft integriert“. „Die Jugendlichen haben wir dagegen ganz gut im Griff“, sagt eine Sprecherin der Arbeitsagentur. Ihnen wird erst ein Schulabschluss und dann eine Lehre vermittelt.

          Ohne die Asylsuchenden wäre der Fachkräftemangel noch schlimmer, betont de hessische Arbeitsagenturchef Frank Martin regelmäßig. Die Zahlen scheinen ihm Recht zu geben: 33.000 Flüchtlinge haben in Hessen zuletzt einen Job gefunden, ein Plus von 31 Prozent innerhalb von zwölf Monaten. Und mehr als 3000 möchten eine Lehre beginnen. Ohne die Flüchtlinge blieben all diese Stellen, in Zeiten der Fast-Vollbeschäftigung, unbesetzt.

          Weitere Themen

          So funktioniert die Mietpreisbremse Video-Seite öffnen

          Erklärvideo : So funktioniert die Mietpreisbremse

          Bezahlbare Wohnungen sind vor allem in Ballungsgebieten immer schwerer zu finden. Abhilfe soll die Mietpreisbremse schaffen. Sie soll über mehrere Jahre heftige Preisanstiege verhindern.

          Topmeldungen

          Die CDU-Vorsitzende und Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer vor dem Start der siebzehnten Vogtland-Veteranenrallye.

          AKK und Maaßen in Sachsen : Er war schon vor ihr da

          Annegret Kramp-Karrenbauer macht im sächsischen Vogtland Wahlkampf. Auch Hans-Georg Maaßen war dort schon für die CDU unterwegs – und sorgte dafür, dass für den Bundestagsabgeordneten Heinz eine Welt zusammenbrach.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.