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Auto-Dienstleister Segula : Warum der neue Opel-Partner eine Chance verdient hat

Verkauft: Opel hat einen Teil des Entwicklungszentrums in Rüsselsheim an Segula abgegeben. Bild: dpa

Ein monatelanges Ringen gehört seit dieser Woche der Wirtschaftsgeschichte an. Der neue Opel-Partner Segula hat in Rüsselsheim seine Arbeit aufgenommen. Auch für die Belegschaft ist das vor allem eine Chance.

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          Zielt ein Unternehmen bei seinem Markteintritt auf sein eigenes Scheitern ab? Zumal, wenn es sich um ein Familienunternehmen handelt? Hat es dafür Abermillionen Euro übrig? Investiert es zudem viel Zeit und Energie in ein solches Projekt? Und stellten sich erfahrene Manager für so etwas zur Verfügung? Verschwörungstheoretiker mögen diese Fragen bejahen. Der gesunde Menschenverstand sagt: nein.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Schon aus diesem Blickwinkel betrachtet erscheint die Aufnahme des Betriebs des neuen Opel-Partners Segula Technologies in Rüsselsheim grundsätzlich erfreulich. Seit Montag arbeiten frühere Beschäftigte des Autoherstellers für den Dienstleister. Für den hierzulande noch nahezu unbedeutenden französischen Familienkonzern bedeutet der Markteintritt eine Chance. Und nicht zuletzt für seine 750 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ebenso. Dafür gibt es eine Reihe von Gründen.

          Widerstand letztlich nicht erfolgreich

          Die Übernahme von Teilen des als Herzstück von Opel apostrophierten Internationalen Entwicklungszentrums in der südhessischen Stadt nebst Hunderter Mitarbeiter hat sich gut ein halbes Jahr verzögert. Vertrauensleute der IG Metall in der Opel-Belegschaft und im Betriebsrat haben das Vorhaben bekämpft. Niemand habe auf Segula gewartet, lautete eine Losung. In der Stadt hingen Plakate mit der Parole „Segula? Nein, danke! Wir sind Opel.“ Unten auf den gelben Plakaten: ein kleines rotes Logo der IG Metall. Doch der Widerstand hat sich letztlich als nicht sonderlich erfolgreich erwiesen.

          Plakativer Protest: Opelaner in Rüsselsheim gegen einen Teilverkauf des Entwicklungszentrums an den Dienstleister Segula –gesehen im März 2019

          Das Opel-Management hat ein Ziel verfolgt und es erreicht. Der Zieleinlauf ließ zwar deutlich länger als geplant auf sich warten. Ursprünglich hatte Segula in Rüsselsheim schon im Frühjahr an den Start gehen wollen, dann bis Ende des zweiten Quartals. Schließlich gaben beide Partner Anfang September als Termin aus und hielten ihn ein. Seit Ende vergangener Woche ist der im vergangenen Spätherbst zwischen ihnen geschlossene Vertrag besiegelt.

          „Wir brauchen die Opel-Mitarbeiter“

          Auf dem Weg dorthin mussten Segula und Opel ihre Pläne abspecken. Statt 2000 Opelaner hat die deutsche Tochtergesellschaft der Franzosen etwa 700 in ihre Reihen aufnehmen können; ein erklecklicher Teil ist nicht freiwillig gewechselt, sondern im Rahmen eines Betriebsübergangs. Opel hatte ihnen klar bedeutet, keine Verwendung mehr für sie zu haben. Dagegen hat der 12.000-Mann-Konzern Segula sie mit offenen Armen empfangen. „Wir brauchen die Opel-Mitarbeiter“, hob der Chef der Segula-Autosparte, Franck Vigot, im Mai im F.A.Z.-Interview hervor.

          Segula und IG Metall schlossen einen Tarifvertrag, der gewechselten Opel-Mitarbeitern weitestgehend die gleichen Konditionen zusichert wie bei dem Autohersteller. Einen bis Juli 2023 geltenden Schutz vor betriebsbedingten Kündigungen inklusive. „Uns ging es darum, vor den Toren von Rüsselsheim keinen Entwicklungsdienstleister zu bekommen, der seine Dienste zu Dumping-Bedingungen anbietet. Das ist uns gelungen“, sagt der hessische IG-Metall-Chef Jörg Köhlinger dazu.

          Franzosen reden von Wachstum

          Kritiker des Tarifvertrags meinen, der Kündigungsschutz wäre im Falle einer Insolvenz hinfällig. Die Franzosen reden aber von Wachstum. Die Manager der deutschen Tochtergesellschaft stellen einen profitablen Betrieb in Rüsselsheim in drei bis vier Jahren in Aussicht. Für diese Zeit ist der Betrieb nach ihren Worten durch Opel und die Konzernmutter PSA, mit dem Segula andernorts schon kooperiert, gut mit Aufträgen versorgt. Bis auf weiteres braucht Segula sogar „Support“ von Opel, wie Geschäftsführer Martin Lange sagt. Anders ausgedrückt: Segula hat mehr Arbeit, als die eigene Belegschaft schaffen kann. Die meisten Projekte drehen sich um Antriebe für Autos.

          Vor diesem Hintergrund beziffert Personalchef Udo Bekker den Einstellungsbedarf auf eine dreistellige Zahl. Noch beziffert er sie nicht näher – aber Ende September will er mit klaren Zahlen aufwarten.

          Branche in Turbulenzen

          Segula nimmt in Rüsselsheim die Arbeit in einer Zeit auf, in der es Autozulieferer schwer haben. Die Aktienkurse von Branchenvertretern wie Continental, Leoni und Elring-Klinger leiden deutlich. Ein Grund ist der Handelskrieg zwischen Amerika und China mit seinen Folgen für deutsche Autohersteller, ein anderer die Debatte um Verbrenner. Continental denkt darüber nach, mehrere Werke seiner Antriebssparte zu schließen. Der Zulieferer Yazaki hat kürzlich erst seine Filiale in Südhessen geschlossen.

          Lange hat also Recht mit seiner Einschätzung, das Umfeld für Segula sei „nicht trivial“. Gleichwohl liegt auch darin eine Chance. Segula kann sich als kompetenter Partner einen Namen über den PSA-Kosmos hinaus machen. Zumal laut Lange schon asiatische Hersteller und andere Zulieferer bei Segula angeklopft haben. Erste Verträge will er bald unterschreiben. Segula muss sich aber auch als guter Arbeitgeber erweisen, um erfolgreich zu sein. Bekkers Verweis auf „partizipative Möglichkeiten“ im Arbeitsalltag geht in die Richtung, um Köpfe und Herzen gewinnen zu können.

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