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Bauern streiten mit Foodwatch : Vorwahlkampf um die Schulmilch

Milchbauers Lieblinge: Als dieses Bild 2008 entstand, spielte Schulmilch inklusive Kakao an Hessens Schulen noch eine Rolle als derzeit Bild: dpa

Der Bauernverband streitet mit Foodwatch und Hessens Verbraucherschutzministerin um gesüßte Schulmilch. Doch wie viele Schulen betrifft das überhaupt? Die Verbraucherzentrale äußert derweil eine eigene Idee.

          Sie nennen ihr Bodo Nussmix. Obwohl er gar nicht Bodo heißt. Und Nussmix schon gar nicht. Aber er geht jeden Morgen, montags bis freitags, in der ersten großen Pause zum Schulmilchautomaten und holt sich einen halben Liter Nussmix, gekühlt. Immer. Nichts anderes. Egal, ob es draußen kalt ist oder heiß. Eines Tages hat er deshalb seinen Spitznamen weggehabt.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Diese Geschichte ist etwa 35 Jahre alt. Wie Bodo Nussmix wirklich hieß und nach wie vor heißt, tut nichts zur Sache. Spannender als sein bürgerlicher Name ist ohnehin diese Tatsache: Es gab einmal Zeiten in Hessen, in denen jemand nach einem Schulmilch-Produkt genannt wurde. Das waren jene Tage, in denen dieses staatlich geförderte Lebensmittel weit verbreitet war.

          Rolle im Laufe der Jahren kleiner geworden

          Ob heutzutage noch ein Schüler einen Spitznamen verpasst bekommt, weil er etwa Bananen- oder Erdbeermilch liebt, sei dahingestellt. Klar ist derweil eines: Staatlich geförderte Milch und Milchmischgetränke spielen längst nicht mehr die große Rolle wie noch vor wenigen Jahrzehnten. Das lässt sich anhand weniger Zahlen belegen: An nicht einmal einem Zehntel der 1857 Schulen in ganz Hessen gibt es noch staatlich bezuschusste Milch.

          Gleichwohl hat es die Schulmilch nach langer Zeit wieder in der Schlagzeilen geschafft. Und in den Vorwahlkampf, schließlich wird in acht Wochen der neue Landtag gewählt. Ausgelöst hat das die kritische Verbraucherorganisation Foodwatch. Sie stört sich an süßem Kakao und hat einen offenen Brief an Kultusminister Alexander Lorz (CDU) geschrieben. „Mit Ihrer Politik leisten Sie der Fehlernährung von Kindern Vorschub, anstatt sie zu verhindern“, schrieb Foodwatch.

          Förderung gesüßter Milch eingestellt

          Aufgegriffen hat das Schreiben allerdings nicht Lorz, sondern Agrarministerin Priska Hinz (Die Grünen), an die sich Foodwatch auch gewandt hat. Sie ist aber nicht den Milchbauern beigesprungen, die sich angesichts der schwankenden Erzeugerpreise stets über staatliche Hilfe freuen. Vielmehr stellte sich Hinz, die zudem für Verbraucherschutz zuständig ist, auf die Seite der Foodwatch-Aktivisten. Und teilte mit, die Förderung gesüßter Milch eingestellt zu haben. Ziel sei es, Getränke dieser Art längerfristig aus dem Angebot von Schulen und Kindergärten zu verbannen.

          Der hessische Bauernverband brauchte eine Woche, um sich zu sortieren. Dann konterte er. Mit ihrem Beschluss erweise Hinz vielen Mädchen und Jungen einen „Bärendienst“. Denn: „Anzunehmen, dass Kinder und Jugendliche nach dem Wegfall des Schulmilchkakaos auf pure Milch oder Wasser ausweichen, ist ein Trugschluss.“ Rund neun Zehntel der in Hessen geförderten Schulmilch entfallen auf Kakao. Bauernpräsident Karsten Schmal hat sich laut Verband außer an Hinz ebenfalls an Lorz gewandt, mit der Bitte, die Entscheidung gegen gesüßte Milch zu überdenken. Bisher ist von einem Rückzieher aber nichts bekannt.

          235. 000 Liter binnen sechs Monaten

          Ein Blick auf die nackten Zahlen zeigt: Die Beteiligten hantieren nicht mit den gleichen Größen, wenn sie über ein und dieselbe Sache reden. Der Zuckeranteil im Schulkakao liege bei „nicht mehr als sieben Prozent“, heißt es beim Land. Der Bauernverband spricht von vier Prozent zugesetztem Zucker. Bis zu sieben Prozent lasse die Europäische Union zu, die Geld für Schulmilch überweise. Andererseits widersprechen die vom Bauernverband genannten rund 90 Prozent, die bei Schulmilch angeblich auf Kakao entfallen, den Zahlen aus dem Hinz-Ministerium.

          Demnach machte Kakao 6,33 Prozent am Gesamtaufkommen von etwa 235. 000 Litern aus, die zwischen August 2017 und Ende Januar dieses Jahres verkauft worden sind. Kindergärten fragten nach Angaben des Ministeriums 349,5 Liter Schokotrunk ab, Schulen knapp 14 521 Liter. Gemessen an der Menge an subventionierten Milchprodukten, kam Kakao unter Schülern auf 52 Prozent.

          Milch überhaupt empfehlenswert?

          Dabei bietet nur eine kleine Minderheit von Schulen noch geförderte Milchprodukte mit Zuckerzusatz an. Es sind laut Land zuletzt 158 gewesen. Zudem wurden demnach 858 Kindertagesstätten beliefert. Folglich machen Schulen unter den Abnehmern des von der EU gesponserten Kakaos nur ein Sechstel aus. Gefördert wird Schulmilch insoweit, als Kinder nur einen ermäßigten Preis zahlen müssen: höchstens 25 Cent für einen Fünftelliter Milch und 40 Cent je viertel Liter Kakao. Lieferanten erhalten je Liter Milch 80 Cent von der EU dazu.

          Ist Milch als Lebensmittel für Kinder überhaupt empfehlenswert? Der Bauernverband bejaht diese Frage. Viele Kinder kämen ohne Frühstück zur Schule, Schulmilch könnte das Defizit zumindest teilweise ausgleichen. Manche Kritiker halten grundsätzlich dagegen, Kuhmilch sei für Kälbchen gedacht, nicht für Kinder.

          Pro Schulobst-Programm

          Die Verbraucherzentrale Hessen sieht das so: Milch und Milchprodukte könnten wesentlich zur Versorgung mit Nährstoffen beitragen. Das gelte vor allem für den Mineralstoff Calcium und Vitamin B2. „Sie sind in Maßen genossen, möglichst ungezuckert und wenig verarbeitet eine sinnvolle Komponente einer präventiven, pflanzenbetonten Ernährung.“ Milchmischgetränke mit Aromastoffen und viel Zucker seien für die tägliche Ernährung nicht geeignet. Stichwort: Kariesgefahr. Wobei Milch ohne Zusätze bei Kindern aber weniger beliebt sei als etwa Kakao. Wer Milchzucker (Laktose) nicht vertrage, müsse andere Lebensmittel mit viel Calcium und Vitamin B2 zu sich nehmen.

          Dessen ungeachtet hat die Verbraucherzentrale anderes im Sinn: Hessen sollte wie schon zwölf andere Bundesländer ein Schulobstprogramm auflegen. „Denn Obst ist ebenfalls ein nährstoffreiches Lebensmittel, das wichtige Vitamine und sekundäre Pflanzenstoffe liefert“, heißt es. „Zudem ist es bei Kindern in der Regel beliebt.“

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