https://www.faz.net/-gzg-a1zj8

Krise in der Autobranche : Conti-Beschäftigte hoffen auf Hilfe aus Berlin

Jede dritte Stelle bedroht: Betriebsrätin Carola Rühl (Mitte) beim Protest der Vitesco-Beschäftigten in Schwalbach Bild: Maximilian von Lachner

Bei der Continental-Tochter Vitesco wird seit dieser Woche verhandelt, ob wirklich jede dritte Stelle im hessischen Schwalbach wegfallen muss. Der Betriebsrat glaubt, das abwenden zu können.

          2 Min.

          Dass Entwickler nicht gerade als die lautesten Arbeitnehmer gelten, lässt sich auf ein paar sonnengelben Fedorahüten vor dem Vitesco-Werk in Schwalbach bei Frankfurt ablesen. Auf die Hüte haben die rund 40 Beschäftigten vor dem Werktor kleine Notizzettel geklebt, „For one another – aber nicht bei Vitesco“ kann man nur aus allernächster Nähe lesen, dazu drei Fragezeichen. For one another, auf deutsch Verbundenheit, damit ist das Konzernleitbild von Continental überschrieben. Dass man zusammenhalte, steht darin, und füreinander einstehe. „Aber wir haben so unsere Zweifel, dass diese Werte gelebt werden“, erklärt Carola Rühl, die Betriebsratsvorsitzende.

          Falk Heunemann

          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Seit diesem Montag verhandeln der Betriebsrat und das Management des Autozulieferers, ob tatsächlich 178 Stellen in Schwalbach am Taunus wegfallen, das ist mehr als ein Drittel der Belegschaft. Ursprünglich waren die Gespräche schon im Frühjahr geplant, doch die Corona-Pandemie hat das verzögert, und auf virtuelle Verhandlungen über Skype wollten sich die Arbeitnehmer nicht einlassen. Denn der Stellenabbau war schon lange geplant, bevor die Corona die Krise im Automobilbau verschärfte.

          Continental spart an allen Enden

          Der Zulieferer-Konzern aus Hannover, der 2019 erstmals seit der Lehman-Krise wieder Verlust machte, will sich unabhängiger von Verbrennermotoren machen, stärker auf Elektromobilität fokussieren und deutlich profitabler werden. Die Continental-Spitze hat allen Bereichen Sparprogramme auferlegt. Zudem wurde aus der Antriebssparte Powertrain eine Tochter namens Vitesco, ohne den Konzernnamen Continental und mit eigenständigem Logo in Sonnengelb. Der Börsengang von Vitesco – 42.000 Mitarbeiter, 50 Standorte weltweit und 7,8 Milliarden Euro Umsatz – war bereits geplant, ist aber erst einmal aufgeschoben.

          „For one another - aber nicht bei Vitesco???“ steht auf dem Zettel eines Hutes während der Proteste gegen den geplanten Stellenabbau bei Conti.
          „For one another - aber nicht bei Vitesco???“ steht auf dem Zettel eines Hutes während der Proteste gegen den geplanten Stellenabbau bei Conti. : Bild: Maximilian von Lachner

          Große Entwicklungsabteilungen für Motorsteuerungen oder Kraftstoffleitungen hält der Konzern in der neuen Zeit offenbar für unnötig, in Schwalbach sollen deshalb die Entwickler in diesen beiden Bereichen bis 2024 gehen. Man sei aber bestrebt, hochqualifizierte Mitarbeiter zu halten, heißt es aus dem Unternehmen. Deswegen werde man den Betroffenen interne Versetzungsangebote machen und Elektrifizierungstrainings anbieten. In Schwalbach werde der Bereich der Elektrifizierung ausgebaut und es soll zusätzliche Stellen der Zentralverwaltung geben.

          „Bescheuert“, nennt der Frankfurter IG-Metall-Geschäftsführer Michael Erhardt dennoch den Stellenabbau. Das Unternehmen riskiere, die Erfahrung und das Wissen der Softwareentwickler zu verlieren. Denn dass diese ein Stellenangebot in der Vitesco-Zentrale im 350 Kilometer entfernten Regensburg annehmen, bezweifelt er. „Die finden doch alle schnell einen Job in der Rhein-Main-Region.“ Sein Ziel sei es, betriebsbedingte Kündigungen in Schwalbach zu vermeiden.

          Demonstration vor dem Conti-Werk: Bisher durfte nur ein Fünftel der Belegschaft auf das Werksgelände, der Rest machte Homeoffice.
          Demonstration vor dem Conti-Werk: Bisher durfte nur ein Fünftel der Belegschaft auf das Werksgelände, der Rest machte Homeoffice. : Bild: Maximilian von Lachner

          Um das zu erreichen, hofft der Gewerkschafter auf Hilfe aus Berlin, und das in doppelter Hinsicht. Zum einen, sagt Erhardt, sei der Vitesco-Standort in der Hauptstadt mit Entwicklungsarbeit überlastet und habe sie daher ausgelagert. Diese Aufträge könne man doch zurück ins Unternehmen holen und an Schwalbach vergeben.

          „Das wird richtig teuer“

          Zum anderen setzt er darauf, dass die Bundesregierung die Kurzarbeit auch im nächsten Jahr erleichtert. Mit diesem Instrument sparen Unternehmen Personalkosten, ohne Beschäftigte entlassen zu müssen. „Das gäbe uns mehr Zeit, um uns etwas für Schwalbach einfallen zu lassen.“ Sein Vorbild dafür sind nicht nur Zulieferer wie ZF und Bosch, wo betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen wurden. Sondern auch Continental selbst: Schon vor zehn Jahren habe es Pläne gegeben, den Bereich auszugliedern, erzählt Erhardt. Das habe man damals aber in den Verhandlungen abwenden können.

          Und wenn nicht? Dann, sagt der Gewerkschafter, werde über den Sozialplan gesprochen. „Und der wird richtig teuer.“

          Weitere Themen

          Glückwunsch, Hessen!

          F.A.Z.-Hauptwache : Glückwunsch, Hessen!

          Hessen wird 75 Jahre alt. Donald Trump setzt im Kampf gegen Corona auf das Mainzer Unternehmen Biontech. Das und was heute sonst noch wichtig ist in Rhein-Main, steht in der F.A.Z.-Hauptwache.

          Schluss mit Hipster-Pizza

          FAZ Plus Artikel: Neue Führung für Lizza : Schluss mit Hipster-Pizza

          Durch „Die Höhle der Löwen“ wurde Lizza-Pizza bundesweit bekannt. Nun geben die beiden Gründer die Geschäftsführung ab: Das Start-up sei für sie zu groß geworden. Ihr Nachfolger kommt aus einer berühmten Backwaren-Dynastie.

          Topmeldungen

          Donald Trump bei seiner Videobotschaft an die UN-Vollversammlung

          Corona-Pandemie : Trump vor UN: China zur Rechenschaft ziehen

          Amerikas Präsident wirft Peking zum Auftakt der UN-Generaldebatte vor, die Welt über das Coronavirus getäuscht zu haben. UN-Generalsekretär Guterres warnt vor einem neuen Kalten Krieg. Brasiliens Präsident Bolsonaro verteidigt seine Corona-Politik.

          Neue Stadtteile : Deutschland baut XXL

          In den Metropolen fehlen zehntausende Wohnungen. Gegen den Mangel soll Neubau helfen, überall entstehen neue Stadtteile. Wir stellen die größten Projekte vor.
          Ausgeliefert: Die Kunden brauchen Geduld. Manches Modell, wie hier der VW E-Up, ist gar ausverkauft.

          Markt für E-Mobilität : Mit Wumms

          Der Markt für Elektroautos ist noch klein, seine Dynamik jetzt aber groß. Wer liefern kann, ist König, oft sind die Wartezeiten aber arg lang. Trotzdem gehört Elektrofahrzeugen wohl die Zukunft.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.