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Versicherungen : Vor 75 Jahren fiel die Frankfurter Allgemeine Versicherung an die Allianz

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Die Historie der Frankfurter Allgemeine Versicherung ist eine dieser Geschichten, für die man weit ausholen muß. Berichten muß von der Gründung einer Glasversicherung durch zehn Kaufleute in Frankfurt 1865, von der Weitsicht der Direktoren in den frühen Jahren, die 1898 schon eine "lebenslange Reiseunfallversicherung" anboten.

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          FRANKFURT. Es ist eine dieser Geschichten, für die man weit ausholen muß. Berichten muß von der Gründung einer Glasversicherung durch zehn Kaufleute in Frankfurt 1865, von der Weitsicht der Direktoren in den frühen Jahren, die 1898 schon eine "lebenslange Reiseunfallversicherung" anboten. Auch von der Seelenlage der Manager aller Zeiten, die "größer" noch immer ein wenig besser fanden als "groß". Und von den fortdauernden Krisen der zwanziger Jahre, auch von der Kapitalknappheit nach der Geldvernichtung in der Inflation.

          Soweit muß man ausholen, um verstehen zu können, warum sich an einem Sommertag des Jahres 1929 in der vornehmen Zentrale der Frankfurter Allgemeinen Versicherungs AG an der Ecke von Taunusanlage und Guiollettstraße alle Augen auf den Artur Lauinger, Redakteur der "Frankfurter Zeitung" richteten, der seinen Schwarzwald-Urlaub unterbrochen hatte, um Direktion und Aufsichtsrat zu erklären, in welche Schieflage eigentlich ihr eigenes Unternehmen geraten war. Den Urheber von alledem konnten sie nicht mehr fragen, denn das war der wenige Monate zuvor, im Februar 1929, verstorbene Generaldirektor Paul Dumcke gewesen, dem es nicht gelangt hatte, daß der Konzern, der aus der einstigen Glasversicherung erwachsen war, schon 1913 immerhin zur Hälfte an den Branchenprimus Allianz herangereicht hatte.

          Dumcke hatte "zu einer Art Doping" gegriffen, wie der Wirtschaftshistoriker Peter Borscheid in seiner Allianz-Geschichte schreibt. Denn die Versicherungen waren in der komfortablen Lage, dank der Prämienzahlungen rasch wieder über Kapital zu verfügen, und Dumcke, der im Finanzvorstand Philipp Becker einen fleißigen Helfer fand, widerstand der Versuchung nicht, das Geld für hochspekulative Geschäfte einzusetzen. Ein Konglomerat aus dutzenden Firmen entstand, die sich mit versicherungsfremden Geschäften befaßten, Kredite vergaben, auch äußerst riskante, ihrerseits bisweilen wieder über Versicherungen bei der Frankfurter abgesichert. Die Frankfurter Allgemeine Versicherung nahm tatsächlich vorübergehend einen Aufschwung, doch die Geschäfte machten Verluste, immer wieder mußten Löcher gestopft werden, und es war nur eine Frage der Zeit, bis das System zusammenbrach. 1929 war es soweit.

          Lauinger also traf an jenem Sommertag "die Direktion in schwerster Bestürzung, den Aufsichtsrat in Auflösung" an, wie er später berichtete, "die Vertreter der Großbanken und großer Bankhäuser erbaten meinen Rat. Ich verlangte die Vorlage einer richtigen Bilanz und die Feststellung der Verantwortlichkeiten für die öffentliche Katastrophe. In dieser Zeit nahm das von mir alarmierte Reichsaufsichtsamt eine Sonderprüfung vor."

          Lauinger hatte schon 1928 zum ersten Mal von den seltsamen Nebengeschäften des Konzerns gehört und Dumcke sowie Becker mit seinen Fragen arg zugesetzt. Im Jahr darauf hatte der Redakteur in mehreren Beiträgen über die Kreditgeschäfte berichtet, bis auch die von ihm alarmierten Behörden eingriffen. Es war nichts anderem als Lauingers Hartnäckigkeit zu verdanken; von sich aus hatten der Staat nichts unternommen.

          Mit der Sonderprüfung wurde das letzte Kapitel im August 1929 eingeleitet, das sich jetzt zum 75.Mal jährt. Am 15.August wurde der Handel der Aktie an der Börse eingestellt, wie in der DVA-Neuerscheinung "Die Frankfurter Versicherungs AG 1865 - 2004" von Barbara Eggenkämper, Gerd Modert und Stefan Pretzlik rekonstruiert ist. Am 19. August meldete die "Frankfurter Zeitung" schließlich: "Der Untergang der Frankfurter Allgemeinen Versicherungs AG".

          Immerhin: Das Versicherungsgeschäft als solches war gesund geblieben, und die Vertreter der Konkurrenz standen geradezu Schlange. Schon am 20. August war die Übernahme der Verträge durch die Allianz perfekt, der Konzern selbst wurde in der Folge abgewickelt. Für die Allianz war es der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, bei der die Frankfurter Versicherungs AG Schritt für Schritt näher an den Münchener Konzern heranrückte, aber doch niemals in dem Münchener Konzern aufging. Heute hat sie 4000 Mitarbeiter und Karl Ludwig Freiherr von Freyberg als Vorstandsvorsitzenden und ist in erster Linie für den Vertrieb von Allianz-Produkten in Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland zuständig. Doch daneben macht sie der Konzernmutter in anderen Teilen Deutschlands nach wie vor Konkurrenz, denn in Hamburg oder auch im Ruhrgebiet finden sich neben Agenturen der Allianz eben auch Agenturen der "Frankfurter Allianz". Die Einspareffekte einer Verschmelzung mit der Mutter wären gering, sagt Freyberg, Wettbewerb belebe das Geschäft, und so hat die Tochter die regelmäßig aufflackernden Diskussionen um eine Einverleibung bisher alle überstanden. Ein Spezialgeschäft hat sie auch; wer sein Auto gleich dort versichert, wo er es gekauft hat und mithin für seine Haftpflicht einen Vertrag zum Beispiel mit Volkswagen abschließt, landet in Wahrheit damit bei der Allianztochter, die für verschiedene Hersteller der Versicherer hinter der Fassade ist. So stellen Einnahmen aus der Kraftfahrzeugsparte mehr als die Hälfte der Beiträge des Unternehmens, das alles in allem zu den gesamten Einnahmen des Münchener Konzerns aus den Sachversicherungen etwa ein Viertel beisteuert. Nicht ohne Stolz meldet die Pressestelle, daß die Frankfurter Versicherungs AG der fünfgrößte Schadenversicherer Deutschlands wäre, hätte sie die Selbständigkeit bewahrt.

          Nach einem Jahrhundert an der Taunusanlage zog das Unternehmen vor zwei Jahren in einen gläsernen Neubau auf der südlichen Seite des Mainufers, so daß in Frankfurt nun neben den Banken auch die Versicherungsbranche wenigstens mit einem spektakulären Gebäude auf sich aufmerksam macht. Am Montag feiert dort die Belegschaft das Jubiläum in der Gewißheit, daß die gegenwärtigen Zeiten auch nicht leicht sind; selbst die Frankfurter Versicherungs AG mußte und muß Personal abbauen. Aber der Blick in die Geschichte schärft den Blick auch für die Gegenwart. So wie in den Augusttagen 1929 ist die Versicherungsbranche in Frankfurt niemals wieder durcheinandergewirbelt worden. MANFRED KÖHLER

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