https://www.faz.net/-gzg-10qjh

Versandhandel : Neckermann stärkt Internetauftritt mit mehr Marken

Online-Offensive: Neckermann-Vertriebschef Waack erläutert das neue Werbekonzept Bild: Helmut Fricke

Mit neuen Marken und einem breiten Angebot will das Frankfurter Versandhaus Neckermann sich zu einer „Online-Mall“ entwickeln und Konkurrenten wie Amazon und Quelle angreifen. Zum Weihnachtsgeschäft gibt es eine großangelegte Internet-Werbekampagne.

          Der Frankfurter Versandhändler Neckermann hat in der jüngeren Vergangenheit vor allem mit sinkenden Umsätzen, Verlusten und Sparprogrammen von sich reden gemacht. Zum Jahresende werden in der Zentrale an der Hanauer Landstraße und bei und der Kundenservice-Tochter rund 400 Mitarbeiter weniger tätig sein als noch zu Jahresbeginn. Doch soll es mit den Hiobsbotschaften ein Ende haben: Die neue Führungsriege, die seit einem knappen dreiviertel Jahr das Sagen hat, setzt auf einen Wandel vom Versender zum elektronischen Einkaufszentrum – mit Shops auch anderer Anbieter auf der eigenen Homepage.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          In dem kurz „Online-Mall“ genannten Auftritt erwarten den Käufer neben den Angeboten von Neckermann Marken wie WMF, S. Oliver oder Görtz. Solche Handelspartner will das Haus vermehrt auf der Internetseite integrieren. Auf diese Weise möchte das Haus, das als Neckermann.de GmbH firmiert, nicht nur das Angebot bei Mode, Technik und Wohnaccessoires ausbauen, sondern auch neue Kunden ansprechen, die gut verdienen und gebildet sind. Dies kommt einem Abschied vom Image des Niedrigpreis-Versenders gleich.

          Weniger Verluste

          Fortschritte macht das Unternehmen auch in finanzieller Hinsicht. So wird sich im laufenden Geschäftsjahr das Ergebnis aus dem Alltagsgeschäft klar verbessern. Dies kündigte Martin Lenz, Vorsitzender der Geschäftsführung, an. Die Verluste sollen demnach um einen zweistelligen Millionenbetrag gesenkt werden. Dies geschieht aber vor allem durch den Abbau von Kosten, wie Bernhard Dopf, der für die Finanzen zuständige Geschäftsführer dieser Zeitung sagte. Die Höhe der Verluste im vergangenen Jahr hat Neckermann nicht veröffentlicht. Für Ende 2009 peilt die Führungsriege die Gewinnzone an. Zu diesem Zweck investiert das Unternehmen, an dem der Finanzinvestor Sun Capital Partners 51 Prozent und die Arcandor-Tochter Primondo 49 Prozent hält, 20 Millionen Euro in die Internetseite und Prozesse. Diese Summe entspricht laut Dopf dem Dreifachen dessen, was zuvor investiert wurde.

          Der Umsatz wird gegenüber 2007 leicht sinken, wie Dopf weiter sagte. Neckermann habe Kunden aus der Kartei gestrichen, mit denen das Unternehmen kein Geld verdient habe. Zudem spürt es mutmaßlich die Folgen der Finanzkrise für die Kauflust. Lenz: „Wir hatten einen miserablen August, der September ist gut gelaufen, und der Oktober hat nicht Anlass zu riesengroßer Freude gegeben.“ Nun hoffe Neckermann auf das Weihnachtsgeschäft. Für 2009 äußerte sich Lenz verhalten optimistisch. Der Versender, der im vergangenen Jahr 1,4 Milliarden Euro erlöste, rechnet nach den Worten von Dopf mit nur wenig veränderten Umsätzen und hofft auf einen kleinen Zuwachs.

          57 Prozent der Erlöse online erzielt

          Derweil kommt Neckermann mit dem Internetgeschäft mehr und mehr voran. Wie Marketing- und Vertriebschef Torsten Waack ausführte, werden mittlerweile gut 57 Prozent der Erlöse online eingespielt. Im September habe die Quote sogar schon bei sieben Zehntel gelegen. Der E-Commerce legte im Vergleich zum Vorjahr in den ersten neun Monaten um fast ein Viertel zu. Im September-Vergleich waren es 44 Prozent. Besonders deutlich kletterten die Online-Umsätze mit Möbel und technischen Geräten, die seit Januar jeweils um mehr als ein Drittel zulegten. Im nächsten Jahr soll der Anteile der Erlöse übers Internet auf 64 Prozent steigen.

          Zuwächse vermeldet das Unternehmen auch bei den Newsletter-Abonnenten, die binnen Jahresfrist um die Hälfte auf 6,1 Millionen kletterten, und bei den über das Internet gewonnenen Neukunden. Auch hier beträgt das Plus rund 50 Prozent, wie Waack sagte. Wie er weiter erläuterte, verzeichnet die Internetseite www.neckermann.de monatlich rund 480 Millionen Besucher – gut doppelt so viele als noch vor Jahresfrist. Dieser Zuwachs habe Anfragen von anderen Firmen nach Werbe-Plätzen auf der Homepage nach sich gezogen. Hierbei könne sich Neckermann etwa eine Zusammenarbeit mit Automarken vorstellen.

          Mehr Zusagen als Kapazität

          Dem Geschäft einen deutlichen Schub geben soll indes der Umbau der Internetseite zu einem elektronischen Einkaufszentrum. Lenz formuiert ein ehrgeiziges Ziel: „Wir wollen die attraktivste Online-Mall hierzulande werden.“ Dies kommt einer Kampfansage an Konkurrenten wie Amazon, Quelle und Otto gleich. Bisher verfügen die Frankfurter über 51 Handels- und Markenpartner, die auf ihrer Internetseite erscheinen. Im nächsten Jahr soll diese Zahl auf 116 steigen. Der Ausbau stößt derzeit noch an technische Grenzen: „Wir haben mehr Zusagen von Partnern, als wir derzeit integrieren können“, hob Waack hervor.

          Der derzeit mit Partnershops erzielte Umsatz liegt bei etwa 35 Millionen Euro im Jahr und soll auf 82 Millionen Euro klettern. Viel verspricht sich Neckermann von der als strategisch apostrophierten Partnerschaft mit Pix-Mania. Der Technikanbieter aus Großbritannien warte mit einem interessanten Kamera- und Video-Sortiment zu wettbewerbsfähigen Preisen auf. Dieses Geschäft beruht auf Gegenseitigkeit: Die Briten sollen vom Zulauf auf der Neckermann-Seite profitieren, das Frankfurter Unternehmen erhält für jeden Kauf über seine Homepage eine Provision. Zugleich wird das Angebot auf seinem Auftritt um Waren erweitert, die es selbst nicht führt. Dabei handelt es sich, wie Waack sagt, stets um Neuware.

          Weitere Themen

          Euroboden zum dritten

          Hochzinsanleihen : Euroboden zum dritten

          Der im gehobenen Wohnsegment aktive Projektentwickler und Bauträger Euroboden kommt am Montag mit einer neuen Anleihe auf den Markt. Allem Anschein nach ist die Nachfrage gut.

          Topmeldungen

          Klimastreik in Berlin : Rackete for Future

          Beim großen Klimastreik in Berlin überlassen die Aktivisten von „Fridays for Future“ anderen die Bühne. Es sollte der Auftakt sein für ein breites gesellschaftliches Bündnis. Doch noch prallen Welten aufeinander.
          Ihnen reicht der Kompromiss nicht: Wie in Berlin demonstrierten Hunderttausende

          Kompromiss und Proteste : Was in der langen Nacht geschah

          Erst war das Klimaschutzgesetz fast am Ende, dann kam der Protest – und dann stritt das Kabinett eine Nacht lang. Jetzt sonnt sich die Politik im Glanz der Einigung. Währenddessen dröhnt der Protest Hunderttausender.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.