https://www.faz.net/-gzg-p84f

Verkehr : Für die geplanten ICE-Projekte in der Region fehlt das Geld

  • Aktualisiert am

Eine Arbeitsgruppe der Bahn ist nach Informationen dieser Zeitung zur Zeit mit einem sehr ehrgeizigen Projekt beschäftigt: Von 2007 an sollen auf den wichtigsten deutschen Hochgeschwindigkeitsstrecken die ICE-Züge im Halbstundentakt fahren.

          3 Min.

          Eine Arbeitsgruppe der Bahn ist nach Informationen dieser Zeitung zur Zeit mit einem sehr ehrgeizigen Projekt beschäftigt: Von 2007 an sollen auf den wichtigsten deutschen Hochgeschwindigkeitsstrecken die ICE-Züge im Halbstundentakt fahren. Bei sinkenden Mitarbeiterzahlen, stark belasteten Hauptstrecken und nahezu auf Null heruntergefahrenen Budgets für neue Schienenverbindungen gilt das Vorhaben als Herkulesaufgabe. Das ICE-Netz befindet sich offenbar an einem kritischen Punkt. Seit am 1.Mai 1988 der Intercity Experimental mit 406,9 Kilometern je Stunde einen Weltrekord erzielte, ist das System aus Hochgeschwindigkeits-Schienenstrecken kontinuierlich ausgebaut worden. Mehr als 50 Prozent des gesamten Fernverkehrs der Bahn entfällt mittlerweile auf den ICE, kaum eine Gegend in Deutschland ist mit dem komfortablen Zug nicht erreichbar.

          Frankfurt hat sich dabei neben München und Hamburg zu einem der wichtigsten Standorte der weißroten Flotte entwickelt. Im Stadtteil Griesheim werden die ICE-Züge in langen Wartungshallen zunehmend nachts repariert, in Höchst werden sie in einer vollautomatischen Waschstraße gereinigt und mit dem nötigen Nachschub für das Catering versorgt.

          Doch den rollenden Technikwundern ergeht es offenbar nicht viel besser als den Hochhäusern in der Stadt: Die Wirtschaftsflaute hat den Wettbewerb um immer neue Rekorde deutlich gebremst. Hatte schon das schwerste Zugunglück in der Geschichte der Hochgeschwindigkeitszüge 1998 bei Eschede dem Fortschritts-Optimismus einen Dämpfer verpaßt, so sorgten die Berliner Sparzwänge und das Maut-Desaster um Toll Collect dafür, daß die Bundesmittel für neue Tempo-300-Fahrbahnen drastisch zusammengestrichen wurden.

          Das Rhein-Main-Gebiet stand vor allem mit drei Projekten auf der Zukunftsliste für schnelle Schienenwege: Eine Hochgeschwindigkeitsstrecke von Frankfurt nach Paris sollte bis 2007 fertig sein. Die Strecke von Frankfurt über Mannheim nach Stuttgart sollte so schnell wie möglich für hohe Geschwindigkeiten tauglich werden. Und durch eine neue Spange im Kinzigtal sollte Frankfurt besser an die schon 1991 fertiggestellte ICE-Trasse von Hannover über Kassel nach Würzburg angebunden werden.

          Doch jetzt ist das Geld extrem knapp. In der Mittelfristplanung der Bahn bis 2008/2009 ist dem Vernehmen nach nur die Achse von Frankfurt nach Paris über Saarbrücken überhaupt noch vorgesehen. Ihre Fertigstellung ist mit den Franzosen im sogenannten Vertrag von La Rochelle fest vereinbart, auf beiden Seiten der Grenze sind noch allerhand Bauarbeiten notwendig. Zumindest eine erste Ausbaustufe, die auf vielen Abschnitten Tempo200 möglich machen würde, soll Ende 2006 fertig sein.

          Die Strecke Frankfurt-Mannheim dagegen dürfte bis zum Jahr 2009 wohl nicht begonnen werden. Sie gilt zwar als notwendig, weil die konventionelle Schienenverbindung von Frankfurt in den Rhein-Neckar-Raum überlastet ist. Der Berliner Sparerlaß zwingt die Bahn jedoch, von neuen Vorhaben die Finger zu lassen und zunächst dort zu investieren, wo bestehende Verträge oder schon eingerichtete Baustellen einen Rückzug unmöglich machen.

          So bleibt der Streit um die Anbindung Mannheims und Darmstadts auf absehbare Zeit ein akademischer. Zwar haben die Regierungspräsidien in Darmstadt und Karlsruhe im sogenannten Raumordnungsverfahren festgestellt, daß nur solche Trassenvarianten raumverträglich seien, die beide Städte an das ICE-Netz anbinden. Das folgende, deutlich wichtigere Planfeststellungsverfahren, wäre jedoch an diese Entscheidung rechtlich nicht gebunden, wie es heißt. Südhessische Bundestagsabgeordnete haben darüber hinaus erreicht, daß die Bundesverkehrswegeplanung für die Schiene um eine Fußnote ergänzt wird, nach der eine Einbindung des Personenverkehrs in der Region Starkenburg über den Hauptbahnhof Darmstadt sicherzustellen sei. Die Bahn dagegen soll nach wie vor ihre "Direttissima" genannte Variante mit einer Umfahrung Darmstadts und einem Seitenarm in Mannheim für die beste halten. Ein "Mediationsprozeß" mit der Region scheint auch deshalb nicht oben auf die Tagesordnung zu stehen, weil die Verwirklichung so fern ist. Nicht viel besser scheint es für die Spange im Kinzigtal auszusehen; zumindest bis 2009 ist dem Vernehmen nach kein Geld vorgesehen.

          Wieviel mehr Optimismus gab es da noch vor zwei Jahren bei der Jungfernfahrt auf der ICE-Neubaustrecke Frankfurt-Köln mit Kanzlergattin Doris Schröder-Köpf. Immerhin schaffte die Bahn es mit dem vom Bund finanzierten Milliardenprojekt, die Zahl der Fahrgäste zwischen beiden Städten um mehr als 30 Prozent zu steigern. Allerdings sorgten die schwierige gesamtwirtschaftliche Situation und zahlreiche Pannen vor allem in der Anfangsphase dafür, daß die hochgesteckten Erwartungen nicht erfüllt wurden - und wegen mangelnder Auslastung Abstriche bei der Kapazität gemacht werden mußten.

          Bahnchef Hartmut Mehdorn scheint trotzdem weiter auf den Ausbau des ICE-Netzes zu setzen - und nicht, wie von manchen Kritikern gefordert, auf eine allgemeine Entschleunigung des Schienenverkehrs. Hauptstoßrichtung scheint dabei das Flugzeug zu sein. Die Billigpreise im Sommer ("Quer durch Deutschland für 29 Euro - sogar im ICE") sowie die vergünstigten Nachtzug-Angebote zielen klar in Richtung Billig-Airlines, von denen Mehdorn noch im vorigen Jahr behauptet haben soll, sie würden nicht lange durchhalten.

          Jetzt gehen die Vermutungen in eine ganz andere Richtung: Womöglich, so wird spekuliert, will sich die Deutsche Bahn AG mit dem Halbstundentakt für ICE-Züge wichtige Trassen sichern - bevor Wettbewerber auch in dieser Domäne des einstigen Staatsmonopolisten einen Fuß auf den Boden bekommen. CHRISTIAN SIEDENBIEDEL

          Weitere Themen

          Das Virus im Gerichtssaal

          FAZ Plus Artikel: Corona und Justiz : Das Virus im Gerichtssaal

          Strafprozesse in der Pandemie sind eine Herausforderung. Damit sie überhaupt verhandeln können, müssen die Richter kreativ werden. Das tun sie auch, jeder auf seine Weise. So bringen Masken, Plexiglas und Absperrband kuriose Situationen.

          Topmeldungen

          Schüler einer vierten Klasse sitzen zu Beginn des Unterrichts in Dresden auf ihren Plätzen.

          Im neuen Schuljahr : Welcher Lernstoff ist verzichtbar?

          Auch nach den Sommerferien wird der Unterricht anders sein als gewohnt. Drei Szenarien sind denkbar. Die Friedrich Ebert Stiftung schlägt nun vor, Prüfungs- und Lehrinhalte zu reduzieren. Streit ist programmiert.
          Streit mit der Bild-Zeitung: Virologe Christian Drosten

          „Bild“ gegen Drosten : Wahrheit im Corona-Style

          Die Kampagne gegen den Virologen Drosten ist sachlich unbegründet, niveaulos und niederträchtig. Sie richtet sich gegen die Wissenschaft. Und damit ist weder der Gesellschaft noch der Politik gedient.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.