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Vegetariermesse : Du bist, was du isst

Es hilft, daran zu glauben: medizinartig anmutendes Angebot auf der „Veggieworld“-Messe in Hofheim Bild: Michael Kretzer

Besuchern der „Veggieworld“ kommt kein Tier auf den Teller. Einigen der kritischen Konsumenten reicht der Fleischverzicht längst nicht. Sie schwören auf höhere Kräfte.

          Der junge Mann mit Hornbrille erklärt es so: Irgendwann sei ihm bewusst geworden, dass für die Wurst auf seinem Brot Tiere leiden und sterben. Und er wurde Vegetarier. Dann sei ihm klargeworden, dass auch bei der Produktion von Milch und Eiern Tiere leiden und sterben: Die männlichen Küken von Legehennen werden jährlich zu Zehntausenden geschreddert und Kühe so gezüchtet, dass sie täglich unnatürlich viel Milch geben. Und er wurde Veganer. Auch seine Frau ernährt sich vegan. Beide besuchen die „Veggieworld“ in Hofheim, eine Endverbraucher-Messe für Vegetarier und Veganer.

          Leonie Feuerbach

          Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Am Freitag hatte die Messe begonnen, am Sonntag endete sie, mit einem Plus für die Veranstalter. Um fast 40 Prozent habe im Vergleich zu 2014 die Anzahl der Aussteller zugenommen, sagt Sebastian Zösch vom Vegetarierbund Deutschland.

          Vegane Ernährung erfordert Wissen

          Veganismus mag ein neuer Trend sein, Rohkost war schon vor 20 Jahren ein Thema. Claus Leitzmann, emeritierter Professor für Ernährungswissenschaft, hat in den neunziger Jahren an der Universität Gießen eine Studie mit Rohköstlern durchgeführt. „Rohkost ist gesund“, sagt er und: „Wenn man langfristig ausschließlich Rohkost isst, kann es zu Mangelernährung führen.“

          Die Ernährungswissenschaftlerin Andrea Schauff von der Verbraucherzentrale Hessen sagt: Studien zeigten, dass Vegetarier im Zusammenhang mit einem bewussteren und gesünderen Lebensstil ein deutlich geringeres Risiko für zahlreiche chronische Erkrankungen hätten. Sich vegan, also ganz ohne tierische Produkte gesund zu ernähren erfordere viel Wissen und unter Umständen auch eine Ergänzung bestimmter Nährstoffe wie etwa Vitamin B12.

          Schnitzel aus Tofu, Milch aus Soja

          Doch vegetarische Ernährung erscheint heute vielen, die aus ethischen Gründen auf Fleisch verzichten, inkonsequent. Vegane Produkte verzeichnen laut dem Statistikportal Statista jährlich zweistellige Zuwachsraten; die vegane Supermarktkette „Veganz“ betreibt neun Filialen in Deutschland, Österreich und Tschechien und plant weitere in ganz Europa. Agavensirup statt Honig, Schnitzel aus Tofu, Soja und Seitan, Milch aus Reis, Kokos, Cashews und Mandeln: Die Liste der Ersatzprodukte, die auf der „Veggieworld“ und in Geschäften wie „Veganz“ angeboten werden, ist lang.

          Verbraucherschützer sehen den Boom teils kritisch: Nicht jedes pflanzliche Lebensmittel sei automatisch gesund. Damit die veganen Produkte annehmbar schmecken und eine ähnliche Konsistenz aufweisen wie Schlagsahne, Fisch oder Schnitzel, kämen Emulgatoren, Verdickungsmittel, Stabilisatoren, Aromen und Geschmacksverstärker zum Einsatz, sagt Lebensmittelexpertin Schauff. Zum Teil enthielten die verarbeiteten Produkte zu viel Fett, einen zu hohen Anteil an gesättigten Fettsäuren, zu viel Salz.

          „Negative Gedanken durch Fleischkonsum“

          Der junge Mann und seine Partnerin wissen das. Auf Ersatzprodukte wie veganen Käse oder Tofu-Würstchen verzichten die beiden deshalb weitestgehend. Ihnen gehe es bei der veganen Ernährung nicht nur um das Leid der Tiere, sondern auch um die Umweltbelastung, sagen sie. Tatsächlich trägt Tierhaltung laut der Landwirtschafts- und Welternährungsorganisation 18 Prozent zum vom Menschen verursachten Treibhauseffekt bei und 12 Prozent zur Entwaldung auf der Erde.

          Gleichzeitig entstehen aber dort, wo Soja wächst, Monokulturen. Die Ökobilanz eines Schnitzels aus argentinischem Soja im deutschen Supermarkt ist dürftig. Auch für Sojafelder werden Tropenwälder gerodet; oft kommt beim Sojaanbau Gentechnik zum Einsatz. Wie viel wiegt das im Vergleich zum Leid von Lebewesen? Die Welt außerhalb der Messehallen ist kompliziert, drinnen scheint sie einfach: „Du bist, was du isst“, sagt eine 58 Jahre alte Frau, die mit ihrer Tochter gekommen ist. „Meine Ernährung beeinflusst mein Denken.“ Ihre Tochter ist schwanger und ebenfalls Veganerin. Die deutsche Gesellschaft für Ernährung rät davon ab, Säuglinge und Kleinkinder vegan zu ernähren. „Das ist alles längst widerlegt“, sagt die Tochter.

          Neben einem Stand mit veganem Käse verkauft eine Frau mit wallendem schwarzem Haar vegane Rohkost-Törtchen. Menschen stürben, wenn sie mehr als 42 Grad Fieber hätten, und das Gleiche gelte fürs Essen, sagt sie, deshalb erhitze sie nichts über 42 Grad.

          Gleich gegenüber offeriert einer „Schwermetall-Ausleitung durch basische Langzeit-Bäder“ und „innere Reinigung und Entschlackung“. Er ist der Meinung: Darmerkrankungen seien auf negative Gedanken zurückzuführen. Eine Besucherin wiederum führt negative Gedanken, Schlafstörungen und Depressionen aufs Fleischessen zurück. Schließlich nehme man mit dem Fleisch der Tiere ihre Ängste im Augenblick des Todes in sich auf.

          Kritische Konsumenten und kritische Fälle, Tierliebhaber und Esoteriker mischen sich bei den Vegetariern, Veganer und Rohköstlern. Einige haben tätowierte Unterarme und tragen ihre Kleinkinder in Tücher gewickelt am Körper. Sie schauen sich eine vegane Kochshow an, bei der Jérome Eckmeier Cashewnüsse, Möhren, Wasser und Süßkartoffeln zu einer „Käsesoße“ püriert. Sein imposanter Bauch widerspricht dem Klischee vom eher genussfreien, schwächlichen Veganer. Andere, oft Ältere, besuchen auch die Paracelsius-Messe im unteren Teil desselben Gebäudes: Eine Wunderheilerin verspricht die Wiederherstellung der Sehkraft, für 800 Euro.

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