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Valentinstag : Sag mir, woher die Blumen sind

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Laß Blumen sprechen? Ließe man sie nur. Sie könnten von den Weiten Kenias berichten, vom Hochland Kolumbiens, von den Polderlandschaften der Niederlande. Nur wenige aber wüßten ein Lied zu singen von der rauhen Schönheit der Wetterau.

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          Laß Blumen sprechen? Ließe man sie nur. Sie könnten von den Weiten Kenias berichten, vom Hochland Kolumbiens, von den Polderlandschaften der Niederlande. Nur wenige aber wüßten ein Lied zu singen von der rauhen Schönheit der Wetterau. Denn Blumen sind ein globalisiertes Produkt und eines der vielen, bei denen die Deutschen den Kampf weitgehend verloren haben. 87 von 100 Blumen, die in der Bundesrepublik verkauft werden, sind Importe.

          Die deutschen Gärtner fechten einen harten Kampf gegen die übermächtige Konkurrenz - mit den üblichen Fesseln am Bein: Die Energiekosten sollen 40 Prozent höher als in den Niederlanden sein, weshalb an der Maas und nicht am Main die Gewächshäuser aufgereiht sind, die Löhne liegen ein gut Teil höher als in Italien und selbstredend ein Vielfaches über den Sätzen Kenias, dem wichtigsten Blumenimporteur in die Europäische Union. Transportkosten spielen, wie so oft im globalen Zeitalter, nur eine untergeordnete Rolle.

          Für Hessen weist die Statistik für das Jahr 2000 - eine neuere gibt es nicht - noch 394 Betriebe aus, die Blumen anbauen. Zu den Refugien zählt Steinfurth bei Bad Nauheim, das sich das älteste Rosenanbaugebiet in Deutschland nennt. Aber auch hier schrumpft die Branche. Es habe im Ort einmal mehr als 100 auf Rosen spezialisierte Betriebe gegeben, berichtet Eckhard Beutnagel, der selbst eine solche Gärtnerei betreibt. Jetzt seien es noch 30. "Die jungen Leute gehen in die Industrie, wo man leichter Geld verdienen kann."

          Dabei ist die Rose nach wie vor der Deutschen Liebling. Sie hat unter den Schnittblumen einen Marktanteil von einem Drittel, mit weitem Abstand gefolgt von der Tulpe, die auf ein Zehntel kommt. Die Orchidee, die einmal als etwas ganz Feines galt, rangiert nur noch unter ferner liefen. Allein bei Topfblumen, bei denen es die deutschen Produzenten wegen der Transportkosten etwas leichter gegen die Übermacht aus Übersee haben, liegt sie noch auf Platz eins, gefolgt vom Weihnachtsstern.

          Jeder Deutsche gibt im Durchschnitt 39 Euro im Jahr für Schnittblumen aus; so hat es die Zentrale Markt- und Preisberichtsstelle errechnet. Allerdings sind die Angaben vier Jahre alt. Der Frankfurter Florist Carl Hanisch vermutet, daß es deutlich weniger geworden ist. Wie auch die Konkurrenz in der Mainmetropole leidet er nicht nur unter der Verunsicherung der Konsumenten, sondern auch unter der Geldknappheit der Unternehmen. "Früher bekam jeder Mitarbeiter zum Geburtstag einen Strauß - heute nur noch die Topmanager." Die Lage der - nach Schätzungen - 1200 Blumenfachgeschäfte in Hessen wird dadurch nicht leichter, daß zunehmend Supermärkte Schnittblumen anbieten. Der größte Blumenhändler Deutschlands sei längst Aldi, sagt ein Insider.

          Es ist auch in den modernen Zeiten noch eine Kunst, beispielsweise eine Rose aus Israel ohne Blessuren nach Bad Homburg zu bringen. Vier Tage dauert es alles in allem, wie Jens Kramer, Chef des Blumenimporteurs Florimex Germany GmbH & Co KG, berichtet. Am ersten Tag wird sie geschnitten. In der Nacht steht sie in Wasser, um für die Reise zu tanken. Am zweiten Tag wird sie zum Flughafen gebracht. In der Nacht fliegt sie nach Frankfurt, wo sie am dritten Tag früh in der Florimex-Halle in Kelsterbach abermals in Wasser gestellt wird, bevor sie zum Großmarkt gelangt. Im Geschäft kommt die Rose womöglich erst am vierten Tag an. Damit sie trotzdem frisch aussieht, wird sie nicht nur gut verpackt, sondern auch bei niedrigen Temperaturen transportiert. Ideal sind drei bis zwölf Grad Celsius. Schnittgrün, das vor allem aus Mittelamerika kommt, ist robuster. Es muß deshalb mit dem Schiff vorliebnehmen. Ungefähr 30 Unternehmen importieren über den Frankfurter Flughafen Blumen. Florimex Germany in Kelsterbach gilt als größtes. Doch das richtig große Rad wird anderswo gedreht: Von 100 in die EU importierten Schnittblumen nehmen 60 den Weg über die Niederlande, nur acht kommen direkt nach Deutschland. Der traditionelle Blumengroßmarkt unweit der Friedberger Warte in Frankfurt hat zunehmend Konkurrenz - durch einfachere Großmärkte mit Selbstbedienung, wie sie in Mainz und Griesheim bei Darmstadt existieren, und durch Großhändler, die mit einem Lastwagen voller Blumen direkt beim Fachgeschäft vorfahren.

          Blumen sind ein globalisiertes Produkt, doch an der Blüte steht nicht, woher sie kommt - geschweige denn, unter welchen Umständen sie gewachsen sind. Wer darauf Wert legt, daß die Blumen in seiner Vase aus menschenwürdiger und umweltschonender Produktion stammen, sollte auf das "Flower Label Program"-Logo achten, das vom Verband des Deutschen Blumengroß- und -importhandels gemeinsam mit Kirchen und Menschenrechtsorganisationen entwickelt wurde. Die Branche handelt mit solchem Einsatz keineswegs völlig uneigennützig - "da Schnittblumen zu über 65 Prozent als Geschenk vermarktet werden, ist es enorm wichtig, daß das Image der Schnittblumen keinen Schaden erleidet", heißt es beim Verband.

          Das Image ist niemals wichtiger als am heutigen Valentinstag, der Hanisch zufolge an Bedeutung Weihnachten und den Muttertag weit hinter sich gelassen hat. Zum Leidwesen der Branche fällt er auf der ganzen Welt auf das selbe Datum (anders als der Muttertag). Obwohl es gute Landwirte schaffen, daß ihre Rosen punktgenau vier Tage vor dem Ereignis aufblühen, übersteigt die Nachfrage stets das Angebot, wodurch Preissteigerungen unvermeidlich sind. Verliebte pflegen darüber zur Freude des Handels hinwegzusehen, und sie fragen wohl auch nicht viel, welchen Weg um den Globus die Rosen genommen haben. Für sie zählt am Ende nur eines: Laß Blumen sprechen. MANFRED KÖHLER

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