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Unternehmen in Corona-Krise : Händler für einheitliche Lockerung

Fast menschenleer: Aufgrund der Corona-Krise mussten viele Händler ihre Geschäfte schließen. Bild: Frank Röth

Nach vier Wochen Öffnungsverbot und Behelfsverkauf hoffen hessische Händler auf eine schrittweise Rückkehr zur Normalität. Ladengröße und Branche sollten danach keine Rolle spielen.

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          Die Blumenhändler in Hessen hatten Glück. Für sie endete die verordnete Ladenschließung nach einem etwas unglücklichen Hin und Her endgültig am 6. April und damit noch rechtzeitig vor dem Ostergeschäft. Die Verkäufe seien in Ordnung gewesen, hieß es am Dienstag bei „Blütentraum“ an der Berger Straße. „Man ist ja froh, wenn einfach etwas läuft.“

          Petra Kirchhoff

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dass wieder etwas läuft, darauf hoffen auch alle übrigen Händler, die am 18. März, dem Start des branchenübergreifenden Shutdowns, ihre Ladentüren schließen mussten und seitdem um Zuschüsse, Kredite und im schlimmsten Fall ums Überleben kämpfen. Die Modebranche trifft die Corona-Krise besonders heftig. Nicht nur stationäre Geschäfte, auch Online-Plattformen wie Zalando schwächeln. Die ersten Handelsunternehmen, unter diesen auch der Outdoor-Fachhändler McTrek aus Bruchköbel, haben Insolvenz angemeldet.

          Ein Tropfen auf den heißen Stein

          Kleine Boutiquen wie Noée Fashion an der Schillerstraße in Frankfurt spüren die Rückgänge schon seit Januar. Fehlten im Februar bereits 50 Prozent des Umsatzes, lief das Geschäft im März komplett gegen null. Die Frühjahrskollektion wird Noée nur mit hohen Abschlägen loswerden, wenn das Geschäft wieder öffnen darf. Für das ganze Jahr rechnet die Branche mit einem Drittel weniger. Zwar strengen sich die beiden Noée-Inhaberinnen, die Schwestern Michaela Hrgovic und Marijana Biscanic, wie viele andere Geschäftsleute an, präsentierten ihre Kollektionen etwa in virtuellen Shows und liefern Ware mit dem Fahrrad und dem Auto aus, doch sind diese Umsätze lediglich ein Tropfen auf den heißen Stein, wie Hrgovic deutlich macht.

          Zudem wünschten sich die Kunden inzwischen wieder eine persönliche Beratung im Geschäft, sagt die Modehändlerin. Jeder Tag, den sie unter den Corona-Bedingungen – dazu zählt sie Handschuhe, Schutzmaske, Desinfektionsmittel und Abstand untereinander – früher wieder öffnen dürften, sei daher willkommen. Am liebsten wäre den Modehändlerinnen der 20. April als Termin dafür. Realistischer scheint nach einer Umfrage unter Vertretern der Branche jedoch der Samstag oder Montag nach dem 1. Mai zu sein. Die Länderchefs beraten sich dazu heute mit der Bundeskanzlerin in Berlin. Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) hatte am Dienstag bereits Lockerungen in Aussicht gestellt.

          „Flickenteppich an Ausnahmen“

          Anders als in Österreich, wo nach Ostern in einem ersten Schritt bereits kleine Geschäfte mit bis zu 400 Quadratmeter Fläche öffnen durften – die anderen sollen zwei Wochen später folgen –, plädieren hiesige Branchenvertreter dafür, dass eine einheitliche Lösung für alle gefunden wird, unabhängig von Ladengröße und Branche. „Warum sollten die großen Geschäfte benachteiligt werden?“, fragt Sven Rohde, Geschäftsführer des Handelsverbandes Hessen, der sich auch gegen länderspezifische Lösungen ausspricht. „Wir brauchen nicht wieder einen Flickenteppich an Ausnahmen.“ Auf eine Wiedereröffnung der Geschäfte so früh wie möglich hofft Rohde, vorausgesetzt, dies sei unter gesundheitlichen Gesichtspunkten vertretbar. „Der Handel wird alles Nötige tun, um die Vorgaben einzuhalten.“

          „Wir stehen bereit“, sagt Frank Albrecht, Seniorchef des Familienunternehmens Parfümerie Albrecht mit drei Filialen in Frankfurt. Er warnt aber davor, zu viel zu riskieren. Das Korsett, innerhalb dessen Entscheidungen getroffen werden könnten, sei eng. Es müssten jetzt Lösungen her, die aus gesundheitspolitischer Sicht vertretbar seien. Die Öffnung zunächst für kleinere Geschäfte oder bestimmte Branchen lehnt Albrecht ab. Es sei zu kompliziert, so etwas im Detail auszuhandeln und zu überprüfen. Einfacher dagegen sei es, für große wie für kleine Geschäfte festzulegen, wie viele Kunden nach bestimmten Vorgaben auf die Fläche dürften. „So etwas lässt sich innerbetrieblich gut organisieren.“

          Den regionalen Handel unterstützen

          Abgesehen von den wirtschaftlichen Sorgen berichten Geschäftsleute auch über viele gute Erfahrungen in der Zeit der geschlossenen Ladentüren. Für viele zahlt sich jetzt aus, dass sie bereits einen funktionierenden Online-Shop haben. „Wir haben im Internet einen enormen Zulauf“, sagt Frank Albrecht. Kunden hätten zurzeit ein großes Interesse daran, den regionalen Handel zu unterstützen, manche bedankten sich mit großzügigen Trinkgeldern für die Lieferung. Trotz aller Händler-Sorgen: „So etwas macht natürlich Spaß“, sagt Albrecht.

          Tolle Kunden, tolles Team, toller Vermieter – so fasst Goran Dukic, Inhaber der Möbel-Boutique Liebesdienste Home am Oeder Weg, seine Erfahrung nach vier Wochen Shutdown zusammen. Der schnell auf die Beine gestellt Online-Verkauf laufe gut, berichtet Dukic. Auch unterstützten ihn viele seiner Kunden mit Gutschein-Käufen. Das sei für ihn Ansporn, weiterzumachen und nicht aufzugeben. Neulich habe eine ältere Dame angeklopft, um spontan vier Teller zu kaufen, obwohl sie keine neuen gebraucht hätte. „Es ist schön, wenn für den guten Service, um den wir uns bemühen, etwas zurückkommt“, sagt Dukic.

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