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Opel kommt nicht zur Ruhe : Und jetzt noch ein Manipulations-Vorwurf

Fraglich: Was wird aus dem Entwicklungszentrum von Opel? Bild: Reuters

Vor den Werksferien bei Opel ist zwar der Tarifvertrag über Stellenabbau und Investitionen unter Dach und Fach. Doch der Streit über das wichtige Entwicklungszentrum schwelt. Und nun kocht noch das alte Diesel-Thema wieder hoch.

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          Es wäre ja auch zu schön gewesen, wenn es einfach mal eine Weile ruhig geblieben wäre um das Opel-Werk in Rüsselsheim. Aber kaum ging es in der vergangenen Woche in die dreiwöchigen Werksferien, tauchte eine längst erledigt geglaubte Geschichte wieder aus der Versenkung auf: Das Unternehmen soll sich innerhalb von zwei Wochen zu dem Vorwurf äußern, dass die Abgasnachbehandlung in einigen Diesel-Fahrzeugen während der Fahrt aus technisch nicht nachvollziehbaren Gründen abschaltet. Das Kraftfahrt-Bundesamt habe entsprechende Hinweise gefunden, berichtete die „Bild am Sonntag“.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Diese Nachricht trifft Opel in einer Zeit erhöhter Unsicherheit. Denn auch wenn der Tarifvertrag zu Bedingungen des Personalabbaus und zu Investitionen seit einigen Tagen unter Dach und Fach ist, bleibt der Streit um die Zukunft des Entwicklungszentrums am Stammsitz, das als Herzstück von Opel gilt.

          Gut 30.000 Fahrzeuge umgerüstet

          Die Rüsselsheimer reagieren zugeknöpft auf die Diesel-Vorwürfe. Bisher haben sie sich in dem Skandal, der die deutsche Autoindustrie viel Glaubwürdigkeit gekostet hat, geräuscharm im Hintergrund gehalten. Anders als etwa VW und Audi konnte der Marke mit dem Blitz keine Schummelei bei Software im Abgasstrang nachgewiesen werden. Opel hatte schon im September 2015, also kurz nach Bekanntwerden des Diesel-Skandals, behauptet, keine illegalen Abschalteinrichtungen eingebaut zu haben. Im Juni 2016 rief das Unternehmen dann rund 90.000 Diesel der Typen Cascada, Insignia und Zafira für ein Software-Update in die Werkstätten.

          Diese noch laufende Aktion ist als freiwillig apostrophiert. Sie soll den Stickstoff-Ausstoß jeweils deutlich mindern. Wie zu hören ist, hat Opel bisher mehr als 30.000 Fahrzeuge mit der neuen Software versehen. Das Auto verbrauche danach weder mehr Diesel, noch werde es langsamer oder lauter. Allerdings erhöhe sich der Verbrauch von Adblue. Diese aus Harnstoff bestehende Zugabe zum Kraftstoff spaltet Stickoxid in Abgasen in Stickstoff und Wasserstoff auf und mindert auf diese Weise die Schadstoffemissionen.

          Bisher kein formeller Rückruf

          Nach dem Software-Update sollen die Emissionen so gering sein wie bei den seit 2016 eingebauten Motoren neuen Typs. Das Kraftfahrt-Bundesamt hat diese Diesel-Antriebe vor knapp zwei Jahren genehmigt, rechtzeitig zum Produktionsstart des Familien-Vans Zafira in Rüsselsheim. Anders als die alte Technik arbeite die Abgasreinigung dank einer neuen Steuerung nicht nur bei einer Außentemperatur von 17 bis 33 Grad, sondern von minus acht bis 50 Grad, hieß es seinerzeit.

          Vor diesem Hintergrund darf davon ausgegangen werden, dass sich die jetzt erhobenen Vorwürfe auf die 60.000 noch nicht umgerüsteten Autos der Typen Cascada, Insignia und Zafira beziehen. Sollten das Bundesamt und das übergeordnete Ministerium nicht mit den Erklärungen von Opel zufrieden sein, könnte das freiwillige Software-Update in eine förmliche Rückrufaktion münden. Bisher mussten unter anderem Audi, VW und Daimler zurückrufen.

          Reicht die Arbeit für alle Entwickler?

          Für die Zukunft der deutschen Tochter der französischen Peugeot-Mutter PSA bedeutend wichtiger als der Diesel-Streit ist aber das Thema Entwicklungszentrum. Das verrät der Blick auf die Zahlen: Arbeiten im Produktionswerk rund 3000 Männer und Frauen, so zählte das Entwicklungszentrum zuletzt etwa 7500 Beschäftigte. Wie viele es nach dem Stellenabbau noch sein werden, behält Opel für sich. Klar ist: Die dort arbeitenden Ingenieure sind für 15 sogenannte Kompetenzzentren zuständig. Sie sollen für die gesamte PSA-Gruppe arbeiten und sich zum Beispiel mit neuartigen Kraftstoffen, Gurten und Brennstoffzell-Antrieben als Alternative zur Batterie für Elektroautos befassen. Zudem entwickeln sie eine neue Benzinmotoren-Generation für PSA. Gleichwohl steht die Antwort auf die Frage aus, ob all diese Aufgaben reichen, um gut 7000 Ingenieure dort zu beschäftigen.

          Vor diesem Hintergrund suchen das Opel- und das PSA-Management einen strategischen Partner für das Herzstück der Marke mit dem Blitz. Auch ein Teilverkauf des Werks gilt als möglich. Der Betriebsrat lehnt solche Pläne ab. Ob sich das Management davon beeindrucken lässt, steht auf einem anderen Blatt. Aller Erfahrung nach wird es darauf keine schnelle Antwort geben, weil eine Partnerschaft oder ein Teilverkauf nicht von heute auf morgen unter Dach und Fach gebracht werden. Deshalb bleibt den Opel-Beschäftigten die Unsicherheit nach den Werksferien erhalten.

          Immerhin eine gute Nachricht gibt es von Opel: Anders als der Marktführer aus Wolfsburg, der mit der Zertifizierung nach dem neuen Abgastest-Standard nicht nachkam, mussten die Südhessen keine Produktionsbänder stoppen. „Bei Opel gibt es keine Verzögerungen bei den laufenden Typgenehmigungsverfahren. Das Team hat in den vergangenen Monaten hart daran gearbeitet, alle technischen Herausforderungen zu lösen“, teilte ein Sprecher mit.

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