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Unternehmen in der Corona-Krise : Lieber Pleitewelle als Ungewissheit

Insolvent: STA Travel betreibt in Rhein-Main vier Reisebüros, eins davon an der Leipziger Straße in Frankfurt. Bild: Wonge Bergmann

Trotz Krise melden derzeit kaum Unternehmen Insolvenz an. Doch Experten mahnen, dass sich das bald ändern wird – und fordern die Rückkehr von Corona-Ausnahmen zu den normalen Regeln des Insolvenzrechts.

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          Von Ausnahmen wie nun im Falle der Reisebürokette STA  abgesehen, bleibt die Lage verwunderlich: Mitten in der Wirtschaftskrise sinken die Insolvenzzahlen. Das ergibt sich auch aus den am Montag veröffentlichten Zahlen des Statistischen Landesamtes. Demnach haben im Juni hessenweit 117 Unternehmen die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens beantragt, nochmals 13 Prozent weniger als im Mai. Das Frankfurter Amtsgericht teilt zudem mit, dass auch im August kein Anstieg der Zahlen zu beobachten war.

          Inga Janović

          Wirtschaftsredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Doch solange die gesetzliche Pflicht, eine drohende Zahlungsunfähigkeit oder die Überschuldung sofort gerichtlich anzuzeigen, ausgesetzt ist, kann man aus diesen Angaben kein realistisches Lagebild ablesen. Klarer sehen da die Insolvenzberater, die schon länger von einer steigenden Anzahl von Beratungsgesprächen berichten – und im Namen der noch gesunden Unternehmen dafür plädieren, dass die Anzeigepflicht zügig wieder eingesetzt wird. Denn nachdem die Bilanzen aus 2019 durch die Verwerfungen in diesem Jahr quasi bedeutungslos geworden sind, wächst das Misstrauen gegenüber Geschäftspartnern. Die Lieferung nur gegen Vorkasse wird wieder zum Regelfall. „Wir laufen auf eine tiefe Vertrauenskrise zu, das wäre noch schlimmer als die Liquiditätskrise“, sagt etwa Jan Roth, Fachanwalt für Insolvenzrecht und in Frankfurt Partner bei der Großkanzlei Wellensiek.

          Zahlungsunfähigkeit bei 99 Prozent der Verfahren

          Darauf scheint man auch in den Beratungen der Bundesländer und der Berliner Koalition gekommen zu sein: Staatshilfen wie das Kurzarbeitergeld und Überbrückungshilfen sowie verbürgte Kredite werden nun zwar deutlich länger gezahlt, die generelle Aussetzung der Insolvenzantragspflicht soll aber wie geplant zum 30. September enden. Von da an müssen Unternehmen wie Privatleute, die vor der Zahlungsunfähigkeit stehen, dies wieder gerichtlich melden. Der Insolvenzgrund der Überschuldung bleibt allerdings weiterhin von der Anzeigepflicht ausgenommen – sofern er denn an den Folgen der Corona-Pandemie hängt.

          Davon profitieren Großkonzerne wie etwa die Lufthansa, die aktuell mit einem riesigen Staatskredit gestützt wird. Im übrigen Wirtschaftsleben wird diese Ausnahme eine kleinere Rolle spielen. „99 Prozent der Verfahren werden wegen Zahlungsunfähigkeit eröffnet, ich habe in zehn Jahren vielleicht drei oder vier Anträge wegen Überschuldung auf dem Schreibtisch gehabt“, sagt Frank Mößle, Geschäftsführer der Frankfurter Niederlassung der auf Insolvenzrecht spezialisierten Rechtsanwaltskanzlei Pluta.

          Damit scheint klar, dass die Insolvenzzahlen steigen werden, wobei es nach Einschätzung der Juristen vergleichbar sein wird wie in der Medizin: Die Unternehmen sterben eher mit als an Corona. „Es gibt eine Anzahl wirklicher Verlierer, aber die Mehrheit der Unternehmen war sozusagen vorher schon todkrank“, sagt Mößle. Jan Roth formuliert es noch radikaler: „Das kerngesunde Unternehmen, das wegen Corona pleitegeht, habe ich noch nicht getroffen.“

          Um außergerichtliche Einigung bemüht

          Das dürfte so ähnlich für Privatleute gelten, die ihre Verbindlichkeiten nicht mehr bedienen können. Ihre Kassen waren auch im Januar nicht mehr üppig gefüllt. Dass sie sich trotzdem nicht vor Oktober bei den Gerichten melden, dürfte mit einer weiteren Gesetzesänderung zusammenhängen: Für natürliche Personen soll das Entschuldungsverfahren von Oktober an auf drei statt bisher sechs Jahre verkürzt werden, insolvente Verbraucher könnten ihre Verbindlichkeiten also deutlich früher loswerden als bisher. Das motiviert offenbar, noch ein paar Wochen durchzuhalten.

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          So mancher Insolvenzantrag hätte nach Kassenlage also auch schon gestern gestellt werden können oder sogar müssen, doch solange es die Rechtslage zulässt, versuchen auch die Geschäftsführer in Unternehmen die Bekanntmachung der geschäftlichen Niederlage zu umgehen. Mehr denn je bemühen sie sich um außergerichtliche Einigungen, berichten die Insolvenzexperten. „Das ist eher im kleinen Rahmen zu empfehlen, wenn man es mit nur einem Gläubiger, etwa dem Vermieter oder der Bank, zu tun hat“, sagt Frank Mößle. Roth plädiert für die Rückkehr zu den Regelungen des Insolvenzrechts. „Im rechtlichen Verfahren gibt es Fristen, auf die Sie sich ohnehin nicht stützen können. Der Gläubiger, der dann am längsten zögert, baut eine enorme Macht auf“, warnt er. Roth sieht noch einen weiteren Grund, sich den Unternehmenszahlen realistisch zu stellen. „Man kann jetzt auch mit einem hohen Verschuldungsgrad weitermachen. Aber bei der nächsten kleinsten Auftragsdelle kriegen Unternehmen damit nicht einmal mehr einen Überbrückungskredit“, fürchtet er.

          Auch der Hessische Industrie- und Handelskammertag plädiert dafür, dass der rechtliche Rahmen wieder eingesetzt wird und die Karten auf den Tisch kommen. Seinen Umfragen zufolge sehen sich zehn Prozent der Betriebe im Land von einer Insolvenz bedroht. „Es ist wichtig, dass zahlungsunfähige und überschuldete Unternehmen aus dem Markt ausscheiden. Das verhindert Kettenreaktionen und dass sich gesunde Unternehmen anstecken“, sagt HIHK-Präsident Eberhard Flammer. „Solchen Zombie-Unternehmen ginge es nur noch um Liquidität, nicht um Gewinne. Die Gefahr wäre, dass sie jeden Auftrag zu jedem Preis annehmen und damit den Markt nachhaltig schädigen“, warnt auch Mößle. Dann wohl lieber eine Pleitewelle: Die hessische Wirtschaft sei breit aufgestellt, sie werde Schwankungen ausgleichen, gibt sich der Handelskammertag überzeugt. „Einzelne Unternehmen werden ausscheiden; was bleibt, sind unsere hervorragenden Fachkräfte in Hessen“, sagt Präsident Flammer.

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