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Ticona : Punktlandung in Höchst

Alles glänzt: Über einen halben Kilometer erstreckt sich der neue Fabrikkomplex der Ticona in Frankfurt-Höchst. Bild: Ticona

Der Kunststoffhersteller Ticona ist von Kelsterbach nach Höchst umgezogen, weil er dem Flughafenausbau weichen musste. Am Montag wird die neue Fabrik in Betrieb genommen.

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          Im Süden lugt der an einen Wal erinnernde Koloss „The Squaire“ hinter dem Wald am Flughafen hervor. Etwas weiter links duckt sich die Fußballarena ins Grün. Das Auge schwenkt über die Frankfurter Skyline hin zu einem unverbaubaren Taunusblick. Matthias Göring und Stefan Hess genießen das Panorama, das schier nach einer Außengastronomie ruft. Dazu aber wird es niemals kommen, denn Göring und Hess stehen in gut 50 Metern Höhe auf einer Silo-Plattform des neuen Ticona-Werks im Industriepark Höchst. Hinter beiden und ihren Mitarbeitern bei dem Kunststoffhersteller liegen viele Monate voller Überstunden und Anspannung angesichts des ehrgeizigen Zeitplans für das größte Einzelbauvorhaben, das sich ihr Mutterkonzern Celanese jemals vorgenommen hat.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Am Montag wird die Anlage für technische Kunststoffe in Betrieb genommen. Zu der Feierstunde reist nicht nur der Vorstand des Unternehmens an. Auch Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) lässt sich das Ereignis nicht entgehen, das einen Meilenstein für die Weiterentwicklung des Stammgeländes der früheren Hoechst AG darstellt. Mehr Geld ist dort bisher in keinen Fabrikneubau gesteckt werden. 320 Mitarbeiter werden für die Ticona in Höchst in Produktion und Forschung tätig sein – 120 weniger als am bisherigen Standort Kelsterbach. Die Lücke erklärt sich vor allem durch den Umstand, dass Ticona am alten Standort eigene Kräfte für Rohstoff- und Energieversorgung sowie Abfallbeseitigung hatte, in Höchst aber auf die Dienste des Industrieparkbetreibers Infraserv zurückgreift.

          Ticona erhielt 670 Millionen Euro als Ausgleich

          Den Anstoß für den Neubau hat die Ticona nicht selbst gegeben. Das Unternehmen hätte auch in der Zukunft weiter in seinem Werk in Kelsterbach produzieren können. Dort hat Ticona seit 1964 vor allem einen vielseitigen Kunststoff namens Hostaform hergestellt; anfangs waren es 5000 Tonnen im Jahr, zuletzt 110.000. Doch stand das Werk der neuen Nordwestlandebahn im Weg. Schornsteine und Fackeln, mit denen überschüssiges Gas verbrannt wurde, wären Flughindernisse gewesen. Wer in diesen Tagen am alten Werkstor an der Professor-Staudinger-Straße in Kelsterbach vorfährt, mag kaum glauben, dass die Flughindernisse nicht von Anfang an im Blick waren: Die Landebahn beginnt nur einen Steinwurf entfernt von der Schranke vor dem Industriegelände.

          Nach längeren Verhandlungen schloss das Chemieunternehmen im November 2006 einen Vertrag mit dem Flughafenbetreiber Fraport. Ticona erhielt 670 Millionen Euro als Ausgleich für die Bereitschaft, sich einen neuen Standort zu suchen. Trotz der Nähe zum alten Werk und der Hoechst-Wurzeln war Höchst nicht die natürliche Wahl. Vielmehr erhielt der Industriepark erst nach einem aufwendigen, sechs Monate dauernden Ausschreibungsverfahren den Zuschlag.

          Der Zeitplan war eng

          Ticona-Geschäftsführer Hess spricht angesichts des aus acht Teilen bestehenden Werks mit silbrig blinkenden Aufbauten links und rechts einer etwa 500 Meter langen Straße von Erleichterung und Stolz. Schließlich musste die neue Fabrik innerhalb von vier Jahren geplant, gebaut und angefahren werden, bis sie zuverlässig Hostaform ausspuckte – das ist ein Kunststoff, der zu Produkten verarbeitet wird, wie sie sich in nahezu jedem Auto finden.

          Vier Jahre – das klingt nach viel. Doch der Zeitplan war eng. Im Juli 2007 entschied sich Celanese für Höchst. Bis das Unternehmen die notwendige Genehmigung hatte und die Bauarbeiter losschicken konnte, dauerte es weitere zehn Monate. Zu dieser Zeit saßen die beauftragten Ingenieure längst über den Zeichnungen. Das Engineering begann im ersten Quartal 2007 und dauerte bis Ende 2009 – rund eine Million Ingenieurs-Stunden fielen nach den Worten von Projektleiter Göring an. „Die können Sie nicht von der Stange kaufen“, sagt er über die neue Anlage. Die Untergrundleitungen wurden vom Frühjahr 2008 bis Ende 2009 verlegt, die Stahlbauer waren vom Frühjahr 2009 bis zum Frühsommer 2010 am Werk und verarbeiteten 8000 Tonnen Stahl.

          Um Verzögerungen zu vermeiden, bauten Arbeiter parallel dazu 82 Kilometer Rohrleitungen sowie Elektroinstallationen und 3800 Instrumente ein. Gemeinhin laufen solche Tätigkeiten nacheinander, um das Risiko von Schäden an Instrumenten zu minimieren. Die erste Phase des Probebetriebs erstreckte sich vom ersten Quartal 2010 bis in dieses Frühjahr hinein; das erste Hostaform wurde im Industriepark im Probebetrieb im Frühsommer 2010 hergestellt. Und seit Juli dieses Jahres wird die komplette Anlage hochgefahren. „Das war ziemlich genau eine Punktlandung“, sagt Göring.

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