https://www.faz.net/-gzg-u98j

Ticona : In Leuna winken Fördergelder

Begehrt bei Industrieparks in ganz Deutschland: das Ticona-Werk Bild: F.A.Z. - Daniel Pilar

Das Ticona-Chemiewerk sucht nach einem neuen Standort. Falls die Fabrik in Leuna gebaut würde, dürfte das Unternehmen auf stattliche Beihilfen hoffen. Aber beim Lohnniveau ist Ostdeutschland nicht mehr lange im Vorteil.

          Bei der Suche nach dem neuen Standort für das Ticona-Werk in Kelsterbach dürfte sie von besonderem Interesse sein. Manche mit dieser Angelegenheit vertraute Personen meinen sogar, sie sei „kriegsentscheidend“: die Frage, ob und inwieweit die Celanese AG in Kronberg als Ticona-Muttergesellschaft im Fall einer Ansiedlung der Chemiefabrik in Ostdeutschland auf staatliche Beihilfen hoffen darf.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Soviel ist klar: Im wirtschaftsstarken Rhein-Main-Gebiet, in dem sich Celanese auch umsehen wird, darf es keine Subventionen geben. In Ostdeutschland schon. Grundsätzlich jedenfalls. Wer dort Arbeitsplätze schafft, kann Gelder aus der sogenannten Gemeinschaftsaufgabe Ost zur Verbesserung der regionalen Infrastruktur erhalten. Dies gilt auch für Betriebe, die sich in Leuna in Sachsen-Anhalt niederlassen wollen. Da Celanese für das Ticona-Werk erklärtermaßen eine Fläche in einem Industriepark sucht und Leuna über ein solches Gelände verfügt, gehen viele Blicke dorthin.

          Ticona-Werk wird bis Mitte 2011 aufgegeben

          650 Millionen Euro bringt die Ticona mit - soviel Geld zahlt der Frankfurter Flughafenbetreiber Fraport der Celanese für die Aufgabe des Standorts Kelsterbach zugunsten des Flughafenausbaus. Dies sieht die Absichtserklärung („Letter of Intend“) zwischen Celanese und Fraport vor. Etwa 400 Arbeitsplätze in der Produktion wird die neue Fabrik des Kunststoffherstellers bieten. Für die Industrieparks Griesheim und Höchst in Frankfurt wäre eine solche Zahl von Stellen ein Gewinn, für das deutlich weniger wirtschaftsstarke Sachsen-Anhalt sicher umso mehr.

          Doch um jeden Preis will das ostdeutsche Land nicht um Investoren werben. Es sieht mittlerweile genau hin, wenn Beihilfen beantragt werden: „Betriebsverlagerungen nur zum Abgreifen von Fördermitteln soll es nicht mehr geben“, sagt Rainer Lampe vom Wirtschaftsministerium in Magdeburg. Die Bundesländer könnten sich auf höchster Ebene absprechen, um keine „Subventions-Konkurrenz“ aufkommen zu lassen.

          Wie stellt sich der Fall Ticona auf den ersten Blick aus Madgeburger Sicht dar? Die Antwort auf die Frage fällt Lampe nicht leicht. Denn: „Wir haben es noch nicht gehabt, dass ein Unternehmen an einem Standort schließen muss und anderswo wieder ein Werk aufbauen will.“ Zwar erscheint es interpretationsfähig, ob Ticona in Kelsterbach aufgeben muss - schließlich liegt der Absicht, das Werk bis Mittte 2011 zu räumen, eine Übereinkunft zu Grunde. Das Magdeburger Wirtschaftsministerium neigt jedoch nach den Worten seines Sprechers auf den ersten Blick der Ansicht zu, es mit einer Neuinvestition zu tun zu haben, falls die Wahl auf Leuna fiele. Nach dieser Lesart dürfte die Ticona-Mutter auf Beihilfen hoffen.

          Industriepark Höchst als möglicher Standort

          Die Höhe erscheint aber unklar. Die Förderquote nimmt grundsätzlich ab, je mehr ein Unternehmen investiert. Wer bis zu 50 Millionen Euro ausgibt, kann bis zu 30 Prozent von der öffentlichen Hand erhalten; im Fall der Gemeinschaftsaufgabe kommen die Subventionen zur Hälfte von der Europäischen Union, die andere Hälfte teilen sich Bund und Land, wie Lampe erläuterte. Falls Celanese mehr als 500 Millionen Euro in die Hand nehmen sollte, könnte der Konzern höchstens 20 Prozent der Investitionssumme erhalten, im Zweifelsfall wohl weniger, so der Sprecher weiter. In jedem Fall handele es sich um „Kann“-Regelungen und nicht um feste Ansprüche. Zudem sei jede Investition in Brüssel anzumelden.

          Für den Ticona-Betriebsrat erübrigen sich solche Gedankenspiele schon jetzt. Denn die Arbeitnehmervertreter treten für den Bau des Werks im Raum Frankfurt ein, wobei der Industriepark Höchst für sie erste Wahl ist. Mit dem Begriff Leuna verbindet Beriebsratschef Axel Weidner bestenfalls den Umzug über die Leuna-Brücke in Höchst, wie er sagt. Dessenungeachtet muss sich Weidner als Mitglied der Standortfindungs-Kommission bei der Celanese wohl mit einem mutmaßlichen Vorteil von Leuna beschäftigen: der in Vergleich zu Frankfurt deutlich niedrigeren Gewerbesteuer. In Frankfurt ist der Hebesatz gerade von 490 Punkte auf 460 Punkte gesenkt worden - in Leuna liegt er bei 300 Punkten. Aus tariflicher Sicht kann Ostdeutschland dagegen im Vergleich zum Rhein-Main-Gebiet mit Blick auf Ticona nicht punkten. Zwar verdienten dort Chemiefacharbeiter weniger als hier - doch pendelten sich die Löhne in drei Jahren auf Westniveau ein, wie der Ticona-Betriebsrat hervorhebt.

          Blieben die Betriebskosten, die sich in Industrieparks auch aus dem Einkauf von Dienstleistungen wie der Energiezufuhr in Form von Dampf und der Abwasserentsorgung berechnen. „Gegen einen ostdeutschen Standort haben wir bei den Preisen wohl keine Chance“, gibt der Geschäftsführer des Industrieparks Griesheim, Michael Molter, freimütig zu. Gleichwohl hat Molter ebenso wie der erheblich größere Konkurrent in Höchst, der einen harten Standortwettbewerb erwartet, bei der Ticona angeklopft. Denn das Know-how einer solchen Fabrik ist nicht in den Köpfen von vier oder fünf Chemikern, sondern in den Köpfen aller Mitarbeiter, wie er meint.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Sherpas Hecker und Röller : Das sind Merkels G-7-Helfer

          Am Samstag beginnt der G-7-Gipfel in Frankreich. Jan Hecker und Lars-Hendrik Röller haben die meiste Arbeit dann hinter sich: Sie bereiten die Kanzlerin auf das Treffen vor. Doch wer sind Merkels wichtigste Berater?
          Der ehemalige Daimler-Chef Dieter Zetsche wird Aufsichtsrat bei Aldi Süd. Das liegt auch an seiner Freundschaft zum ehemaligen BASF-Chef Jürgen Hambrecht.

          Ehemaliger Daimler-Chef : Zetsche geht zu Aldi Süd

          Nach dem Ende seiner Karriere bei Daimler bekommt Zetsche einen Posten bei dem Discounter Aldi Süd: Er wurde in den Aufsichtsrat berufen. Das hängt mit einer Männerfreundschaft zusammen.
          Viele Studierende erhoffen sich von Steuerrückzahlungen eine gute Summe. Doch nicht alle haben es leicht, Geld vom Fiskus zurückzuholen.

          Tipps & Tücken : Steuern sparen für Studenten

          Ein nettes Sümmchen vom Staat zurückholen – kein Problem. Mit solchen Versprechungen locken Seminar-Anbieter. Doch ganz so einfach ist es nicht.

          Trumps Grönland-Idee : Eiskalte Interessen

          Manche Republikaner unterstützen die Idee von Donald Trump, Grönland zu kaufen. Schließlich könnte man so den Einfluss von China und Russland begrenzen – und riesige Rohstoffvorkommen ausbeuten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.