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Nach Pleite : Deutsche Thomas Cook beantragt Staatshilfe

Flugzeuge des insolventen Reiseveranstalters Thomas Cook am Flughafen Frankfurt Bild: Reuters

Auch der Pauschalreiseanbieter Thomas Cook aus Oberursel hat bei der Bundesregierung um finanzielle Hilfe gebeten. Ferienflieger Condor steht einem Einstieg eines Investors offen gegenüber.

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          Die deutschen Tochterunternehmen des insolventen britischen Touristikkonzerns Thomas Cook haben bei der Bundesregierung Überbrückungskredite beantragt. Nach der Fluggesellschaft Condor mit Hauptsitz in Kelsterbach hat auch der Pauschalreiseanbieter Thomas Cook aus Oberursel um solche Hilfen gebeten. Dies sei bereits am Montag erfolgt, teilte eine Unternehmenssprecherin mit. Die Höhe des Überbrückungskredits für Thomas Cook wurde nicht veröffentlicht. Zu dem Unternehmen gehören unter anderem die Marken Neckermann Reisen, Air Marin, Bucher Reisen und Öger Tours. Es beschäftigt allein in Oberursel rund 1200 Menschen. Condor hat bundesweit 3500 Mitarbeiter, einen erheblichen Teil davon in Gateway Gardens am Flughafen.

          Falk Heunemann
          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
          Jochen Remmert
          Flughafenredakteur und Korrespondent Rhein-Main-Süd.

          Sowohl Condor als auch Thomas Cook Deutschland haben bislang keine Insolvenz angemeldet, im Gegensatz zu ihrem britischen Mutterkonzern. Die Fluggesellschaft hält den Betrieb aufrecht, während der Reiseveranstalter den Vertrieb von Pauschalreisen eingestellt hat und keine Touristen mehr ins Ausland befördert.

          Immer wieder Hilfe für Unternehmen

          Nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums könnte über die Anträge in den nächsten Tagen entschieden werden. Entscheidend sei dafür, ob die Unternehmen volkswirtschaftlich relevant seien und eine Aussicht bestünde, dass der Kredit zurückgezahlt würde. Das Land Hessen hatte bereits angeboten, den Kredit mit einer Bürgschaft von 100 Millionen Euro abzusichern. „Im Moment ist aber der Bund am Zug“, sagte ein Sprecher des hessischen Finanzministeriums. Anträge der beiden Unternehmen lägen dem Land nicht vor, es gebe aber Gespräche.

          Sowohl Land als auch der Bund gewähren immer wieder solche Hilfen an Unternehmen. Das Land Hessen hat im vergangenen Jahr insgesamt 668 Millionen Euro für 285 Unternehmen an Bürgschaften gewährt, maximal 1,5 Milliarden Euro wären möglich. Die Ausfallquote habe bei 0,9 Prozent gelegen, hieß es aus dem Finanzministerium in Wiesbaden, das entspricht rund sechs Millionen Euro. Die bislang größte Bürgschaft mit 447 Millionen hatte Opel 2009 erhalten. Auch die Frankfurter Rundschau, den Schuhhersteller Rohde und Sportvereine wie Kickers Offenbach und Eintracht Frankfurt hatte das Land auf diese Art gestützt.

          Bei einer Bürgschaft fließt allerdings nur dann Geld vom Staat, wenn der Kreditnehmer seine Schulden bei seiner Hausbank nicht begleichen kann. Abgewickelt wird diese Garantie in Hessen in der Regel über die landeseigene Wibank, die dafür eine jährliche Verwaltungsgebühr von einem Prozent der Bürgschaftssumme sowie eine Antragsgebühr von dem Gläubigerunternehmen kassiert.

          Condor wirbt um Anteilseigner

          Falls die Condor Flugdienst GmbH, deren Heimatflughafen seit ihrer Gründung 1955 der Frankfurter Flughafen ist, den Überbrückungskredit bekommt, ist die Existenz der Fluggesellschaft jedoch noch nicht gesichert. Das Management um Airline-Chef Ralf Teckentrup weiß, dass man dauerhaft einen Investor braucht, um weiter rentabel auf dem Markt der Ferienflieger agieren zu können. Deshalb werben die Condorianer seit längerem offensiv um neue Anteilseigner. Condor-Chef Teckentrup hat immer wieder öffentlich hervorgehoben, dass seine Fluggesellschaft für jeden Käufer attraktiv sei, weil man seit Jahren rentabel und der finanzielle Aufwand pro Passagier vergleichsweise gering sei – was der Billig-Airline Eurowings von Lufthansa bislang nicht gelungen ist.

          Die Lufthansa hatte bis zum Sommer einen Rückkauf ihrer früheren Tochter Condor erwogen, von der sie sich schrittweise bis 2009 getrennt hatte. Zuletzt aber hatte der Konzern offiziell kein Interesse mehr an einer Übernahme gezeigt. Andererseits sind die Slots der Condor (Start- und Landezeitfenster an Flughäfen) so attraktiv, dass es heikel wäre, sie einem Konkurrenten zu überlassen. Es spricht daher viel dafür, dass die Lufthansa doch noch zuschlagen möchte. Wie aus informierten Kreisen zu hören ist, steht Condor aber auch dem Einstieg eines reinen Finanzinvestors offen gegenüber.

          Kein Grund, zuhause zu bleiben

          Ein dicker Ordner voller Buchungsunterlagen– so sehen geplatzte Urlaubsträume in einem Frankfurter Thomas-Cook-Reisebüro aus. Seit Montag kommen die Kunden, die ihren Urlaub bei dem Oberurseler Veranstalter gebucht haben, nicht mehr weg. Doch sie stehen deshalb nicht Schlange bei der Reiseagentur, das Geschäft ist leer. „Mit dem Namen können Sie nichts mehr verkaufen“, sagen dazu die zwei anwesenden Reisefachfrauen. Zwar gehöre das Geschäft nicht der deutschen Cook-Tochter, es trage im Zuge eines Franchise-Vertrages deren Namen. „Aber der Chef ist schon dabei, der wird geändert.“

          Und die daheimgebliebenen Kunden? Die hätten gefasst reagiert, und die Pleite des britischen Konzerns bedeute ja nicht automatisch, dass nun der Urlaub ausfallen müsse. „Buchen Sie neu“, schlagen die beiden Damen vor, das Geld für die abgesagte Thomas-Cook-Reise gebe es ja von der Versicherung zurück. Flüge seien leicht zu kriegen. „Bei Condor sind ja jetzt viele Plätze frei“, sagt eine der Frauen. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie die am Boden lassen. Dann käme ja fast keiner mehr in den Urlaub.“

          Und wer bei Condor über einen anderen Veranstalter buche, könne recht sorglos ins Flugzeug einsteigen. „Selbst wenn der Flugverkehr eingestellt würde, wäre es die Pflicht des Veranstalters, sich darum zu kümmern, dass Sie heimkommen“, erklärt sie. Das, so schränkt die Fachfrau ein, gelte für Pauschalreisende, allein sie seien rundum versichert. Wer individuell bucht, der könnte alles verlieren. (ing.)

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