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Streiks mit Drive-in : „Amazon muss bei Corona-Tests mehr tun“

Ausstand: Seit sieben Jahren legen die Amazon-Mitarbeiter immer wieder einmal die Arbeit nieder und streiken für einen Tarifvertrag (Archivbild). Bild: Reuters

Seit 2013 streiken Amazon-Beschäftigte in Bad Hersfeld und Koblenz immer wieder für einen Tarifvertrag. Seit Mitternacht ist es wieder soweit. In Osthessen spielt aber auch die dortige Corona-Welle eine Rolle.

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          Wie oft sie schon Beschäftigte von Amazon in Bad Hersfeld zum Streik um sich versammelt hat, weiß Mechthild Middeke selbst nicht so genau. „Ich führe eine Liste, da könnte ich es recherchieren“, sagt sie. Aber aus dem Stegreif? „Nö“, sagt die Gewerkschaftssekretärin von Verdi. „Wir sind seit 2013 am streiken“, erläutert sie, die als Betriebsbetreuerin zuständig ist für die nordosthessischen Betriebe der Amazon Logistik GmbH. Seit sieben Jahren verfolgen die Gewerkschafter bei dem Versender ein und dasselbe Ziel. Sie verlangen die Anerkennung der Tarifverträge für den Einzel- und Versandhandel. Denn Amazon ist bisher nicht tarifgebunden. Seit Mitternacht beteiligen sich abermals Hunderte Beschäftigte in Bad Hersfeld an einem Streik. Auch in Koblenz und an anderen Standorten von Amazon gibt es Ausstände. In Nordosthessen ist der Streik dieses Mal aber etwas Besonderes. Drive-in inklusive.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Grund: In Bad Hersfeld haben sich zahlreiche Beschäftigte mit dem Coronavirus infiziert. Wie viele es genau sind, wissen die Arbeitnehmervertreter laut Middeke nicht. Die Rede ist von rund drei Dutzend. Amazon legt Wert darauf, kein Hotspot zu sein. Die Mitarbeiter hätten sich im privaten Rahmen angesteckt, hat ein Sprecher unter Verweis auf Recherchen des regionalen Gesundheitsamts der F.A.Z. gesagt. Gleichwohl hat die kleine Covid-19-Welle auch Folgen für den Betriebsalltag. Das regionale Gesundheitsamt hat etwa Maskenpflicht verordnet. Das Unternehmen lässt die Arbeitsplätze wie in solchen Fällen üblich öfter reinigen, wie es heißt. „Allein in Deutschland haben wir seit Februar 470 Millionen Einheiten Desinfektionsmittel für die Hände, 21 Millionen Paar Handschuhe, 19 Millionen Masken, Gesichtsschilder oder anderen Mund-Nase-Schutz und 39 Millionen Packungen desinfizierende Wischtücher bestellt“, listet ein Amazon-Sprecher auf.

          „Da geht schon die Angst um“

          Das genügt Verdi aber nicht. Die Maskenpflicht führe bei vielen zu Atemproblemen, die sich bei steigenden Temperaturen in den Lagerhallen verschlimmern. „Wir fordern mehr Pausen und die Entschleunigung der Arbeitsprozesse, sowie die bezahlte Freistellung für gesundheitlich besonders belastete Mitarbeiter durch den Arbeitgeber.“ Und: Die Beschäftigten wüssten schon gerne, in welchen Abteilungen die infizierten Beschäftigten arbeiteten. Schließlich müssten etwaige Kontakte untereinander nachvollzogen werden. Es gebe mittlerweile auch genügend Tests. „Hier müsste Amazon mehr machen“, fordert die Gewerkschafterin.

          Amazon selbst nennt auch auf Anfrage keine Infektionszahlen. Wie sich aus dem täglichen Corona-Bulletin des hessischen Sozialministeriums aber ergibt, liegt die Zahl der Neuinfektionen in Kreis Hersfeld-Rotenburg mittlerweile unter zehn. Vor gut einer Woche standen noch 27 zu Buche. Ein im Landesvergleich hoher Wert gemessen an der geringen Einwohnerzahl dieses Landkreises. Nur gut 120.000 Kinder, Frauen und Männer zählt er.

          Vor diesem Hintergrund gehört Amazon in Nordosthessen zu den wichtigsten Arbeitgebern. Zwei Betriebe hat der Versender an der Autobahn 4. Er nennt sie Fra1 und Fra3, benannt nach dem nächstgelegenen großen Flughafen. Und das ist das 141 Kilometer entfernt gelegene Frankfurt. Der Flughafen Calden liegt zwar ungleich näher, dient aber nicht als Namensgeber.

          Alle Schichten aufgerufen

          Middeke schätzt die Zahl der Streikenden auf rund 500. Ein Erfahrungswert. Laut Amazon arbeitet aber die Mehrzahl der Mitarbeiter. Nachteile für die Kunden gebe es keine. 3500 Beschäftigte zählt das Unternehmen am Standort, sie verteilen sich auf die einzelnen Schichten. Verdi hat alle Schichten zum Ausstand aufgerufen. Anders als sonst treffen sich die Streikenden aber nicht vor den Werkstoren. Vielmehr dient ein Parkplatz laut Middeke als Treffpunkt. Dort überträgt ein Lautsprecher die Streikreden aus einem Auto nach draußen. „Da erreiche ich die Leute schon“, sagt sie. An Ort und Stelle können die Beschäftigten an diesem speziellen Drive-in auch ihre Anträge auf Streikgeld ausfüllen. Und gleichzeitig das Abstandsgebot beachten.

          Und was sagt Amazon zu den Verdi-Forderungen? Was die Gewerkschaft als Ziel beschreibt, ist für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Amazon längst Realität: Löhne am oberen Ende dessen, was für vergleichbare Tätigkeiten gezahlt wird, Entwicklungschancen für viele Menschen und vor allem ein sicheres Arbeitsumfeld“, heißt es bei dem Versender. Früher war auch noch von Aktienoptionen die Rede. Wer welche hat, kann sich gemessen an der Kursentwicklung der Amazon-Aktie glücklich schätzen.

          Derweil moniert die Gewerkschaft, dass der von Amazon zwischenzeitlich gezahlte sogenannte Corona-Bonus schon Ende Mai ausgelaufen sei. „Das hebt nicht gerade die Stimmung“, sagt Middeke.

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