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Tabakindustrie : Unruhe unter Tabakgroßhändlern

Bis 2007 müssen Zigarettenautomaten Lesegeräte für Geldkarten aufweisen Bild: F.A.Z. - Cornelia Sick

Die Tabakgroßhändler haben in den vergangenen Jahren 300 Millionen Euro in jugendschutzgerechte Zigarettenautomaten investiert - dennoch droht ein Aufstellverbot.

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          Mit einem Vorstoß haben die Grünen im Landtag für Unruhe unter Tabakgroßhändlern gesorgt. In der Diskussion um den Nichtraucherschutz fordern sie weitreichende Konsequenzen: Um Jugendliche zu schützen, sollte die Landesregierung über ein allgemeines Aufstellungsverbot für Zigarettenautomaten nachdenken. Für die Tabakgroßhändler, die sich bisher aus der Debatte herausgehalten haben, gleicht dies dem sprichwörtlichen Schlag ins Gesicht.

          Marcus Jung

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Nach ihrer Ansicht kommen sie den Anforderungen des Jugendschutzrechts ausreichend nach. Nach einer Vorgabe des Bundes von 2003 muß die Branche bis zum Januar 2007 alle Zigarettenautomaten mit „entsprechenden Schutzvorrichtungen“ ausstatten, die es Jugendlichen unter 16 Jahren unmöglich machen, Zigaretten zu ziehen.

          Umstellung auf jugendsichere Geräte

          Die 210 Mitglieder des Bundesverbands Deutscher Tabak-Großhändler und Automatenaufsteller (BDTA) haben nach eigenen Angaben seit Ende der neunziger Jahre 300 Millionen Euro in neue jugendsichere Geräte investiert. An rund 500.000 Zigarettenautomaten wurden demnach Lesegeräte angebracht, die ein auf dem Geldkartenchip gespeichertes Jugendschutzmerkmal oder einen EU-Führerschein erkennen können. 75 Prozent aller ausgegebenen Bankkundenkarten trügen diese Information auf dem Chip, und wenn Jugendliche heutzutage ihren Führerschein machen, erhielten sie ihre Fahrerlaubnis als Chipkarte nach EU-Norm. Beim Einlesen der Daten erkennt der Zigarettenautomat, ob der Käufer einer Packung über 16 Jahre alt ist. Kann oder will sich der Raucher nicht ausweisen, wird der Kaufvorgang abgebrochen. Die deutschen Tabakgroßhändler versichern: Nur wer sich künftig mit seiner Geldkarte oder EU-Führerschein ausweist, kommt an seine Schachtel.

          Bild: F.A.Z.

          „Wir investieren in eine moderne Technik, doch bevor diese der Öffentlichkeit überhaupt vorgestellt werden kann, wird sie schon wieder in Frage gestellt“, ärgert sich Daniel Ludwig, Mitglied der Geschäftsführung des Dieburger Tabakgroßhändlers und Automatenaufstellers Willi Weber. Nach eigenen Angaben hat das Unternehmen in den vergangenen Jahren 17.000 Automaten im Rhein-Main-Gebiet umgerüstet und dafür sieben Millionen Euro für die Technologie ausgegeben. Ludwig ist ein Fürsprecher der Geldkartenvariante. Gehe es um den Jugendschutz, so der Geschäftsführer, sei dies die sicherste Lösung, denn beim anonymen Kauf am Automaten könne das wahre Alter nicht verschleiert werden, wie das im Geschäft der Fall sein könnte. Daher schlägt er vor, diese Abfragetechnik im Einzelhandel auf einen kontrollierten Verkauf von anderen jugendgefährdenden Produkten, wie zum Beispiel entsprechenden Filmen und alkoholischen Getränken, auszuweiten.

          Der Markt der Automatenaufsteller ist ohnehin im Umbruch: Bundesweit kaufen die Branchenführer, zu denen unter anderem auch die Willi Weber GmbH mit einem Jahresumsatz von 300 Millionen Euro gehört, kleinere Betriebe auf. Gerade für diese Firmen, häufig noch als Familienunternehmen geführt, waren die Umstellung auf die Euromünzen im Jahr 2002 und das Einsetzen der Lesegeräte ein finanzieller wie logistischer Kraftakt. So mußte auch die Tabak Landenberger KG aus Mainz ihre alten Geräte gegen neue jugendschutzgerechte Zigarettenautomaten austauschen. Seit 2002 hat sie rund 1500 Automaten in Rheinhessen, Wiesbaden und Rüsselsheim modernisiert, wie es heißt. Um im Wettbewerb bestehen zu können, mußte das Unternehmen 700.000 Euro investieren - Geld, das sich nach Aussage des Firmenchefs Paul Landenberger nicht durch den vermehrten Verkauf an Automaten ausgleichen läßt.

          Umsatzrückgang erwartet

          „Der Raucher wird durch die neue Technik erst mal verunsichert sein und auf den Einzelhandel ausweichen“, meint er. Statistisch gesehen, werde nur jede fünfte Zigarette über Automaten verkauft, deshalb müßten sich Tabakwarengeschäfte, die vielfach schon Lesegeräte für die Geldkarte besäßen, auf mehr Nachfrage einstellen. Den zu erwartenden Umsatzrückgang will Landenberger nicht vorhersagen. Nach einer selbst in Auftrag gegebenen Marktstudie rechnet Tabakgroßhändler Weber mit bis zu 30 Prozent weniger verkauften Packungen an den Automaten. Aber Geschäftsführer Ludwig ist sich sicher: „Wenn sich die Raucher erst mal an die schnelle Zahlweise mit der Geldkarte gewöhnt haben, werden sie diese auch nutzen.“ Kritik, wonach ein Mißbrauch der EC-Karten und Führerscheine möglich sei und Jugendliche doch an Zigaretten kommen könnten, versteht er nicht. Schließlich gebe niemand seine Papiere leichtfertig aus der Hand.

          Ganz andere Bedenken hat der Bundesverband BDTA: Sollte ein zukünftiges Rauchverbot auch das Aufstellen von Zigarettenautomaten in Gaststätten umfassen, fielen Einnahmequellen der Tabakgroßhändler weg. Der Zigarettenautomat sei von Januar 2007 an als einzig sichere Verkaufsstelle von Tabakwaren an Jugendliche im Jugendschutzgesetz erwähnt, so Hauptgeschäftsführer Peter Lind. „Unsere Mitglieder erfüllen bundesweit die gesetzlichen Vorgaben. Die Forderung nach einem Aufstellungsverbot von Zigarettenautomaten halte ich verfassungsrechtlich für bedenklich“, sagt Lind

          Abzuwägen sind demnach das Interesse eines wirksamen Jugendschutzes, der nach Ansicht der Tabakgroßhändler schon gewährleistet wird, und die beruflichen Interessen der Branche. Entscheidet sich die Politik für ein umfassendes Rauchverbot, so wären nach Einschätzung der Händler die Investitionen für jugendschutzgerechte Automaten vergebens. Den Ernst der Lage haben auch über 100 Mitarbeiter der Willi Weber GmbH erkannt. In einem offenen Brief an die gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen kritisierten sie die Forderung: Die Politik solle sich zuerst umfassend informieren, bevor sie eine innovative Lösung zerpflücke.

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