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„Dragons-Father“ Sven Martin : Das ist der Vater der „Game of Thrones“-Drachen

  • -Aktualisiert am

„Father of Dragons“: Sven Martin, Visual Effects Supervisor bei Pixomondo mit einer Figur aus „Game of Thrones“. Bild: Bäuml, Lucas

Hinter den Feuerspeiern bei „Game of Thrones“ steckt Sven Martin. Vom Praktikanten beim Hessischen Rundfunk hat er es zum Visual Effects Supervisor gebracht. Nicht in Hollywood – sondern in Frankfurt.

          5 Min.

          Es ist heiß im Drachennest. „Hier wurde leider keine Klimaanlage verbaut“, sagt der Mann, der die Drachen erschafft. Er sieht friedlich aus und lächelt: Sven Martin trägt ein blaues Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln, gegelte Haare und kurze Hosen. Der Dreiundvierzigjährige ist Visual Effects Supervisor bei Pixomondo in Frankfurt, jener Firma, die für die Erfolgsserie „Game of Thrones“ die Spezialeffekte gemacht hat. Die HBO-Produktion wurde mit 47 Emmys ausgezeichnet, allein sechs Mal in der Kategorie Visuelle Effekte. In der Beton- und Glas-Büroetage am Osthafen sitzen etwa 50 Künstler und Mitarbeiter vor Computern; bei 39 Grad Außentemperatur. Hier sind die berüchtigten Seriendrachen Drogon, Viserion und Rhaegal digital zur Welt gekommen.

          Zum „Father of Dragons“ ist Martin auf Umwegen geworden. „Kunst und Mathematik haben sich für mich nicht ausgeschlossen.“ Als Schüler in Nastätten in Rheinland-Pfalz wollte er Bühnenbildner werden. Doch beim Blick hinter Theaterkulissen habe sich gezeigt, dass er sich zwischen Schreiner- und Malerarbeiten hätte entscheiden müssen. Festlegen wollte er sich aber nicht. Nach dem Abitur 1995 und dem Zivildienst stand also die Frage: Was nun? „Ich habe ein Faible für phantastische Filme“, sagt Martin. „Star Wars“ und „ET“ seien prägend gewesen. Martin teilt sich das Büro mit den Pixomondo-Produzenten. Am Fenster steht Darth Vader und schaut durch eine Sonnenbrille auf dessen Schreibtisch. Darauf steht ein Modell eines Drachen mit Daenerys Targaryen, der „Mother of Dragons“ und einer der Hauptfiguren in „Game of Thrones“. Als 1993 „Jurassic Park“ ins Kino gekommen sei, „ist mir die Kinnlade runtergefallen“, erzählt Martin. „Ein Quantensprung in der Darstellung von Kreaturen, die es nicht mehr gibt.“ Die Faszination für Tricktechnik war geweckt. Aber wie den Traum zur Realität machen?

          Mit der Produktion von Wetterkarten zur Akademie

          „Durch Zufall.“ Eine Dokumentation im SWR machte Martin auf die Filmakademie Baden-Württemberg aufmerksam. Wahnsinn, dachte er sich, es gibt eine Hochschule, die sich auf Spezialeffekte und Animationen konzentriert. In Deutschland. Zu der Zeit sei das einzigartig gewesen. 1997 also erst mal sechs Monate Praktikum beim Hessischen Rundfunk (HR) in der Grafik-Trick-Abteilung: „Ich bin morgens extra früher gekommen, um mir den Umgang mit Spezialgeräten und Software, die man zu Hause nicht hatte, beizubringen.“ An Computern mit 3D-Programmen und für das Kombinieren von Bildern, genannt 2D-Compositing, bastelte Martin am Morgen sein Bewerbungsvideo für die Akademie, tagsüber produzierte er Wetterkarten. Eine Umbruchzeit, sagt er. Bis dahin seien die Karten noch per „Legetrick“ gesetzt worden. Das heißt, die Temperaturen wurden einzeln auf Schablonen notiert, auf einer Landkarte arrangiert und abgefilmt. „Von da an lief das digital.“ Nach dem Praktikum arbeitete Martin ein halbes Jahr weiter beim HR, um sich aufs Studium vorzubereiten.

          Die letzte Schlacht: Der Frankfurter Seriendrache Drogon zerstört in der Serie den lang umkämpften Eisernen Thron.

          Das frühe Aufstehen zahlte sich aus: 1998 begann Martin, „Animation“ an der Filmakademie in Ludwigsburg, nördlich von Stuttgart, zu studieren. Die klassischen Filmberufe, Regie, Drehbuch, Kamera, waren Teil der Ausbildung. „Davon zehre ich heute noch.“ Denn seine Hauptaufgabe als Visual Effects Supervisor sei der eines Dolmetschers ähnlich: „Ich vermittle zwischen Regie, Produzenten und Artists.“ Es helfe, beide Bereiche zu kennen, Kunst und Technik. So könne er kreative Kommentare des Regisseurs – „das soll dramatischer aussehen“ – übersetzen in konkrete Anweisungen an die 3D-Künstler. Auch selbst gedreht zu haben, „noch auf Film“, und die Fachsprache zu kennen sei hilfreich. Außerdem müsse er als Supervisor einschätzen können, wie sich die Wünsche der Regie innerhalb des Budgets umsetzen ließen und welche Spezialisten für ein Projekt gebraucht würden.

          Was ist wahr an den Gerüchten zur Prequel?

          Ein Poster der fünften Staffel „Game of Thrones“ hängt im Eingangsbereich der Firma. Neben Tyrion Lannister, einem der liebenswertesten Ränkeschmiede in der Fantasywelt Westeros, stehen zwei Widmungen: „Lieber Sven und Gang, eine weitere Staffel phantastischer Arbeit! Schätze das sehr, alles Gute, Joe“, hat der Visual Effects Supervisor der HBO-Serie, Joe Bauer, geschrieben. Auch Steve Kullback, der für Spezialeffekte verantwortliche Produzent, hat seinen Dank hinterlassen. Kullback werde sie in Frankfurt, einem von acht Pixomondo-Studios weltweit, dieses Jahr zum ersten Mal besuchen. „Das ist ein gutes Zeichen“, sagt Martin und lacht. „In unseren acht Jahren Arbeit für ,Game of Thrones‘ ist er sonst nur dorthin gegangen, wo es Probleme gab.“ Die Arbeiten für die Serie haben sie längst beendet, die letzte Folge war am 20. Mai zu sehen. Gerüchte über ein „Game of Thrones“-Prequel namens „Blood Moon“, das 5000 Jahre vor den Ereignissen um Daenerys Targaryen spielen soll, will Martin nicht bestätigen. Aber: „Sie haben schon angerufen.“ Mehr könne er nicht sagen. „Es ist wirklich alles ganz am Anfang.“

          Nach dem Studium arbeitete Martin zunächst frei als 3D-Artist und Compositor, also jemand, der in der Postproduktion eines Films Bilder zusammensetzt, danach vier Jahre bei Elektrofilm in Stuttgart. Es war sein erster Supervisor-Job. 2008 bot ihm Thilo Kuther, der Pixomondo sieben Jahre früher gegründet hatte, eine Stelle in Frankfurt an. Dessen Passion für Spezialeffekte made in Germany überzeugte Martin. „Von Deutschland aus an Hollywood-Filmen zu arbeiten ist klasse“, sagt er. „Früher musste man weg.“ Für ihn sei es jedoch die perfekte Lösung, in der Region zu arbeiten, in der die Familie lebe – er hat eine Frau und eine vier Jahre alte Tochter –, und nur „zu besonderen Anlässen“ nach Amerika zu fliegen. Frankfurts schnelles Internet mache das Arbeiten an digitalen Großprojekten möglich. Während das Stuttgarter Pixomondo-Studio Umgebungen, zum Beispiel Burgen, für „Game of Thrones“ erschaffen hat, kümmerte sich Frankfurt um die Drachen.

          Gefragter Spezialist: Sven Martin arbeitete auch schon mit Steven Spielberg.

          Ein beruflicher Höhepunkt sei die Arbeit mit Steven Spielberg bei „Bridge of Spies“ gewesen. „Ich war die ganze Zeit am Set mit dabei, in Potsdam-Babelsberg und New York“, sagt Martin. Es war seine Möglichkeit, einmal dem Kultregisseur persönlich zu begegnen. Ein weiterer Anlass, in Amerika zu arbeiten, war der von Spielberg produzierte Science-Fiction-Film „Super 8“ aus dem Jahr 2011. Darin dreht eine Gruppe von Teenagern mit einer Super-8-Kamera selbst einen Film und wird nachts Zeuge eines Zugunglücks. Dafür ist er nur mit einem kleinen Team, zu acht, nach Los Angeles geflogen und hat mit Jeffrey Jacob Abrams und Industrial Light & Magic gearbeitet. Die Firma sei für Martin ein Vorbild gewesen, „ein Pionier im digitalen Zeitalter“, vor allem wegen der Effekte für „Star Wars“- und Spielberg-Filme. Daher war „Super 8“ ein „Herzensprojekt“. In Los Angeles saß Martins Team mit Abrams in dessen Büro auf der Couch und führte eine Sequenz vor, die fast ohne Veränderungen abgenommen wurde. Das kleine Team ermöglichte viel künstlerische Freiheit. Entscheidend sei doch, sagt Martin, wie viel Einfluss man auf das finale Produkt habe.

          Kreativ im Team und digital

          Und wie kreativ kann er als Supervisor, als ein Projektmanager, sein? „Ich versuche mir das zu erhalten“, sagt Martin. Er male und zeichne gern. Und ab und zu macht er noch selbst Konzeptzeichnungen. Martin zeigt einen seiner frühen Entwürfe. Ein Drache thront über einer Ruine, Feuer tropft ihm wie Speichel aus dem geschlossenen Maul. Doch Martin betont, dass Kreativität nur im Team funktioniere, „das ist der Kern, warum ich das gern tue“.

          Die Arbeit habe sich verändert: Da das meiste digital ablaufe, seien die Wege viel kürzer. „Für ,Hugo Cabret‘ haben wir eine Woche vor Release noch Sachen abgegeben.“ Das Fantasydrama von Martin Scorsese, das von einem kleinen Waisenjungen handelt, der im Gewölbe des Pariser Bahnhofs Montparnasse lebt, kam im November 2011 in die Kinos, lief aber schon vor Fertigstellung auf dem New Yorker Film Festival. Eine Seltenheit. Die Filme werden meist digital an die Kinos ausgeliefert. Der Vorteil daran ist, dass Fehler auch schnell behoben werden können: „Der berühmte Starbucks-Becher von Emilia Clarke alias Daenerys Targaryen ließ sich so von einem Tag auf den anderen korrigieren.“ Als die Folge online lief, hatten Zuschauer den Kaffeebecher entdeckt, der klar aus dem Mittelalter-Setting von „Game of Thrones“ herausstach.

          War der Weg zum Drachenvater vorgezeichnet? Schon „Ritterschlag“, Martins Abschlussfilm an der Filmakademie, der auch auf Youtube zu sehen ist, handelt von Drachen: Ein Vaterdrache zeigt seinem Sohn, wie er angreifende Ritter abwehren kann. Trotz seines Faibles für visuelle Effekte rät Martin aber, „so viel wie möglich real zu drehen“, als Basis und für das Gefühl eines Films. Sein persönlicher Liebling ist „Stand By Me“ von Rob Reiner aus dem Jahr 1986. In dem amerikanischen Abenteuerfilm machen sich vier Jungen auf die Suche nach einer Leiche. Den könne Martin immer wieder gucken – ein Film ganz ohne visuelle Effekte.

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