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Stromversorgung in Hessen : Wenn der Gong ertönt, wird schnell geschaltet

Alles im Blick: Mitarbeiter der Süwag-Abteilung Netzführung in der Leitstelle, in der unter anderem das Stromnetzwerk gesteuert wird. Bild: Michael Braunschädel

Fünf Jahre Erfahrung braucht es, um in der Netzleitzentrale des Energieversorgers Süwag die Kontrolle über die Strom- und Gasnetze zu behalten. Bagger und Gewitter bleiben trotzdem unberechenbar.

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          Die Stromleitungen im Hochtaunus- und im Main-Taunus-Kreis sind grün, im Industriepark sind sie rot. Und wenn es am Flughafen Frankfurt eine Störung in der Stromversorgung gibt, leuchtet einer der Verbindungspunkte zwischen den hellblauen Linien auf, die die Mitarbeiter der Netzleitzentrale des Energieversorgers Süwag ständig im Blick behalten. Rund um die Uhr sind es immer drei erfahrene Kollegen, die auf jeweils sechs Bildschirmen das insgesamt 32.000 Kilometer große Netz im Verteilgebiet der Süwag überwachen, das sich über vier Bundesländer, darunter Südhessen, erstreckt.

          Inga Janović
          Redakteurin im Regionalteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortliche Redakteurin des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          Ihr Arbeitsplatz im Frankfurter Stadtteil Höchst dürfte Computerspiel-Anhängern wie ein Paradies vorkommen: Leicht abgedunkeltes Licht, angenehm kühle Temperatur, eine ganze Wand und jeder Tisch voller Bildschirme, dazu gut gepolsterte Drehsessel: Hier ließe sich gut zocken. Aber natürlich ist das alles andere als ein Spiel: Fünf Jahre Erfahrung und Ausbildung sind nötig, bis ein Mitarbeiter verantwortungsvoll eine Schicht übernehmen darf.

          Jeder längere Ausfall hätte fatale Folgen

          Schließlich hat jeder längere Ausfall im Strom- oder Gasnetz, das hier ebenfalls überwacht wird, fatale Folgen; und gerade jetzt, da alle Infrastrukturbetreiber beobachten können, wie Hacker versuchen, in ihre Systeme zu gelangen, ist die Wachsamkeit vor den Bildschirmen und in den IT-Zentralen groß. Auch deshalb haben zur Netzleitzentrale nur ausgewählte Mitarbeiter Zugang, der Weg führt durch eine Vereinzelungsschleuse. Und weil es hier um sensible Themen geht, lässt Thomas Christ, Leiter der Abteilung Netzführung bei der Syna, der für den Netzbetrieb zuständigen Süwag-Tochter, auch ein paar Details weg, wenn er Besuchern erklärt, was sie auf den vielen Bildschirmen sehen.

          Netz-Werker: Thomas Christ (s. o.) und Florian Kliemt sind als Leiter Netzführung und als Leiter Hochspannung für die Sicherstellung der Energieversorgung Tausender Süwag-Kunden mitverantwortlich.
          Netz-Werker: Thomas Christ (s. o.) und Florian Kliemt sind als Leiter Netzführung und als Leiter Hochspannung für die Sicherstellung der Energieversorgung Tausender Süwag-Kunden mitverantwortlich. : Bild: Michael Braunschädel

          Was der Laie Stromnetz nennt, sind tatsächlich mehrere Netze, die unterschiedliche Spannungen führen. Das Hochspannungsnetz, das den Strom quasi in großen Mengen heranführt, ist laut Christ ringförmig aufgebaut und deshalb sehr ausfallsicher. Die Mittelspannungsnetze, die zu den Haushalten führen, sind in einzelne Gruppen eingeteilt und zumeist sternförmig um die insgesamt 120 Umspannwerke im Netzgebiet gruppiert. Hier kann schon eher etwas schiefgehen, ebenso in einer der immerhin 10.000 Mittelspannungsstationen. Ist das der Fall, erklingt in der Netzleitzentrale ein Gong, der an die Kaminuhr der Großeltern erinnert.

          Mehrmals täglich hören die Mitarbeiter dieses Geräusch, dann geht es schnell: Der Stromfluss wird umgeleitet und ein Techniker alarmiert, der sofort ausrückt. Über die Netzspannung können die In­spektoren sehen, wo der Fehler liegt, und lotsen ihre Kollegen dorthin. In den meisten Fällen merken die Stromkunden gar nichts von Pannen und Reparaturen.

          Netz-Werker: Thomas Christ und Florian Kliemt (s. o.) sind als Leiter Netzführung und als Leiter Hochspannung für die Sicherstellung der Energieversorgung Tausender Süwag-Kunden mitverantwortlich.
          Netz-Werker: Thomas Christ und Florian Kliemt (s. o.) sind als Leiter Netzführung und als Leiter Hochspannung für die Sicherstellung der Energieversorgung Tausender Süwag-Kunden mitverantwortlich. : Bild: Michael Braunschädel

          In Pleidelsheim bei Stuttgart sitzen Kollegen, die genau das Gleiche wie die Frankfurter tun: Dort betreibt die Süwag, die zuletzt 1,9 Milliarden Euro Umsatz erzielt und bundesweit rund 1000 Mitarbeiter hat, eine weitere Überwachungszentrale. Sollte die eine ausfallen, wäre die andere voll handlungsfähig und hätte das gesamte Netz im Griff.

          Der Schreck sitzt noch immer tief

          Mit doppeltem Boden zu arbeiten ist Standard für die Betreiber von derart wichtiger Infrastruktur, aber das genügt nicht immer. Wenn etwa Blitze oder Bagger – Gewitter und Tiefbauarbeiten gelten als die Hauptfeinde der Vorsorger – mal wieder eine Leitung erwischen, ist es nicht vermeidbar, dass Lichter, Kühlschränke und Maschinen für eine kurze oder längere Zeit ausgehen. Und in ganz seltenen Fällen geht auch einmal alles schief, wie es der Süwag vor knapp einem Jahr passiert ist. Bis heute ist das zum Eon-Konzern gehörende Unternehmen, das allein in Frankfurt und Umgebung gut 90.000 Kunden mit Strom versorgt, mit den Folgen des großen Stromausfalls vom 26. Oktober 2021 beschäftigt.

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