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Stromerzeugung : Neue Leitungen für neue Energie

Stromland: Hochspannungsleitung, hier vor der Frankfurter Skyline Bild: AP

Windkraft aus dem Norden der Republik statt Atomstrom aus dem Süden - das erfordert auch in Hessen den Ausbau des Stromnetzes. Aus der von SPD und Grünen geforderten Verlegung von Hochspannungsleitungen in den Untergrund wird wohl vorerst nichts.

          So was kommt von so was her. Alle wollen den Ausbau der regenerativen Energien bei der Stromerzeugung. Dann muss der auf diese Weise produzierte Strom aber auch zu den Kunden. Und so zieht vor allem die Aufstellung von Windrädern an und in der Nordsee ein Milliardenprogramm zum Ausbau der Hochspannungsnetze in die Ballungsräume und Industrieregionen nach sich. Hessen, Transitland in diesem Punkt genauso wie beim Verkehr zu Wasser, zu Lande und in der Luft, ist mittendrin.

          Manfred Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          Widerstand gegen neue Hochspannungsleitungen

          Auf 120 bis 160 Kilometer schätzt das Wirtschaftsministerium die Länge der Leitungen, die in den nächsten Jahren in Hessen aufgerüstet oder im Einzelfall sogar neu gebaut werden sollen. In ganz Deutschland sind 850 Kilometer geplant. Die wichtigsten Vorhaben in Hessen: der Bau einer neuen Leitung von Peine in Niedersachsen zu einer Umspannanlage namens Mecklar im Landkreis Hersfeld-Rotenburg durch Eon und die Erweiterung der Kapazität einer Leitung des RWE von Limburg bis Kelsterbach.

          Früher hatten solche Investitionen nur Planer und Techniker bewegt. Inzwischen sind sie jedoch zu einem Politikum geworden. Bürgerinitiativen wehren sich gegen neue Hochspannungsleitungen, weil sie Gesundheitsgefahren sehen und eine Verschandelung der Landschaft. Jetzt hat die Debatte auch den Hessischen Landtag erreicht. SPD und Grüne wollen anstelle von Freileitungen Erdkabel, wenn Häuser in der Nähe sind.

          Kein Platz für hessische Sonderregelungen

          Sie hoffen, so dem Dilemma zu entkommen, dass sie einerseits den Ausbau der regenerativen Energien fordern, andererseits gerade der Bau der damit notwendigen Leitungen Gegner auf den Plan ruft. Der Protest werde nur zurückgehen, „wenn die Sorgen der Bürgerinnen und Bürger vor möglicherweise gesundheitsgefährdenden elektromagnetischen Strahlen“ ernst genommen werde, äußerte Ende Juni die Grünen-Landtagsabgeordnete Ursula Hammann, als sie den Entwurf ihrer Fraktion für ein hessisches Erdkabelgesetz vorlegte. Es sieht unterirdische Leitungen vor, wenn ein Wohngebiet mit weniger als 600 Meter Abstand tangiert oder ein Naturschutzgebiet durchschnitten wird.

          Das Problem der hessischen Grünen: Die Bundesregierung war schneller. Schwarz-Rot hat in Berlin ein Energieleitungsausbaugesetz auf den Weg gebracht, das einerseits den Rechtsweg von Gegnern neuer Leitungen verkürzt, weil die Zeit drängt, andererseits für unterirdische Leitungen lediglich vier „Pilotprojekte“ vorsieht. Die gute Nachricht für hessische Erdkabelfreunde: Die Eon-Verbindung von Niedersachsen nach Nordhessen ist auch dabei. Die schlechte: Das Bundeswirtschaftsministerium hält klipp und klar fest, darüber hinausgehende Landesregelungen würden mit dem neuen Bundesgesetz ersetzt, um einen Flickenteppich bei den Bestimmungen zu vermeiden. Das zielt zuerst auf das Land Niedersachsen, das auf die dortigen Proteste mit einem umfassenden Erdkabelgesetz reagiert hatte. Doch wenn sich im Laufe des Gesetzgebungsverfahrens, bei dem allerdings auch der Bundesrat zustimmen muss, nichts mehr ändert, wäre auch für eine hessische Sonderregelung kein Platz mehr. Bundesrecht schlägt eben Landesrecht.

          Der Verbraucher zahlt höhere Kosten für Erdkabel

          Die Energieversorger sehen der Diskussion mit Gelassenheit entgegen. Um den Wettbewerb beim Strom zu ermöglichen, werden die bei den Netzen anfallenden Kosten und Erträge seit einigen Jahren streng vom Staat kontrolliert – denn Netze stellen regionale Monopole dar und sollen allen Stromanbietern zur Verfügung stehen, nicht nur den Konzernen selbst. Das bedeutet aber auch, dass Investitionen auf diejenigen Unternehmen, die die Leitungen nutzen, umgelegt werden können. Und so nimmt man an, dass auch die höheren Kosten für Erdkabel am Ende von der Kundschaft getragen werden.

          Billig wird das nicht. Schon der Bau einer 380 000-Volt-Leitung in herkömmlicher Weise kostet nach den Worten eines RWE-Sprechers je Kilometer ungefähr eine Million Euro. Unter der Erde sei mit dem Vier- bis Zehnfachen zu rechnen. Am Rande erwähnt der Sprecher noch, auch Erdkabel verschwänden nicht spurlos unter der Erde. Um sie jederzeit erreichen zu können, müsse ein 50 bis 60 Meter breiter Streifen freigehalten werden.

          Kein Zwang für eine unterirdische Verlegung

          In Nordhessen wird denn auch derzeit kräftig überlegt, wie sich bei der Leitung von Niedersachsen in den Kreis Hersfeld-Rotenburg die Verlegung von Erdkabel vermeiden lässt. Denn auch wenn sie zu einem der Pilotprojekte zählt, besteht für eine unterirdische Verlegung kein Zwang. Womöglich sei es billiger, eine Siedlung in weitem Abstand zu umrunden, als in ihrer Nähe zu bleiben und den Boden aufzureißen, heißt es im hessischen Wirtschaftsministerium.

          Das RWE hat unterdessen bei Limburg schon Teile seiner Leitung nach Kelsterbach von 220 000 auf 380 000 Volt aufgerüstet, ohne dass darum viel Aufhebens gemacht worden wäre. Und in einem besonderen Teilabschnitt bei Kelsterbach muss den Energieversorger sowieso kein Ökofreund überzeugen, dass sich eine Freileitung eher nicht empfiehlt: An der neuen Landebahn des Flughafens will auch das RWE die künftigen Kabel lieber unter der Erde sehen.

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