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Streit um Betriebsrenten : Wie Opel unter den Niedrigzinsen leidet

Redebedarf: Wolfgang Schäfer-Klug, Opel-Betriebsratsvorsitzender in Rüsselsheim, und Firmenchef Michael Lohscheller (rechts) Bild: dpa

Opel will die Betriebsrenten angesichts von Niedrigzinsen und Corona-Krise neu regeln. Der Betriebsrat spricht von einem Angriff auf die Altersversorgung. Es geht um gewaltige Summen.

          3 Min.

          Bei Opel in Rüsselsheim geht es mal wieder ums Geld. Nach dem Teilverkauf des Entwicklungszentrums, dem Abbau Tausender Stellen ohne betriebsbedingte Kündigungen und einem Zwist um die Zukunft der Ausbildung ringen Management und Arbeitnehmervertreter in diesen Wochen nicht nur um das Getriebewerk und die Schmiede am Stammsitz, sondern auch um die Betriebsrenten.

          Thorsten Winter
          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Um dreistellige Millionensummen im Jahr geht es allein bei der betrieblichen Altersvorsorge. Personalchef Ralph Wangemann hat die Opel-Belegschaft mit der Botschaft aufgeschreckt, der Autobauer strebe eine „grundlegende Modernisierung unserer betrieblichen Altersversorgung“ an. Sie sei „zwingend erforderlich, um marktgerechte, zukunftsfähige Pensionen“ zahlen zu können. Bisher sagt der Autobauer vergleichsweise üppige fünf Prozent Zinsen zu.

          Wangemann spricht von „notwendigen Anpassungen“ infolge der Corona-Krise und des Wandels hin zur Elektromobilität. Zwar wird Opel in Zukunft am Stammsitz auch zwei Modelle mit Elektroantrieb bauen, den Astra und einen DS jeweils als Plug-in-Hybrid. Aber wenn Manager solche Worten wählen, ist klar: Der Arbeitgeber plant Einschnitte.

          „Angriff auf die Opel-Altersversorgung"

          Die Vertreter der IG Metall im Betriebsrat sprechen von einem Angriff auf die Opel-Altersversorgung. Die Entrüstung darüber sei in der Belegschaft groß. Die durch den massiven Abbau von Arbeitsplätzen und die mangelnden Zukunftsaussichten „vieler Unternehmensbereiche ohnehin schon beschädigte Bindung an Opel“ sinke weiter. „Die Verschlechterung der Altersversorgung“ lehne der Gesamtbetriebsrat ab. Indem Opel Tausende Stellen abbaut, sinken die Kosten ohnehin, wie er meint. Zudem habe die frühere Konzernmutter General Motors den Löwenanteil getragen, um die Betriebsrenten zu finanzieren.

          Nun stimmt dieser Hinweis zum Engagement der Amerikaner allerdings nur für eine gewisse Zeitspanne. General Motors hat die Betriebsrenten bis zum Stichtag des Verkaufs von Opel an PSA ausfinanziert, wie es bei dem Autobauer heißt. Seit dem Spätsommer 2017 muss sich Opel selbst um das Geld für die betriebliche Altersvorsorge kümmern.

          Was das heißt, lässt sich im Jahresabschluss der Opel Automobile GmbH ablesen. Demnach musste der Autobauer 2018 gut 180 Millionen Euro Zinsaufwendungen aus der Pensionsverpflichtung leisten. Das heißt: Er musste diese Summe zuschießen, um die zugesagte Verzinsung bieten zu können, wie es heißt. Wie hoch der Zuschussbedarf wegen der Niedrigzinsen im vergangenen Jahr gewesen ist, wird im Jahresabschluss 2019 stehen, der noch nicht veröffentlicht ist. Allerdings heißt es in Rüsselsheim, die Summe sei nicht wesentlich geringer ausgefallen.

          Er dürfte demnach zwar etwas sinken, weil Opel die Belegschaft verkleinert hat. Es drohe aber unter dem Strich wieder ein dreistelliger Millionenzuschuss. Denn an den Niedrigzinsen hat sich nichts Grundlegendes geändert. „Dies ist keine nachhaltige und wettbewerbsfähige Aufstellung einer betrieblichen Altersversorgung“, heißt es in einem Schreiben der Geschäftsleitung an die Belegschaft.

          Dass fünf Prozent ein stolzer Zinssatz sind, wissen auch viele Mitarbeiter. So mancher Beschäftigte, der erst in den vergangenen fünf bis zehn Jahren zu Opel wechselte, soll sich angesichts dieser Zinszusage erfreut die Augen gerieben haben. Die Höchster Pensionskasse etwa sprach zuletzt von weniger als vier Prozent, die sie netto erwirtschaftet habe. Die Presseversorgung für Medienvertreter etwa bietet 3,5 Prozent; vor ein paar Jahren waren es noch vier Prozent gewesen. Zum Vergleich: Der Garantiezins für Lebensversicherungen beträgt aktuell 0,9 Prozent.

          Pfandbriefe, Supermärkte, Altenheime

          Die Pensionskassen belastet der Niedrigzins, sichere Bundesanleihen etwa werfen keine Zinsen ab. Deshalb hat die Höchster Pensionskasse schon vor ein paar Jahren neben langlaufenden Zinspapieren auch auf Pfandbriefe gesetzt, die mit Immobilien besichert sind, und auf Bankanleihen. Hinzu kommt Immobilienvermögen wie Einzelhandels- und Logistikgebäude sowie Altenheime.

          Wie Opel zu den Zinsen auf die Beiträge zur betrieblichen Altersvorsorge kommt und ob die Pensionsfonds-Manager in Rüsselsheim ähnlich handeln wie jene im Frankfurter Westen, behält der Autobauer für sich. Ein Sprecher lässt lediglich wissen: „Durch eine angemessene Mischung und Streuung der Vermögensanlagen erfolgt eine Begrenzung sowie ein Ausgleich der Risiken zwischen den gewählten Anlagen.“ Eine strategische Verteilung der Vermögenswerte, Asset Allocation genannt, orientiere sich an den langfristigen Ertrags- und Risikoerwartungen auf dem Kapitalmarkt. Dessen ungeachtet kümmert sich der Autobauer nicht selbst um Wohl und Wehe der Betriebsrenten. Diese Aufgaben hat er ausgelagert. Als Dienstleister tritt laut Jahresabschluss 2018 die Allianz Treuhand GmbH auf, eine Tochter des Allianz-Versicherungskonzerns.

          „Anpassungen auf allen Hierarchieebenen“

          Dessen ungeachtet sind alle erworbenen Ansprüche an die betriebliche Altersversorgung abgesichert, wie es bei Opel weiter heißt. Zudem hebt die Geschäftsleitung hervor: „Selbstverständlich werden Anpassungen alle Hierarchieebenen der Opel Automobile GmbH in Deutschland betreffen – inklusive der oberen Führungskräfte.“ Dies sei selbstverständlich, da für alle Hierarchieebenen das gleiche System gelte. Und es sei dem Betriebsrat auch bekannt.

          Sie antwortet damit indirekt der IG Metall im Betriebsrat. Sie hatte in einem Flugblatt an die Belegschaft spitz gefragt: „Wo ist eigentlich in der von der Geschäftsleitung beschriebenen Krise der Beitrag des Opel-Managements? Sind beispielsweise auch Einschnitte bei deren Altersversorgung geplant?“ Von Opel heißt es dazu, viele Manager hätten einen signifikanten Teil ihrer Boni der Groupe PSA Foundation gespendet, der Stiftung des Mutterkonzerns.

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