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Michelinzentrale in Frankfurt : Die Sterne kommen künftig aus Frankfurt

Hoch hinaus: Michelin will mit der Eröffnung seiner Büros am Flughafen durchstarten. Bild: Frank Röth

Michelin zieht mit seiner Europazentrale von Karlsruhe an den Main. Der französische Konzern will von dort aus klarmachen, dass er noch mehr kann als nur Reifen.

          Muss man um die Eröffnung eines Büros ein riesiges Bohei machen? Die Antwort lautet: Nein, muss man nicht. Von daher war es schon ziemlich dick aufgetragen, was der französische Reifenhersteller Michelin da gestern auf die Beine gestellt hat, um eine eigentlich ziemlich banale Nachricht zu transportieren, nämlich: Wir sind jetzt in Frankfurt. Aber weil Trommeln eben zum Handwerk gehört und die Eröffnungszeremonie von Michelin anlässlich des Umzugs der Nordeuropa-Zentrale nach Frankfurt nicht von langatmigen Reden, sondern von einem modernen Regieplan geprägt war, wurde aus der offiziellen Ankunft des Unternehmens eine ziemlich kurzweilige Veranstaltung.

          Daniel Schleidt

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Und irgendwie hat das ja auch alles ganz gut zusammengepasst bei der gestrigen Ankunft der Franzosen: Man nehme das größte Bürogebäude Deutschlands, The Squaire am Frankfurter Flughafen, in das die 250 Mitarbeiter nun einziehen, das nicht nur futuristisch in der Architektur ist, sondern in seinem Atrium auch eine Veranstaltungsfläche hat, die Ideen Raum bietet; dazu mit Anish Taneja einen smarten Präsidenten der Region Nordeuropa in einem schicken grauen Anzug, einen flotten, selbstredend mit Michelin-Reifen ausgestatteten Porsche 911, einen Schlagzeuger, eine junge Moderatorin, eine coole Truppe junger Seil-Artisten aus der Region und einen sichtlich stolzen Stadtrat Markus Frank (CDU): Schon war er fertig, der Rahmen für eine Nachricht, die Frankfurt gut zu Gesicht steht.

          „Wir sind unheimlich stolz, dass sich Michelin für Frankfurt entschieden hat“, sagte Frank. Es sei schließlich eine Auszeichnung, wenn sich ein Weltmarktführer wie Michelin für die Region entscheide, lobte er, und Taneja lobte höflich zurück: Zwar habe man sich vordergründig für The Squaire und seine überragende Anbindung entschieden, „aber Frankfurt und die Region sind für uns als Umfeld hochinteressant“. Während das Werk des Reifenherstellers am bisherigen Standort in Karlsruhe bleibt – und mit ihm rund 1100 Mitarbeiter –, verabschiedet sich die Administration für das Geschäft unter anderem in Deutschland und Großbritannien aus dem Badischen nach Rhein-Main. Über 80 Prozent der Mitarbeiter aus Karlsruhe hätten sich entschieden, künftig in Frankfurt zu arbeiten, viele würden umziehen, sagte Taneja. Insgesamt beschäftigt Michelin weltweit mehr als 117.000 Mitarbeiter, produziert wird nach eigenen Angaben in 70 Werken in 17 Ländern.

          Mehr als nur ein neuer Arbeitsort

          Der ICE-Bahnhof, der Flughafen, das Autobahnkreuz, all das seien starke Argumente gewesen. Aber noch mehr scheint Taneja und seinen Kollegen, die „mit viel Euphorie dem Umzug entgegengefiebert“ hätten, die Arbeitsatmosphäre in der „New Work City“ gewesen, wie sich The Squaire in feinster Marketing-Sprechart nennt. Denn auf den rund 6000 Quadratmetern im zehnten Stock des Gebäudes hat das Unternehmen innerhalb von nur acht Monaten jene klassischen Büroräume, in denen zuvor die Lufthansa vertreten war, umgestaltet in das, was man wohl die neue Welt des Arbeitens nennt – mit allem, was eben dazugehört.

          Keiner der Mitarbeiter soll dort einen festen Arbeitsplatz haben, im Sinne der „Clean Desk Policy“ muss jeder Angestellte seinen Arbeitsplatz abends aufräumen und sich am nächsten Morgen einen neuen suchen. Taneja glaubt, dass klassische Bürogebäude nicht mehr den Anforderungen der Zukunft genügen würden, „wir müssen schnell sein, uns austauschen können“, so Taneja. Bei Michelin im Squaire manifestiert sich dieser Anspruch in Großraumbüros mit Rückzugsräumen, Lounge-Möbeln und Sitzsäcken, aber auch in Kreativräumen und einem Bistro.

          Mit dem Umzug verbindet Michelin laut Taneja mehr als einen neuen Arbeitsort. Der Konzern will von Frankfurt aus zeigen, „dass wir mehr sind als Reifen“. Schließlich stellt Michelin zum Beispiel auch Sohlen für Markenschuhe her, auf denen die deutschen Handballer jüngst Europameister geworden seien. Und auch ein anderes Vorzeige-Produkt des Unternehmens soll noch mehr in den Vordergrund gerückt werden. Denn mit den Abteilungen wie Marketing, Verkauf, Kommunikation und Personal wechselt auch die deutsche Redaktion des Guide Michelin nach Frankfurt. Die berühmten Sterne für die Gastronomie in Deutschland werden also künftig vom Flughafen aus vergeben (siehe Kasten).

          Am Ende schnitten Frank und Taneja öffentlichkeitswirksam das Michelin-blaue Band durch, um den Einzug offiziell zu vollziehen. Und wie sollte es bei einem perfekt inszenierten Event auch anders sein? Das Michelin-Männchen war auch dabei.

          Die Restaurant-Tester

          Von Juli an wird auch das Kernteam des Guide Michelin für Deutschland und die Schweiz in Frankfurt angesiedelt sein. Neben dem Direktor und Chefredakteur Ralf Flinkenflügel ist das nach Angaben des Unternehmens ein vierköpfiges Team. Die Inspektoren, deren Anzahl Michelin nicht preisgibt, seien hingegen den größten Teil des Jahres auf Reisen und arbeiteten eher von unterwegs als von Frankfurt aus. Der Guide Michelin mit seiner Historie und seinem Stellenwert spiele eine immer bedeutendere Rolle im Unternehmen, sagte der Präsident für die Region Nordeuropa, Anish Taneja. Einst entstanden aus einem Werkstattführer für Frankreich, kamen nach gut zwei Jahrzehnten auch Hotel- und Restaurantempfehlungen hinzu, „damit die Leute, während ihr Auto in der Werkstatt ist, gut essen gehen können“, wie es ein Michelin-Sprecher erklärte. Taneja ist überzeugt, dass viele Menschen mit Reifen wenig Positives verbinden könnten, „außer man ist ein Racer“. Mit dem Guide Michelin und seinen begehrten Sternen hingegen würden die Menschen schöne Erlebnisse und gutes Essen assoziieren. (ddt.)

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