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Start-up Maheela aus Oberursel : Mit Seidenschals weg von Armut und Misshandlung

  • -Aktualisiert am

Zielsicher: Mit hochwertigen handgearbeiteten Schals aus Nepal will Martina Göbel Frauen aus Nepal eine Zukunft geben. Bild: Wolfgang Eilmes

Mit dem Start-up Maheela will eine Unternehmerin aus Oberursel Produkte von Frauen aus Nepal vermarkten. Handgewebt werden die schlichten, aber edlen Tücher in Kathmandu.

          Maheela heißt das Unternehmen, das Martina Göbel gründen will, um Frauen in Nepal beim Handel mit den von ihnen gefertigten Schals zu unterstützen. Besonders daran ist, dass die Gründerin dabei auf Schwarmfinanzierung setzt. Auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter findet man die geplante Firma Maheela. Im Internet will sie innerhalb von sechs Wochen genügend Frauen und Männer für das Projekt begeistern und 15000 Euro als Startkapital für den fairen Handel mit luxuriösen Schals aus Kaschmir, Wolle und Seide einsammeln. Zehn Tage vor Ende der Frist waren knapp 9000 Euro zusammengekommen. Maheela bedeutet auf Nepali, der Sprache Nepals, ganz einfach „Frau“.

          Denn handgewebt werden die schlichten, aber edlen Tücher in einer Frauen-Kooperative in Kathmandu. „Mein Ziel sind faire, existenzsichernde Löhne ohne Kinderarbeit unter Einhaltung von Mutterschutz und ohne Preisdrückerei“, sagt Göbel. Dabei kann so ein handgewebter Luxus-Schal aus hauchfeinem Kaschmir aus der Mongolei schon mal 240 Euro kosten. Die Unterstützer des Projekts bei Kickstart bekommen noch bis zum 27. Mai Sonderkonditionen.

          Vor 17 Jahren für den Deutschen Entwicklungsdienst nach Nepal

          Göbels Haus steht auf dem Gelände der theologischen Hochschule unter beeindruckenden alten Bäumen, der Blick aus dem Wohnzimmerfenster fällt auf sattgrünen Frühlingswald. Ein Privileg, das sie der Lehrtätigkeit ihres Mannes an der Hochschule verdankt. Fast im „Paradies“ also hat sie einige Schals in Türkis und Orange, Zartrosa, Graphitgrau und Braunbeige drapiert, rund hundert davon sind bereits auf Märkten oder an Freunde verkauft. 20 Modelle haben die Frauen in Nepal entwickelt, auf Wunsch können auch eigene Designvorschläge realisiert werden.

          Wenn Martina Göbel ihre Hand über den Stoff gleiten lässt, merkt man das Faible der Handwerkerin für gutes Material. Denn die gebürtige Nordhessin hat zunächst eine Tischlerlehre gemacht, bevor sie Betriebswirtschaft studierte, ihr Vater war schon Tischler, auch der Großvater. Bei der Handwerkskammer in Hamburg hat sie den Fachbereich Kunst und Gestaltung geleitet, doch irgendwann wollte sie von ihrem profunden Wissen um Handwerkskunst ein wenig mehr hinaus in die Welt tragen: Deshalb ging sie vor 17 Jahren für den Deutschen Entwicklungsdienst nach Nepal und landete über Umwege in Kathmandu bei der Women’s Foundation, einer Art Frauen- und Kinderhaus. Die Organisation gibt misshandelten und vergewaltigten Frauen und Kindern Unterkunft und eine Lebensperspektive, in der Gewalt nicht mehr vorkommt: Sie lernen dort lesen und schreiben, erhalten Rechtsberatung, wenn sie sich von einem gewalttätigen Mann trennen wollen, die Kinder können die Schule besuchen, aber auch tanzend ihre schrecklichen Erlebnisse verarbeiten und langsam vergessen.

          Auf den europäischen Geschmack eingestellt

          Spender auch aus Deutschland unterstützen dieses Projekt bereits, mittlerweile gehört der Organisation sogar der Grund, auf dem das Frauenhaus steht. Unter deren Dach hat sich auch die Kooperative entwickelt, in der rund 20 Frauen am Webstuhl arbeiten und zu einem Festlohn, nicht nach Stückzahl, ihren eigenen Lebensunterhalt verdienen können. Von jedem Schal, den Göbel dort einkauft, fließen 20 Prozent des Erlöses direkt in neue Arbeitsplätze für weitere der rund 80 Frauen, die die Women’s Foundation unterstützt.

          „Mein Herz ist immer in Nepal geblieben“, sagt Martina Göbel. Falls ihr Eine-Frau-Unternehmen die Gewinnzone erreicht, will sie noch weitere zehn Prozent ihres Gewinns in das Projekt stecken. Nach dreieinhalb Jahren Arbeit in der Entwicklungshilfe ist sie nach Deutschland zurückgekehrt. Im vergangenen Jahr, kurz vor ihrem 50. Geburtstag, folgte sie ihrem Herzen erneut, und entschloss sich, der Frauenkooperative in Kathmandu von Deutschland aus weiter zu helfen. Neben einem Fulltime-Job war das nicht möglich, also setzt sie jetzt alles auf eine Karte. Die Garne für die Schals kommen aus China und Indien, gefärbt werden sie von den Frauen der Kooperative. Dabei verwenden sie keine traditionellen Muster und Farben, sondern haben sich bereits ganz auf den europäischen Geschmack eingestellt. „Wenn alles gut anläuft, will ich demnächst auch auf reine Pflanzenfarben umstellen“, sagt Göbel.

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          Auf dem Evangelischen Kirchentag in Berlin wird sie das Projekt und die Schals aus Nepal von morgen an bis zum 28. Mai vorstellen. „Ich möchte alle 80 Frauen in Lohn und Brot bekommen, das ist meine Herzensangelegenheit“, sagt Göbel. Da erstaunt es kaum, dass ihr Markenzeichen ein kleines, schlichtes Herz ist. Weitere Informationen im Internet auf www.maheela.de.

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