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Standort : Keine Angst mehr vor dem Sog

Frankfurt: günstigerer Arbeitsmarkt, höhere Kosten für Lebenshaltung Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Merck in Darmstadt will Schering in Berlin übernehmen. Ist das der Triumph des nüchtern arbeitsamen Rhein-Main-Gebiets über die schillernde Hauptstadt?

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          Im Großraum Frankfurt gibt es in vielen Unternehmen ehemalige Berliner. Die meisten sind wegen des Jobs gekommen. Sie berichten davon, sie hätten die Arbeitsmarktlage in der Hauptstadt „gründlich satt“ gehabt: Dieses Gefühl, der Arbeitgeber müsse nichts für einen tun, weil ja noch Hunderte auf der Straße warteten - die zu schlechteren Konditionen gerne den eigenen Arbeitsplatz übernehmen würden.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Knapp 17 Jahre nach der Wende kämpft Berlin offenbar immer noch mit dem Umbau einer in beiden Stadtteilen über Jahrzehnte hinweg hoch subventionierten Wirtschaft. Im Rhein-Main-Gebiet dagegen hat die Angst vor einem Sog in Richtung Hauptstadt mittlerweile deutlich nachgelassen.

          Jüngstes Beispiel: Schering. Der Griff der Darmstädter Merck KGaA gilt einem der größten industriellen Arbeitgeber der Hauptstadt - neben der Elektroindustrie. Anders als nach dem Hauptstadtbeschluß befürchtet, verlegten nicht viele Konzerne ihren Sitz in den vergangenen Jahren an die Spree.

          Berlin: weniger Arbeitsplätze, niedrigere Mieten

          Ballungsräume

          Zu den prominentesten Fällen gehörte die Deutsche Bahn AG. Gerade Bahnchef Hartmut Mehdorn machte jedoch mehrfach deutlich, daß er mit dem Standort am Potsdamer Platz nicht nur glücklich sei - die Spekulationen reichten von einer Verlagerung des Sitzes nach Hamburg im Zuge einer Übernahme der dortigen Hafenbetriebe bis hin zu einer Rückkehr nach Frankfurt, wo sich die Bahn nie ganz verabschiedet hatte.

          Die Arbeitslosenzahlen beider Ballungsräume zeigen nach wie vor signifikante Unterschiede: Während in Berlin im Februar die Arbeitslosenquote von 18,6 auf 18,7 Prozent stieg, liegt sie im Rhein-Main-Gebiet zwischen 7,8 Prozent (Aschaffenburg) und 10,4 Prozent (Offenbach). 313..600 Menschen waren Ende Februar in Berlin arbeitslos gemeldet - mehr als in ganz Hessen, das 1,8 Mal so viele Einwohner hat.

          Ministerien und Bundesbehörden gehören zu den sichersten Arbeitgebern in der Hauptstadt. Insgesamt ist die Wirtschaftsstruktur in Berlin stärker durch die öffentliche Hand geprägt als in den westlichen Bundesländern. Die Staatsquote in der Hauptstadt beträgt nach einer Erhebung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) rund 57 Prozent, im Vergleich zu 49 Prozent für Gesamtdeutschland.

          „Städte der Kräne“

          Seit 1996 sei sie zwar um 1,5 Prozentpunkte zurückgegangen - bleibe jedoch gleichwohl hoch, so das DIW. In Berlin, so heißt es, sei es auch für junge Leute „sozial akzeptierter“, von öffentlicher Unterstützung zu leben und nebenbei zu jobben als etwa in Frankfurt. Die niedrigeren Mieten scheinen solches Lebenskünstlertum gleichsam erst möglich zu machen.

          Die ICE-Sprinter-Züge der Bahn von Frankfurt nach Berlin waren schon bald nach dem Hauptstadtbeschluß zum Sinnbild für die enge Beziehung zwischen beiden „Städten der Kräne“ geworden, wie es damals hieß. Zu den Spitzenzeiten war ohne Reservierung kein Sitzplatz zu bekommen. Auch im Flugzeug nach Berlin traf „man“ sich seinerzeit. Der verordnete Aderlaß für die Mainmetropole damals war begrenzt: Aus Frankfurt wechselte unter anderem die Deutsche Gesellschaft für Ernährung laut Hauptstadtbeschluß nach Bonn, außerdem die Zentralstelle für Arbeitsvermittlung und der Bundesrechnungshof. Einige Banken aus Frankfurt eröffneten Repräsentanzen in Berlin - unter anderem, um dichter an der Bundesregierung zu sein.

          Die Deutsche Bank namentlich sorgte mit ihrem kulturellen Engagement in der Hauptstadt für Aufsehen: Das Deutsche Guggenheim und die Förderung der Berliner Philharmoniker beispielsweise ließen die bis dahin beim Sponsoring ein wenig verwöhnten Frankfurter das Nachsehen haben.

          Berlin-Hype

          Allein: Der Berlin-Hype, der Glaube, daß nur dort im urbanen Schmelztiegel zwischen Ost und West künftig Kreatives und Neues entstehen könne, ließ bald nach. Nach wie vor wirbt die Berliner Wirtschaftsförderung mit dem Ansatz „Innovationstransfer“ für den Standort Hauptstadt. Doch die harten Standortfaktoren des Rhein-Main-Gebiets - der wichtigste Flughafen des Landes, die zentrale Lage und die Nähe zu bereits vorhandenen Firmenzentralen - konnten sich offenbar mehr als gut behaupten.

          Die Immobilienpreise in Berlin und seinem Umland stürzten ab, während im Raum Frankfurt die Mieten für privat genutzten Wohnraum kaum nachgaben und im gewerblichen Sektor eine wohl nur vorübergehende Schwäche zeigten.

          Berlin, die Regierungshauptstadt und interessante Kulturmetropole mit Flair - Frankfurt und das Rhein-Main-Gebiet hingegen das etwas nüchterne wirtschaftliche Zentrum Deutschlands: Eine solche Zweiteilung scheint sich in der öffentlichen Wahrnehmung immer mehr abzuzeichnen, wenngleich München, Hamburg, der Rhein-Ruhr-Raum oder Baden-Württemberg gleichfalls auf bestimmten Feldern bundesweite Rankings anführen.

          Speckgürtel

          Während Frankfurt selbst als Finanzplatz vor allem durch die Dienstleistungsbranchen geprägt ist, bildet die Industrie von der Chemie bis zu den Automobilzulieferern im Umland einen starken Gürtel, wie es ihn in diesem Ausmaß in Berlin wohl durch die historische Entwicklung nicht gibt. Zwar kamen Investoren auch dort in den Speckgürtel, als Beispiel sei Daimler-Chrysler im brandenburgischen Ludwigsfelde genannt. Das Ausmaß der Investitionsbereitschaft war jedoch nach der Wende offenbar überschätzt worden.

          Verständlich, daß die Berliner fürchten, Merck könnte nun bei einer Übernahme von Schering den Standort Berlin weiter ausbluten lassen - auch, wenn von der Unternehmensleitung das Gegenteil versichert wird.

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