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Standort Frankfurt : Verbände zieht es nach Berlin

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Die Schuldenuhr blieb in Wiesbaden, der Bund der Steuerzahler aber nicht Bild: F.A.Z. - Kretzer

Drei weitere Verbände planen ihren Umzug von Frankfurt in die Hauptstadt. Die Gründe, die von den Verbänden genannt werden, sind stets die gleichen.

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          Nur einmal hat das Thema richtig Schlagzeilen gemacht: als das Nationale Olympische Komitee 2003 überlegte, seinen Sitz von Frankfurt nach Berlin zu verlegen. Eine Welle der Entrüstung ging damals durch die Mainmetropole, zumal die Bundeshauptstadt mit einem mietfreien Gebäude in zentraler Lage lockte - was sie sich kaum hätte leisten können, lebte sie nicht von Finanzausgleichsmitteln reicher Bundesländer wie Hessen. Nach einigen aufregenden Wochen stand fest: Das Olympische Komitee bleibt in Frankfurt, so wie die anderen großen Sportverbände auch.

          Darüber hinaus aber war kaum je zu hören, dass sich im Rhein-Main-Gebiet jemand über Umzugspläne von Verbänden an die Spree aufgeregt hätte. Dabei verliert der Ballungsraum Jahr für Jahr Organisationen an Berlin. Die jüngsten Beispiele: Ende Dezember ließ der Verband Textil und Mode in Eschborn wissen, er werde spätestens im Herbst 2009 in die deutsche Hauptstadt umgezogen sein. Anfang dieses Monats verlautete vom Markenverband, er habe seine Geschäftsstelle von Wiesbaden nach Berlin verlegt. Noch schneller als der Textilverband wird womöglich der Verband Deutscher Privatschulen dort ankommen, der bisher an der Darmstädter Landstraße in Frankfurt residiert. In knapp zwei Jahren solle der Sitz in die Hauptstadt verlegt werden, sagt Geschäftsführer Christian Lucas.

          Nähe zur Regierung

          Die drei Verbände reihen sich ein in eine lange Reihe von Organisationen, die in den vergangenen Jahren die Umzugskartons gepackt haben. 1998 siedelte der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie von Wiesbaden nach Berlin um, 2001 folgte der Deutsche Reisebüroverband, der in Frankfurt gesessen hatte, 2002 die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände aus Eschborn. 2003 verließ der Bund der Steuerzahler Wiesbaden, 2004 der traditionsreiche Deutsche Verein für öffentliche und private Fürsorge, Dachverband aller Wohlfahrtsverbände, Frankfurt.

          Bleibt in Frankfurt: Verband der Automobilindustrie an der Westendstraße

          Im Jahr darauf verlor die Mainmetropole den Verband Deutscher Rentenversicherer, 2006 wiederum Wiesbaden den Verband der Filmverleiher. Die Liste ließe sich fortsetzen: auch der Hauptverband Deutscher Filmtheater zog in den vergangenen Jahren von der hessischen Landeshauptstadt nach Berlin, der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband verließ Frankfurt ebenfalls Richtung Hauptstadt. Der Umzug des Verbands der Elektrizitätswirtschaft von Frankfurt-Sachsenhausen nach Berlin-Mitte dauerte sogar mehrere Jahre - einige Abteilungen wechselten 2001, andere 2005.

          Die Gründe, die von den Verbänden genannt werden, sind stets die gleichen und liegen auf der Hand: Allen ist die Nähe zur Regierung und den Parteizentralen wichtig - und während Bonn von Frankfurt oder Wiesbaden aus in eineinhalb Stunden zu erreichen war, ist Berlin schlicht zu weit weg. Nach Bonn habe man sogar einmal auf einen Kaffee fahren können, Berlin aber habe stets bedeutet, fliegen und womöglich sogar übernachten zu müssen, erläutert ein Verbandsvertreter. Hinzu kommt, dass die Lobbytätigkeit der Verbände aufwendiger ist denn je. Früher habe der Bundestag alle 20 Jahre einmal das Urheberrecht geändert, sagt Johannes Klingsporn, Geschäftsführer des Verbands der Filmverleiher. Heute kämen ständig Direktiven der Europäischen Union, die zu Änderungen gleich mehrerer deutscher Gesetze führten. „Wir mussten permanent nach Berlin.“

          Auto- und Chemiebranche halten Frankfurt die Treue

          Die Zahl der Arbeitsplätze, die bei solchen Umzügen dem Rhein-Main-Gebiet verlorengehen, ist unterschiedlich. Der Hauptverband Deutscher Filmtheater beschäftigt gerade sechs Frauen und Männer, der Verband der Elektrizitätswirtschaft hingegen an die 100 Personen.

          Viele Verbände sind allerdings in Frankfurt geblieben. Neben dem Olympischen Komitee - jetzt: Deutscher Olympischer Sportbund - und den ebenfalls weitgehend treu zu Frankfurt stehenden Gewerkschaften wie der IG Metall sind das vor allem die Zusammenschlüsse von Unternehmern vier großer Branchen - die Verbände der Automobilindustrie, der chemischen Industrie, der Elektrotechnik und Elektroindustrie sowie des Maschinen- und Anlagebaus. Sprecher aller vier Verbände, die in Frankfurt zusammen mehr als 600 Menschen beschäftigen, versichern, ihre Organisationen hegten keine Pläne für einen Umzug in die Hauptstadt.

          Auch für diese Verbände ist Berlin wichtig; alle unterhalten dort (wie in Brüssel) eine Repräsentanz. Doch heben Sprecher dieser Organisationen zugleich hervor, dass sie im Interesse ihrer Mitglieder zentral gelegen sein müssten - und das sei in Frankfurt der Fall. So haben die meisten Autozulieferer ihren Sitz im Süden der Bundesrepublik, vor allem rund um Stuttgart, die Maschinen- und Anlagenbauer sind auf Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Bayern konzentriert. Das Haus des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau in Frankfurt-Niederrad zähle in jedem Jahr an die 50.000 Besucher aus der Branche, sagt ein Sprecher - da sei eine gute Anbindung schon wichtig.

          Kontakt zu Hauptstadtjournalisten

          Der Preis dafür ist, dass Vorstände und Geschäftsführer ständig auf Achse sind. So findet der Neujahrsempfang des Verbands der Automobilindustrie nicht etwa am Main, sondern an der Spree statt. Zunehmend wichtig wird Berlin für die Verbände auch als Ort, an dem sie Verbindungen zu Rundfunk und Fernsehen herstellen. So hat die Pressestelle des Automobilverbands eigens eine Mitarbeiterin nach Berlin entsandt, um dort den Kontakt zu den Hauptstadtjournalisten zu halten.

          Doch nicht nur an Berlin hat Frankfurt Verbände verloren. Die tatsächlich existierende Arbeitsgemeinschaft der Polizeipräsidenten Deutschlands etwa zog von Frankfurt über Düsseldorf nach Hannover. Ein Arbeitsplatzverlust war damit immerhin für Frankfurt nicht verbunden. Alle anfallenden Aufgaben erledigt jener Polizeichef, der dem Verband gerade vorsitzt, mit zwei Mitarbeitern nebenbei.

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