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Spielwaren : Der Teddy ist zurück aus dem Internet

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Anfassen, Ausprobieren, Mitnehmen: Spielsachen in der neuen Mytoys.de-Filiale in Wiesbaden Bild: F.A.Z. - Michael Kretzer

Spielwarenfachgeschäfte haben es schwer: Die Mieten sind hoch, die Konkurrenz ist groß, im Internet bestellt es sich ganz bequem. Nun kommen die Internethändler auch noch in die Fußgängerzonen.

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          „Spielzeug und Freizeit Behle“ musste im Frühjahr 2006 schließen, „Hobby Haas“ ein gutes Jahr später, und im Juli diesen Jahres traf es „Hanne Kley“: Das dritte traditionelle Spielwarengeschäft in Frankfurt ist innerhalb von zwei Jahren geschlossen worden. Das Internet, die großen Spielzeugketten und die hohen Mieten in den Innenstädten machen den kleineren Geschäften das Leben schwer.

          Gerade dadurch, dass die klassischen Spielwarengeschäfte in den Innenstädten schließen, sei dort eine Unterversorgung zu beobachten, sagt Alexander Lederle, Geschäftsführer der Mytoys.de GmbH. Das Unternehmen, das bis vor zwei Jahren nur über das Internet verkauft hat, nutzt diese Lücke nun aus. Anfang September hat Mytoys.de im Wiesbadener Luisenforum seine sechste Filiale eröffnet. „Mit unserem Konzept, Spielsachen und Kindermarkenmode zu kombinieren, haben wir eine Marktlücke gefunden“, sagt Lederle.

          „Jetzt gehen auch vor Weihnachten die Preise nach unten“

          Beim Handel mit Puppen und Playmobil ist vor allem um die Weihnachtszeit ein Gewinn zu erzielen. Von diesem saisonalen Geschäft will sich Lederle mit seiner Kombination unabhängiger machen. Kein Kind ginge gerne Kleidung oder Schuhe kaufen, findet Lederle. Gebe es allerdings direkt ein kleines Spielzeug als Belohnung, käme das Kind auch das nächste Mal gern wieder mit. Eine weitere Filiale will er dieses Jahr noch in Lübeck eröffnen, weiter gingen die konkreten Planungen noch nicht. Preislich habe Mytoys.de natürlich auch einen Vorteil gegenüber einzelnen Geschäften, allein aufgrund der Größe des Unternehmens. Im letzten Geschäftsjahr hat der Spielwarenhändler nach eigenem Bekunden erstmals die 100-Millionen-Euro-Schwelle im Umsatz überschritten.

          „Es ist jeden Tag ein Kampf“, sagt Manon Motulsky. Sie betreibt das „Spielwarenhaus am Markt“ und eine Steiff-Galerie in Wiesbaden und sitzt in den Führungsgremien der Fachhandelsverbände Vedes AG und Spielzeug-Ring. Dem Spielwareneinzelhandel gehe es allgemein nicht gut, die Umsätze und die Renditen sänken. Die Gründe dafür seien vielfältig. „Das Internet ist ein riesiges Problem“, sagt Motulsky. Den Kunden werde die Ware nach Hause geliefert, der Stress in der Stadt und die Parkplatzsuche entfielen.

          Ein weiterer Grund: Der Kunde sei durch das Konzept „grüne Wiese“, also Fachmärkte, die außerhalb der Stadt auf großen Flächen ihre Produkte anbieten, an große Räume und ein „Einkaufserlebnis“ gewöhnt. In den Innenstädten sei es – gerade im Rhein-Main-Gebiet wegen der steigenden Mieten – nicht möglich, die Räume dafür zu bieten. Und nicht zuletzt täten den Einzelhändlern die Preisnachlässe sehr weh, die seit dem Wegfall des Rabattgesetzes 2001 gewährt werden können. „Jetzt gehen auch vor Weihnachten die Preise nach unten.“ Die großen Konkurrenten sind laut Motulsky weniger die großen Spielzeugketten und Warenhäuser als vielmehr Discounter, die nur zu Weihnachten Spielzeug ins Sortiment nähmen.

          Kaufzurückhaltung bei den Kunden

          Einer der Ertragstreiber der Branche ist der Markt für Videospiele, Konsolen und dazugehörige Software, der nach wie vor wächst. Nach Angaben des Bundesverbands des Spielwaren-Einzelhandels stieg der Umsatz von 941 Millionen Euro im Jahr 2006 auf 1,204 Milliarden Euro 2007. In diese erfolgreiche Produktgruppe ist Manon Motulsky aber gar nicht erst eingestiegen. Für weitere Artikel brauche man wieder mehr Fläche, in diesem Markt gebe es jede Woche Neuheiten, und Vorführgeräte müssten bereitgestellt werden. „Da hat die Spielwarenbranche sich von den großen Elektronikmärkten den Rang ablaufen lassen“, sagt sie. Für ein einzelnes Geschäft sei das kaum machbar.

          „Auch der Spielwaren-Facheinzelhandel bekommt die allgemeine Kaufzurückhaltung zu spüren“, sagt Willy Fischel, Geschäftsführer des Bundesverbands des Spielwaren-Einzelhandels. Eine Vorhersage für 2008 sei schwierig, weil man nie wissen, wie das entscheidende Weihnachtsgeschäft laufe. „Bestenfalls hoffen wir auf eine schwarze Null.“ Gute Erträge seien laut Bundesverband bei Baby- und Kleinkindprodukten zu erzielen. In diesem Jahr würden voraussichtlich rund 140 Euro für jedes Kleinkind ausgegeben. Das sind nach Angaben des Verbands 39 Euro mehr als noch vor vier Jahren. Insgesamt sei der Umsatz mit traditionellen Spielwaren ohne Videospiele und -konsolen aber von 2002 bis 2007 um rund 6,4 Prozent gesunken, wenn man die gestiegene Mehrwertsteuer herausrechne.

          Für die kleinen Fachhändler ist der Standort entscheidend. Viele Kunden kommen vor allem in den Innenstädten, dort sind die Mieten aber am höchsten. Und Teddybären, Legosteine und Autorennbahnen benötigen viel Platz . Anders als Manon Motulsky sieht der Bundesverband das Internet nicht als das Hauptproblem. Acht Prozent der Spielwaren seien im letzten Jahr online bestellt worden, das sei nicht wenig, aber auch nicht sehr viel. Die Eröffnung einer Filiale eines eigentlich klassischen Internethändlers wie mytoys.de, zeigt nach Ansicht des Verbandes, dass das Wachstum im Versandhandel begrenzt sei. Schließlich nehmen viele Eltern den Teddy gern erst mal in den Arm, bevor die Kinder damit kuscheln dürfen.

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