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Social Impact Lab in Frankfurt : Statt Villa ein kleines dunkles Büro

Mehrere hundert Gründer wurde im Social Impact Lab beraten und gefördert. Nun fehlt das Geld dafür. Bild: Frank Röth

Der Nutzen für das Gemeinwesen soll im Vordergrund stehen: Das Social Impact Lab in Frankfurt ist ein Zentrum für Gründer mit gutem Gewissen. Doch wegen Corona und Finanzsorgen droht nun das Aus.

          3 Min.

          Selcuk Balkan muss nicht lange überlegen, was ihm das Social Impact Lab gebracht hat. „Das Netzwerk“, ruft er aus. Durch das Social Impact Lab habe er Kontakte zu Händlern und Unternehmern bekommen, die er sonst nie erhalten hätte. „Oder die kostenlose Rechtsberatung.“ Fachanwälte von JPMorgan hätten sich für ihn Zeit genommen und Fragen zu Patenten und Handelsrecht beantwortet.

          Falk Heunemann

          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Vor einem Jahr erst hat der 29 Jahre alte Frankfurter mit einem Kumpel das Start-up Be Hawk gegründet, das wasserdichte Taschen für Bekleidungen entwickelt, etwa für das Handy in der Badehose. Schnell wurde er in das Programm „Chancennutzer“ des Social Impact Lab aufgenommen, ein Gründerhilfsprogramm für Unternehmer mit Migrationshintergrund. Seitdem hat Balkan einen Investor gefunden und die wasserdichte Hosentasche patentieren lassen, im September beginnt die Produktion.

          In nur fünf Jahren haben mehrere hundert junge Unternehmer die drei Förderprogramme des Social Impact Lab in Frankfurt durchlaufen. Die Einrichtung ist ein Zentrum für Gründer mit gutem Gewissen: Nicht der Profit sollte im Vordergrund stehen, sondern der Nutzen für das Gemeinwesen. Zu den Alumni gehören die Flüchtlings-Schneiderei Stitch by Stitch, die Kreditplattform Awamo und auch Marlene Haas, die das Café-Pfandsystem „Mainbecher“ für die FES entwickelte. Zudem traf sich in dem 600 Quadratmeter großen Coworking-Büro in Frankfurt-Bockenheim regelmäßig die Start-up-Szene und genoss das Gefühl, auf der guten Seite zu stehen.

          „Doch dann kam Corona“

          Doch damit ist vorerst vorbei. Im Mai musste das Gründerzentrum aus seinem Großraumbüro an der Falkstraße ausziehen. Die zwei wichtigsten der drei Förderprogramme können nicht fortgeführt werden, es fehlt das Geld. Für „Chancennutzer“ endete im Juli die Finanzierung durch die JP-Morgan-Chase-Stiftung. Für „Andersgründer“, das Programm für soziale und ökologische Start-ups, stellten die KfW-Stiftung und die Beisheim-Stiftung Ende 2019 die Zuschüsse ein. Die Höhe der Zuwendungen nannten die Stiftungen nicht, angeblich handelte es sich aber um 250.000 bis 300.000 Euro je Programm und Jahr. Wie es von den Stiftungen hieß, war von Anfang an nur eine mehrjährige Anschubfinanzierung geplant gewesen, keine Dauersubventionierung. Schwierig dürfte aber auch gewesen sein, dass sich nicht wirklich klar abgrenzen lässt, was ein Sozialunternehmer überhaupt ist. So wurden nicht nur Start-ups akzeptiert, sondern auch Initiativen, die sich aus Fördergeldern und Spenden finanzieren wollten.

          Mit den Stiftungsgeldern wurden zum einen die Mietzahlungen an der Falkstraße und zum anderen mehrere Hauptamtliche finanziert, die die Förderprogramme koordinierten und die Start-ups berieten. Der Mietvertrag musste ebenso gekündigt werden wie den Mitarbeitern. Einer von ihnen war der Standortleiter Michael Wunsch, der nun beim Bundesverband der Sozialunternehmer arbeitet. B

          is in das Frühjahr hinein, sagt er, hätten er und Ko-Standortleiterin Birgit Heilig nach neuen Geldquellen gesucht, mehrere große Unternehmen hätten sich „sehr interessiert“ gezeigt. Immer wieder gab es auch Überlegungen, das Konzept zu ändern. Erst hieß es etwa, das Social Impact Lab solle sich auf die Beratung konzentrieren und die Büroplätze verringern. Dann war im Gespräch, die Räume komplett als Coworking-Büros unterzuvermieten. „Doch dann kam Corona“, sagt Wunsch. Mit der Krise endeten abrupt die Gespräche mit potentiellen Förderern, an Coworking war gar nicht mehr zu denken.

          Bis es eine Zukunft gibt

          Träger des Gründerzentrums ist die Social Impact gGmbH mit Sitz in Potsdam, die bundesweit neun solcher Einrichtungen betreibt, darunter in Hamburg, Berlin, München und Stuttgart. Auch Frankfurt wird noch immer als Standort geführt, allerdings unter neuer Adresse. Seit einigen Wochen ist das Social Impact Lab in der Villa Gründergeist am Frankfurter Reuterweg zu finden, einer Einrichtung des katholischen Bistums Limburg.

          Statt einer ganzen Etage wie an der Falkstraße hat das Social Impact Lab in der Villa ein kleines dunkles Büro im Erdgeschoss, zudem darf man die Coworking-Flächen nutzen. In der Villa will die Einrichtung so lange überwintern, bis es eine neue Finanzierung und eine Zukunft gibt.

          Die Chance gibt es durchaus. Das Land Hessen etwa hat kürzlich ein eigenes Förderprogramm namens „Sozialinnovator“ gestartet, das Social Impact Lab ist dafür der Ansprechpartner in der Region. Das Geld aus diesem Programm ist aber zu wenig, um eine Stelle zu finanzieren. Die Hoffnungen ruhen daher auf der JP-Morgan-Chase-Stiftung. Von dort heißt es, man sei stolz auf die bisherige Start-up-Förderung, zudem habe das Social Impact Lab im Mai von der Stiftung 23.000 Euro erhalten, um in der Krise weiterarbeiten zu können. „Wir schätzen die Kooperation mit dem Social Impact Lab sehr“, sagt ein Unternehmenssprecher von JP Morgan, „und sind in Gesprächen hinsichtlich unserer zukünftigen Zusammenarbeit.“

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