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CO2-Kompensation : Fliegen und dafür Buße tun

Die Reisewelle an deutschen Flughäfen rollt. Bild: dpa

Nach zwei Jahren Corona und Enthaltsamkeit wollen viele – Klimawandel hin oder her – endlich wieder in den Urlaub fliegen. Mit freiwilligen Spenden können sie Umweltschäden ausgleichen.

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          Fliegen gehört zu den Annehmlichkeiten des modernen Lebens und ist nicht nur für Fans der Frankfurter Eintracht – die in den vergangenen Wochen zu Tausenden mit dem Flugzeug zu den Europa-League-Spielen in Barcelona und Sevilla anreisten – eine Selbstverständlichkeit. Nach zwei Jahren Flaute wegen der Corona-Pandemie ziehen auch die touristischen Flüge am Frankfurter Flughafen wieder deutlich an. Jede Woche werden bis zu hundert neue Mitarbeiter eingestellt. Das ist gut für die Wirtschaft. Für das Klima und die drohende Erderwärmung freilich wäre es besser, es blieben mehr auf dem Boden.

          Petra Kirchhoff
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Beim Fliegen wird tonnenweise Kohlendioxid (CO2) in die Luft geblasen. CO2 trägt wesentlich zum Klimawandel bei, weil es verhindert, dass Wärme ins Weltall entweicht. Nach den Berechnungen des Weltklimarats IPCC bleiben der Welt nur noch wenige Jahre, um das bei der Klimakonferenz in Paris gesteckte Erderwärmungsziel von 1,5 Grad zu erreichen. Würde das auf der Grundlage dieser Berechnung noch zur Verfügung stehende klimaverträgliche Kohlendioxidbudget gerecht in der Welt verteilt, stünden jedem Erdbewohner im Schnitt 1,5 Tonnen oder 1500 Kilogramm pro Jahr zur Verfügung. Damit käme ein Urlauber aus Frankfurt in der Economyclass genau einmal nach New York. Zurück müsste er schwimmen.

          „Mit wenig Geld den größten Klimaschaden anrichten“

          Das komplette Leben betrachtet, verbraucht jeder Bundesbürger im Durchschnitt knapp elf Tonnen CO2 im Jahr. Die Fliegerei macht dabei mit 0,5 Tonnen nach Angaben des Umweltbundesamtes (UBA) nur einen geringen Teil aus. Wohnen und Heizen schlagen mit der vierfachen Menge zu Buche, gut dreimal so viel wird durchs Essen verursacht. Michael Bilharz, der beim UBA für nachhaltige Konsumstrukturen zuständig ist, weist allerdings darauf hin, dass in dieser Durchschnittsbilanz auch Personen berücksichtigt sind, die nicht fliegen.

          Tatsächlich hinterlassen Reisen mit dem Flugzeug den deutlichsten Fußabdruck in der CO2-Bilanz jedes Einzelnen. „Fliegen ist die effektivste Form, mit wenig Geld den größtmöglichen Klimaschaden anzurichten“, sagt Bilharz. Ein Verbraucher könne alles richtig machen: auf Fleisch und Autofahren verzichten, nur Bio kaufen – doch ein Flug reicht, um das Vorzeigeleben klimabilanziell zu vermasseln. Bei einem One-Way-Flug von Frankfurt nach New York in der Economyklasse zum Beispiel verursacht ein einziger Fluggast so viel CO2, wie er in eineinhalb Jahren mit einem Mittelklassewagen in die Luft blasen würde (bei jährlicher Fahrleistung von 12.000 Kilometern).

          Zur Veranschaulichung lohnt sich, einmal Flugreisen über CO2-Rechner im Internet durchzuspielen und sich ausrechnen zu lassen, mit welchem Geldbetrag man die Klimabelastung durch den Flug ausgleichen könnte. Das Umweltbundesamt bietet einen solchen Rechner in Kooperation mit der Gesellschaft Klimaktiv im Internet an, ebenso andere gemeinnützige Organisationen wie Klima-Kollekte, Primaklima und Atmosfair. Der von Atmosfair ist mit der bekannteste – und nach unserer Erfahrung derjenige, der am verständlichsten arbeitet.

          Atmosfair macht besonders gut deutlich, dass jenes Kohlendioxid, das direkt beim Fliegen, also dem Verbrennen von Kerosin, entsteht, nur einen geringen Teil, etwa ein Drittel, der gesamten Auswirkung eines Flugs auf das Klima ausmacht. Stärker zu Buche schlagen die Emissionen, die in hohen Luftschichten entstehen: Stickoxide und Wasserdampf. Stickoxide bilden die treibhauswirksamen Gase Ozon und Methan.

          Die Emissionen in hohen Luftschichten werden nach dem RFI-Faktor berechnet. Die Abkürzung steht für „Radiative Forcing Index“. Wie hoch dieser angesetzt werden muss, ist wissenschaftlich umstritten – beim UBA laufen weitere Forschungsarbeiten, um die Effekte, die laut Bilharz etwa von der Flugzeit und dem Wetter abhängen, genauer zu beziffern. Wissenschaftlich anerkannt ist ein Faktor zwischen 2 und 3. Sowohl das Umweltbundesamt als auch Atmosfair rechnen mit dem strengen Faktor 3 und kommen daher in ihren Rechnern zu höheren Emissionen als Rechner und Fluggesellschaften, die mit 2 oder 1 rechnen, oder den Faktor ganz unterschlagen.

          Auch die oft zitierte Angabe, wonach der Flugverkehr nur zwei bis drei Prozent des weltweiten Kohlendioxidausstoßes ausmache, rechnet den Flugverkehr schön, weil der RFI-Faktor keine Rolle spielt. Berücksichtigt man die Emissionen in hohen Luftschichten mit, liegt der Anteil laut Bilharz bei über fünf Prozent, Tendenz steigend. „Der Flugverkehr ist ein extrem wachsender Markt“, sagt der Umweltfachmann. Und er lasse sich auf lange Sicht, anders als das Autofahren, nicht elektrifizieren. Dabei fliegt auch nur ein Fünftel der Weltbevölkerung: Mit einem einzigen Mallorca-Flug ab Frankfurt und zurück emittiert ein einzelner Fluggast so viel Kohlendioxid wie ein Mensch in Äthiopien das gesamte Jahr.

          Spendenvolumen nimmt deutlich zu

          Die Fridays-for-Future-Bewegung hat viele Verbraucher für das Thema sensibilisiert. Das spüren auch die Rechneranbieter, die mit Spenden für die Kohlendioxidkompensation von Flugreisen Klimaschutzprojekte finanzieren. Klimaschutz heißt, dass an anderer Stelle CO2 eingespart wird, wie etwa durch den Einsatz effizienter Öfen in Afrika, durch Solarlampen oder das Pflanzen von Bäumen. Im Vor-Corona-Jahr 2019 verbuchte Atmosfair nach Angaben eines Sprechers ein Spendenvolumen von 11,6 Millionen Euro, 35 Prozent mehr als im Jahr zuvor.

          Vor allem bei Unternehmen sei das Thema inzwischen angekommen. Die Projekte der Spendensammler sind unterschiedlich teuer, daher spucken ihre Rechner bei einem vergleichbaren CO2-Fußabdruck auch unterschiedliche Kompensationspreise aus. Die Spanne reicht von fünf bis 23 Euro je Tonne und Projekt. Die Stiftung Warentest hatte zuletzt 2018 sechs Organisationen, die eine solche freiwillige Kompensation anbieten, daraufhin untersucht, wie transparent sie arbeiten und wie gut die Qualität ihrer Klimaprojekte ist.

          Die Note „sehr gut“ gab es für Atmosfair, Klima-Kollekte und Primaklima, die jeweils mit den besten vom WWF und anderen Umweltverbänden entwickelten Zertifikaten für Klimaprojekte (Gold-Standard CER und Gold-Standard VER) arbeiten. Wichtig war den Testern nach eigenen Angaben dabei, dass die Anbieter auf ihren Internetseiten deutlich machten: Kohlendioxid zu sparen – also am besten erst gar nicht zu fliegen – sei besser, als es zu kompensieren. „Wir müssen uns von der Idee verabschieden, am Ende jeden Zipfel der Welt gesehen zu haben“, sagt der Experte für Nachhaltigkeit, Bilharz. Aber kompensieren sei besser als nichts.

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