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Ausmaß der Ernteausfälle offen : Schwierige Suche nach bedürftigen Hitzeopfern

Abfuhr: Vielerorts in Hessen haben Bauern wesentlich weniger Weizen vom Acker geholt als in halbwegs normalen Jahren Bild: Michael Kretzer

Ministerpräsident Bouffier hat den Bauern schon versichert: Das Land will Ernteausfälle zum Teil ausgleichen. Nur: Ausmaß der Einbußen in der heimischen Landwirtschaft ist noch unklar - aus mehreren Gründen.

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          Volker Bouffier ist ein Freund der Landwirtschaft. So spricht er gerne auf hessischen Bauerntagen. In Wahlkampfzeiten stellt sich Bouffier besonders gerne an die Seite der Landwirte, sind doch viele Bauern konservativ und der CDU des hessischen Regierungschefs zugeneigt. Sein Einsatz für Nothilfen für von Hitze und Trockenheit geplagte Höfe vor wenigen Tagen konnte deshalb auch niemanden verwundern. „Die Dürreperiode in diesem Jahr macht nicht nur Mensch und Tier zu schaffen, sondern sie bedroht Existenzen in der Landwirtschaft“, hob Bouffier hervor.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Er hat damit nicht nur Landwirtschaftsministerin Priska Hinz von den Grünen, die sich in der Bauernschaft Respekt erarbeitet hat, die Schau gestohlen, sondern auch Zahlen genannt. Die Landesregierung strebe an, „bis zu 50 Prozent der Ertragsausfälle auszugleichen bei Betrieben, die einen deutlichen Ertragsrückgang nachweisen können“. Als „deutlich“ gilt gemeinhin ein Minus von 30 Prozent, gemessen am Durchschnitt der vergangenen drei Jahre.

          4700 Euro je Hof, höchstens

          Klar ist schon: Das Ausmaß der Ernteausfälle zwischen Nordhessen und dem Odenwald steht noch nicht voll und ganz fest. Zwar rechnet das Land mit einem Volumen von 150 Millionen Euro aufgrund der langen Trockenheit, die sich in dürren Halmen auf Wiesen und frühzeitig gereiften Getreidefeldern zeigt. Bislang gibt es aber nur Schätzungen, um wie viel Prozent magerer als im Durchschnitt die Ernte von Weizen und Gerste, Roggen und Raps, Hafer und Mais ausgefallen ist. Rechnerisch könnte, bei 16.000 Höfen in Hessen, ein Betrieb maximal 4700 Euro erhalten, wenn alle eine Nothilfe bekommen sollten. Das wird aber nicht der Fall sein.

          Beim Hessischen Bauernverband mit Sitz in Friedrichsdorf gilt derzeit noch jeweils ein Korridor: „Bei Winterweizen und Gerste rechnen wir mit einem Minus von zehn bis 30 Prozent“, sagt ein Sprecher. „Beim Raps dürften die Ausfälle zehn bis 40 Prozent betragen – den hat es besonders getroffen, weil in der Wachstumsphase die Feuchtigkeit gefehlt hat“, erläutert der Sprecher und hebt hervor: Er kenne keinen Bauern, der mit seinem Raps zufrieden sei.

          Von hohen Erzeugerpreisen keine Rede

          Aufsehenerregend ist die Lage beim Weizen: Zwar ist er weiter mit Abstand die wichtigste Getreidesorte in Hessen. Doch weil der nasse Herbst die Aussaat verzögert hatte, haben Bauern Weizen dieses Jahr auf lediglich 158.400 Hektar ausgesät – vor einem Jahr stand diese Sorte noch auf fast 162.000 Hektar. Zusammen mit den Hitzefolgen ergibt der geringere Anbau eine ungewohnte Aussicht: „Wir werden Weizen importieren müssen“, heißt es beim Bauernverband. In früheren Jahren hat Hessen dagegen noch Weizen exportiert, zum Beispiel nach Italien, für die Nudelproduktion.

          In welcher Region die Ernteausfälle besonders hoch sein dürften, kann der Bauernverband nicht sagen, „dazu gibt es keine Statistik“. Die Annahme, in der hessischen Kornkammer Wetterau mit ihren guten Böden werde die Ernte schon noch ganz gut sein, während Südhessen mit seinen sandigen Böden sehr schlecht abschneide, wäre gewagt. Landwirte wie Peter Seeger im südhessischen Otzberg sind nicht nur mit der Weizenernte zufrieden angesichts des Ertrags von 7,5 Tonnen je Hektar. Auch der Mais steht auf seinen Feldern ganz gut. Dagegen ist in der Wetterau eine Anzahl Felder mit kümmerlichen Pflanzen dieser Getreidesorte zu sehen.

          „Irgendwo muss das Geld herkommen“

          Nun gilt in der Landwirtschaft die Faustregel: schlechte Ernte gleich gute Preise. Und tatsächlich hat sich Weizen in der jüngeren Vergangenheit verteuert, weil international die Ernte schwach ist. Von hohen Preisen kann aber nicht die Rede sein an den Rohstoffbörsen, von denen heimische Bauern abhängen. Überhaupt hat es so etwas wie Inflation in den vergangenen Jahren bei Agrarprodukten kaum gegeben. Viele Preise bewegen sich seitwärts. Weizen war schon einmal klar teurer, und für Milch haben Bauern vor einigen Jahren etwa 20 Prozent mehr bekommen als derzeit. Das funktioniert nur wegen der erheblich gesteigerten Effizienz in der Branche; im Vergleich zu 1960 ist die Zahl der Familienarbeitskräfte in der Landwirtschaft laut Statistischem Landesamt um gut 90 Prozent gesunken.

          „Der Preisdruck im Handel drückt die Einkommen der Landwirte“, heißt es beim Bauernverband. Gute Jahre, in denen ein Landwirt Geld habe zur Seite legen können, lägen länger zurück. „Und wenn sie Geld haben, investieren sie in den teuren Maschinenpark. Dieses Geld muss irgendwo herkommen.“

          Bauernlobbyisten heben regelmäßig hervor, Landwirte seien Unternehmer. Dennoch brauchten sie Subventionen, da die Preise nicht auskömmlich seien. Schließlich produzierten Bauern Mittel zum Leben. „Wenn die heimische Landwirtschaft kaputt ginge, wären wir von Importen abhängig, das ginge zu Lasten von Qualität und Tierwohl“, sagt der Sprecher des Bauernverbands.

          Hinzu kommen die Regionalität und die von Landwirten geleistete Pflege der Kulturlandschaft. Zu bedenken ist ebenfalls: Wenn Bauern aus wirtschaftlichen Gründen aufgeben, werden die restlichen Höfe immer größer. Das ist das Gegenteil dessen, was viele Verbraucher wünschen.

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