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Schwarzarbeit in der Pflege : Billig und bequem

  • -Aktualisiert am

Nicht selten Schwarzarbeit: Altenpflege Bild: AP

Tausende Frauen aus Osteuropa versorgen Pflegebedürftige in Hessen, die meisten illegal. Obwohl hohe Strafen drohen, melden nur wenige Familien die Hilfen offiziell an, weil es zu aufwendig ist. Dabei ginge es auch anders.

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          Für Rosa Becker, wie sie hier heißen soll, bedeutete Maria alles. Sie war Freundin, Haushaltshilfe und Pflegerin in einem. Zwei Jahre lang, bis zum Tod der alten Dame. Maria kam aus Polen. Und arbeitete illegal. Essen kochen, den Haushalt führen und mit Rosa Becker Rommé spielen – das war ihr Alltag in der kleinen Stadt im Taunus.

          „Ohne ihre Hilfe hätten wir das einfach nicht geschafft“, sagt der Sohn. Seine 98 Jahre alte Mutter konnte nicht mehr allein sein und wollte partout nicht in ein Heim. Bekannte vermittelten die Betreuerin, eine ehemalige Lehrerin aus der Nähe von Breslau. Wenn Maria Urlaub machte, kam Ursula. Alles war geregelt.

          Geldstrafe von bis zu 500.000 Euro droht

          Für 1000 Euro im Monat hat sie sich, zusammen mit dem ambulanten Pflegedienst, um Rosa Becker gekümmert. „Das Geld aus der Pflegeversicherung ging dabei schon allein für den Pflegedienst drauf“, sagt der Sohn. Er hat kein schlechtes Gewissen. „Eine legale Beschäftigung von Maria ist mir nie in den Sinn gekommen.“ Die Kosten seien so schon enorm hoch gewesen, weitere 500 Euro im Monat für eine legale Kraft hätte er nicht aufbringen können. Maria ist jetzt bei der nächsten Familie. Man kennt sich. Angst aufzufliegen – das habe er eigentlich nie gehabt, berichtet der Sohn. Kein Mensch würde, wie er sagt, auf die Idee kommen, ihn anzuzeigen. Im Gegenteil: Die Nachbarn hätten sich erkundigt, wie man solch eine Pflegekraft bekommen könnte.

          Von vielen als Kavaliersdelikt abgetan, ist die Beschäftigung osteuropäischer Pflegekräfte ohne Arbeitserlaubnis aber eine Straftat, die erhebliche Folgen haben kann. Es droht eine Geldstrafe von bis zu 500.000 Euro, außerdem die Nachzahlung von Sozialbeiträgen und Steuer. Das Bundesgesundheitsministerium vermutet, dass mindestens 60.000 Familien ihre Pflegebedürftigen von Frauen aus Osteuropa betreuen lassen. Bernd Tews, Geschäftsführer des Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste, spricht sogar von 100.000. Die meisten Pflegekräfte seien in Hessen, Rheinland-Pfalz, Bayern und Baden-Württemberg eingesetzt.

          „Dabei geht das doch auch alles ganz legal“, wundert sich André Kavai (SPD), Ordnungsdezernent im Main-Kinzig-Kreis. Er schätzt, dass in diesem Landkreis 500 Haushalte eine illegale Pflegekraft aus Osteuropa beschäftigen. Von Pflegediensten wurde er im vergangenen Jahr vermehrt angesprochen, etwas gegen die Schwarzarbeit zu tun. Gemeinsam mit anderen sozialen Einrichtungen startete er darauf eine Aufklärungskampagne.

          „Eine legale Betreuung ist möglich“

          Er zeigte Wege auf, wie sich ein illegales Beschäftigungsverhältnis in ein legales umwandeln lässt, und informierte über die Kosten einer legalen Haushaltshilfe aus Osteuropa. Sie darf jedoch offiziell keine Pflegeleistungen erbringen. Von einer Bestrafung würde man bei der Legalisierung eines bestehenden Arbeitsverhältnisses wahrscheinlich sogar absehen, warb er damals. Es müssten lediglich die Steuern und Sozialbeiträge nachgezahlt werden.

          Heute hat Kavai in dieser Angelegenheit resigniert. „Wir betreiben die Kampagne nicht mehr offensiv weiter“, sagt er. Mit dem Aufruf habe man die Gemüter erregt. „Es war, als hätte ich mit einem Stock im Wespennest herumgestochert.“ Mehr als 200 Menschen hätten sich telefonisch gemeldet. Rund die Hälfte haben jedoch nur ihren Unmut über die Kampagne geäußert, zum Teil wüst geschimpft. Trotz der Anfeindungen bleibt er dabei: Eine legale Betreuung der pflegebedürftigen Angehörigen sei möglich. Die angemeldete Haushaltshilfe würde nicht viel mehr kosten als eine illegale Kraft. Außerdem, so argumentiert er, hätten die meisten Familien, die eine illegale Hilfe bei sich aufnähmen, dies gar nicht nötig. In der Regel sei bei diesen Familien ein großes Haus mit Gästezimmer vorhanden, was doch einen gewissen Wohlstand voraussetze.

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