https://www.faz.net/-gzg-9mnf8

Freiwillig gesäte Blühstreifen : Schutz von Schmetterlingen nur mit Ausnahmegenehmigung

Labsal: Pflanzen auf Blühsteifen bieten für Schmetterlinge wie den Kohlweißling nicht nur Nahrung - die Insekten legen dort auch ihre Eier ab Bild: dpa

Stefan Wagner könnte einen Teil seiner Ackerfläche brach liegen lassen, um staatlichen Vorgaben Genüge zu tun. Doch der Landwirt legt lieber freiwillig Blühstreifen an - und stößt auf eine Regel, die dem Artenschutz schadet.

          2 Min.

          Stefan Wagner denkt sich etwas dabei. Der Landwirt vom Kronenhof in Bad Homburg nutzt nicht nur Mess- und Satellitentechnik, um möglichst viel aus seinen Äckern herauszuholen und gleichzeitig Pflanzenschutzmittel sowie Dünger zu sparen. Er treibt auch mit seinen ökologischen Vorrangflächen mehr Aufwand, als vom Staat im Rahmen des „Greenings“ auf den Äckern verlangt. Bauern müssen solche Vorrangflächen schaffen, um Direktzahlungen je Hektar im Rahmen des „Greenings“ von der Europäischen Union zu bekommen. Dort deckt er mit Blühpflanzen für die im Bestand gefährdeten Bienen und Schmetterlinge wie für die anderen Insekten den Tisch. Allerdings stößt er auf eine bürokratische Hürde, die aus seiner Sicht dem Artenschutz entgegensteht statt ihn zu fördern.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wie andere Bauern auch muss Wagner fünf Prozent seiner Ackerflächen nach Vorgaben der Europäischen Union entweder brach liegen lassen oder als sogenannten Feldrandstreifen ausweisen. Von diesen Flächen hat er das Jahr über dann die Finger zu lassen. Dort ist „ganzjährig keine landwirtschaftliche Erzeugung erlaubt“, wie das hessische Landwirtschaftsministerium bestätigt. Stickstoffdüngung und Pflanzenschutzmittel seien tabu. Die Natur soll in der Folge ihren Lauf nehmen. Ökologische Vorrangflächen auf diese einfache Weise zu entwickeln, ist Wagner aber nicht genug.

          „Dann sind die Eier auch weg“

          „Wenn ich schon etwas brach liegen lassen muss, will ich auch etwas Sinnvolles daraus machen“, sagt er. Deshalb hat er nach seinen Worten allerlei Samen von Blühpflanzen ausgesät. Und zwar freiwillig und nicht im Rahmen des Programms „Bienenfreundliches Hessen“, mit dem das Land die Blühstreifen fördert (siehe Kasten).

          Sät freiwillig Samen für Blühstreifen aus: Landwirt Stefan Wagner vom Kronenhof in Bad Homburg, hier auf seinem Mähdrescher zu sehen

          Solche Blühstreifen erweisen sich regelmäßig als sprichwörtlicher Magnet für eine Vielzahl von Insekten. Sie finden dort Pollen und Nektar. Und sie legen in den Pflanzen die Eier ab, aus denen ihre Nachkommen schlüpfen. Oder besser: schlüpfen sollen. Denn hielte sich Wagner blind an die rechtlichen Vorgaben, würde es nichts mit der Nachwuchspflege.

          Sieht das geltende Recht doch nach Angaben des Ministeriums und des Amts für Landwirtschaft im Hochtaunus vor, solche Blühstreifen einmal im Jahr zu bewirtschaften. „Landwirtschaftliche Mindesttätigkeit“ heißt das im Amtsdeutsch. Konkret heißt das: Wagner muss entweder mähen und das Schnittgut wegbringen - oder er muss es mulchen, also zerkleinern. Der Haken: „Wenn ich das mache, sind auch die Eier der Insekten weg.“

          Sinnvolle Lösung gefunden

          Damit hat sich Wagner aber nicht abfinden wollen. Er hat beim Amt für Landwirtschaft vorgesprochen und nach einer Lösung gesucht. Und in der Tat eine gefunden. Wie in der Behörde zu erfahren ist, verfügt sie über einen klitzekleinen Ermessensspielraum, um den Vorgaben des „Greenings“ Genüge zu tun. Den habe sie in Wagners Fall genutzt – zugunsten der Insekten.

          Der Bauer vom Kronenhof muss nun nicht einmal im Jahr auf seinen freiwillig angelegten Blühstreifen eine „landwirtschaftliche Mindesttätigkeit“ ausführen, er kann die verblühten Pflanzen liegen lassen. Damit im nächsten Frühjahr möglichst viele Insekten schlüpfen.

          Da im vergangenen Jahr wegen der trockenen Wärme besonders viele Schmetterlinge unterwegs waren, ist das ein gutes Vorzeichen für die neue Saison. Darüber freut sich Wagner. Grundsätzlich meint er aber: „Es müsste eine Selbstverständlichkeit sein, Gutes tun zu dürfen.“ Und es keiner Sondergenehmigung rund um das „Greening“ bedarf.

          Nahrung für Bienen und andere Insekten

          Mit der Öffentlichkeitskampagne „Bienenfreundliches Hessen“ fördert das Land die Aussaat von Blühstreifen. Laut Landwirtschaftsministerium legen in diesem 653 Bauern insgesamt 1202 Hektar einjährige Blühstreifen an. Dafür fließen insgesamt gut 875.000 Euro, auch als Ausgleich für Einnahmeausfälle, weil Äcker teils nicht mit Feldfrüchten genutzt werden können; auch steht das Land das Saatgut ein. 1039 Landwirte weisen demnach 1664 Hektar mehrjährige Blühstreifen aus. Sie erhalten dafür alles in allem knapp eine Million Euro, wie es heißt. (thwi.)

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Krankhaftes Sexualverhalten : Wenn die Lust zur Qual wird

          Ähnlich wie Drogen- und Spielsüchtige sind auch Sexbesessene darauf aus, sich stets neue „Kicks“ zu verschaffen. Vielen Patienten könne eine Verhaltenstherapie helfen, sagen Forscher. Jedoch hilft nicht jeder Lösungsansatz.
          Blick aus der Vogelperspektive: Neben dem Messegelände wird auch das Europaviertel weiter gestaltet.

          Baubeginn 2020 : Der zweite Messe-Turm

          Die Gustav-Zech-Stiftung errichtet bis 2024 im Frankfurter Europaviertel einen neuen Messeeingang und ein Hochhaus. Dem Wahrzeichen am Haupteingang soll es aber keine Konkurrenz machen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.