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Schließungen : Post ohne Filialen

  • -Aktualisiert am

Ein Bild, das immer seltener wird: Die Post schließt eine Filiale nach der anderen Bild: ddp

Die Deutsche Post schließt eine Filiale nach der anderen. Als Ersatz sucht sie sich Einzelhändler in der Nähe, die für den Konzern das Geschäft übernehmen. Die Kunden sind oft skeptisch.

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          Am Rohmerplatz im Frankfurter Stadtteil Bockenheim steht ein Relikt aus gar nicht allzu grauer Vorzeit. Ein Postamt. In eisernen Lettern steht das über dem arkadenförmigen Eingang des alten Gebäudes geschrieben. Drinnen findet der Kunde alles, was die Post so zu bieten hat. An mehreren Schaltern können Briefe, Päckchen und Einschreiben aufgegeben, alles rund ums Versenden kann gekauft werden, eine Reihe von Postfächern steht bereit. In einer Milchglasbox können sich Postbank-Kunden zum Hauskredit beraten lassen, und vor der Tür findet sich sogar noch eine Telefonzelle. Hier ist die Post noch, was sie einmal war, in der guten alten Zeit, wie einige vielleicht hinzufügen würden.

          Doch dass diese Zeit längst Vergangenheit ist, lässt schon der Name über dem Eingang erkennen. Seit fast 20 Jahren ist die Post keine Behörde mehr, agiert rechtlich getrennt von der Telekom und weitgehend auch von der Postbank. Der Begriff Postamt ist jenseits der Nostalgie längst durch Filiale ersetzt worden. Und auch die Filiale selbst, wie es sie am Rohmerplatz noch gibt, muss mehr und mehr neuen Modellen weichen. Von den rund 13 500 Post-Filialen in Deutschland werden nach Angaben des Unternehmens nur noch 750 von der Deutschen Post AG selbst betrieben, hinzu kommen etwa 850 Postbank-Finanzcenter. Der allergrößte Teil der Post-Niederlassungen wird inzwischen wie bei einem Franchiseunternehmen geführt, bis 2011 sollen es alle sein.

          In „Thommis Lotto-Laden“ gibt es auch Briefmarken zu kaufen

          Das häufigste Modell ist die sogenannte Partner-Filiale, wie sie derzeit auch im Frankfurter Stadtteil Oberrad entsteht. Zum 23. Juni wird die dortige Postfiliale an der Offenbacher Landstraße geschlossen. Vom Tag darauf an nimmt dann Thomas Körbel Briefe und Pakete an. In „Thommis Lotto-Laden“ nur ein paar hundert Meter die Straße hinauf gibt es dann nicht nur Zeitschriften, Lottoscheine und Geschenkartikel, sondern auch Briefmarken und vorfrankierte Umschläge zu kaufen. Und auch die Standardprodukte der Postbank soll man in dem Gemischtwarenladen dann erhalten. Bevor es losgeht, werden die Mitarbeiter des Ladens noch im Postgeschäft geschult, außerdem müssen sie nach Angaben eines Post-Sprechers einen Eid auf das Postfernmeldegesetz ablegen, dass sie sich auch ja an das Briefgeheimnis halten und nicht verraten, welcher Kunde wie viel Geld auf seinem Sparbuch liegen hat.

          In Frankfurt werden nach Angaben des Post-Sprechers inzwischen 25 der 67 Filialen von Partnern betrieben. An drei weiteren Orten werde derzeit geprüft, ob es sich noch rechne, die Niederlassung selbst zu führen: im Ostend an der Bärenstraße, in Niederrad an der Rennbahnstraße und an der Griesheimer Hartmannsweiler Straße.

          In dem Stadtteil im Südwesten ist man auf die Post inzwischen gar nicht mehr gut zu sprechen. Karl-Heinz Maier leitet hier einen Krankenpflegedienst und beklagt, dass der Service der Post „systematisch runtergefahren“ werde. Immer wieder würden die Öffnungszeiten nicht eingehalten, teilweise sei die Filiale tagelang geschlossen. Er selbst sei davon betroffen, weil er beispielsweise wichtige Post von Ärzten in der Zeit nicht aus dem Schließfach holen könne. Viele der älteren Menschen, die er betreut, würden zudem darüber klagen, dass der Postbankschalter vor einigen Jahren aus der Filiale entfernt worden sei. „Die können jetzt nicht mehr ihre Rente selbst abholen.“ Maier ist auch Beisitzer im Gewerbeverein Griesheim und geht davon aus, dass die Post so bald keinen Einzelhändler als Partner finden werde. „Der würde wahrscheinlich gesteinigt“, weil er für die endgültige Schließung verantwortlich gemacht würde. Denn solange die Post keinen Partner findet, so das Kalkül, kann sie sich auch nicht aus Griesheim zurückziehen. Schließlich muss das Unternehmen auch nach dem Wegfall des Briefmonopols noch die Grundversorgung sichern, jeder Einwohner einer Ortschaft mit mehr als 4000 Bewohnern muss zum Beispiel innerhalb von 2000 Metern Postdienstleistungen erreichen können.

          Der Post-Sprecher zeigt für die Skepsis der Kundschaft Verständnis

          Der Post-Sprecher zeigt für die Skepsis der Kundschaft Verständnis, auch wenn sie unbegründet sei, da letztlich Partner-Filialen das gleiche Angebot hätten und in vielen Fällen sogar längere Öffnungszeiten böten. „Die Post gehört für viele zum Dorf wie der Bäcker oder die Kirche“, sagt er. Aber die Gefühlslage und die tatsächlichen Kundenströme gingen in der Realität auseinander. „Was die Kunden heute im Internet oder per Telefon erledigen, geht uns an der Post-Theke verloren.“ Deswegen untersuche das Unternehmen bei jeder Filiale genau, wie die Betriebsdaten seien, wie die Kundenstruktur, wie die Zukunftsaussichten. Um wirtschaftlich arbeiten zu können, versuche die Post, an jedem Standort nur das anzubieten, was auch nachgefragt werde.

          Die einstige Behörde ist schließlich seit Jahren eine Aktiengesellschaft und steht im Wettbewerb mit einer Reihe anderer Logistikunternehmen. Der Paketversender Hermes zum Beispiel nimmt bereits in rund 60 Geschäften in Frankfurt, vom Kiosk bis zur Reinigung, Pakete an. In Griesheim hat der Paketdienst mit dem blauen Flügel laut Maier schon gewonnen. Er höre von immer mehr Leuten, dass sie ihr Paket lieber in der Reinigung abgäben, als zur Postfiliale zu gehen und festzustellen, dass sie geschlossen sei.

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