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Ihr Platz-Übernahme : Schlecker will die Premium-Kunden

Auch diese Filiale an der Leipziger Straße in Frankfurt geht an Schlecker über, soll aber Ihr Platz bleiben Bild: Henning Bode

700 Filialen von Ihr Platz in Hessen wechseln den Besitzer. Schlecker übernimmt den Konkurrenten. Die Drogeriekette will ins Premiumsegment, nicht mehr nur an jede Straßenecke. Verdi hofft derweil, dass dem Zukauf kein Stellenabbau folgt.

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          Was die Zahl der Filialen betrifft, hat Schlecker mit 10.500 deutschen Dependancen die Konkurrenten DM mit 935 und Rossmann mit 1300 schon längst weit hinter sich gelassen. Alleine in Hessen betreibt Schlecker deutlich mehr als 800 Filialen – gut 100 mehr als Ihr Platz, die gerade zugekaufte Nummer fünf der Rangliste der Drogerie-Filialisten in ganz Deutschland. In Frankfurt weist Ihr Platz sogar nur eine Dependance aus, Schlecker ist hier mit rund 70 vertreten. Doch diesmal geht es Schlecker nicht oder zumindest nicht in erster Linie um rein zahlenmäßiges Wachstum: Das Unternehmen will ins Premiumsegment, nicht mehr nur an jede Straßenecke.

          Jochen Remmert

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, zuständig für Flughafen und Offenbach.

          Der gelernte Metzgermeister Schlecker, der sein Unternehmen nach Patriarchenart führt, hat nun erstmals die Möglichkeit, die Konkurrenz von zwei Seiten aus zu attackieren – mit den bei der Kundschaft als billig geltenden Schlecker-Märkten und mit den Ihr-Platz-Märkten, die als Drogerien mit Premiumanspruch aufgestellt worden sind, nachdem das Haus 2005/2006 eine Insolvenz zu überstehen hatte. Das Haus Schlecker, ansonsten für notorische Verschwiegenheit bekannt, bestätigte diesen Strategiewechsel gestern sogar knapp auf Anfrage: Ihr Platz solle als zweite Marke und als Unternehmen mit dem Auftrag erhalten bleiben, das lukrative Premiumsegment zu bearbeiten. „Alles, was der Kunde wahrnimmt, bleibt unverändert“, äußerte ein Unternehmenssprecher weiter. Fragen nach dem Kaufpreis und danach, ob mit dem Zukauf Märkte überflüssig und geschlossen würden, blieben ohne Antwort. Die Gewerkschaft Verdi hofft derweil, dass dem Zukauf kein Stellenabbau folgt und auch bei Ihr Platz Tarifverträge Bestand haben, wie Gewerkschaftssekretärin Dora Riss sagte.

          Unterschiedliche Flächenproduktivität

          Ganz so lupenrein ist die Erfolgsstory Schleckers bei genauerem Hinsehen allerdings nicht. So kann das Unternehmen zwar nicht nur der Zahl der Filialen nach die Marktführerschaft bei den Drogeriefilialisten beanspruchen, sondern auch dem Umsatz nach, den Branchenexperte Herbert Kuhn vom Frankfurter Marktforschungsunternehmen Tradedimensions für 2007 mit rund 5,3 Milliarden Euro allein für die Drogeriekette veranschlagt. Die Konkurrenten DM und Rossmann weisen aber eine sehr viel höhere Flächenproduktivität auf, wie Kuhn sagt. So wird der Zweitstärkste in der Branche, DM, nach eigenem Bekunden in diesem Jahr mehr als drei Milliarden Euro Umsatz erzielen mit seinen 935 Filialen. DM würde also mit nicht einmal einem Zehntel der Märkte deutlich mehr als die Hälfte des Umsatzes von Schlecker erwirtschaften.

          Dass die DM-Filialen oft größer als die im Durchschnitt nur 200 Quadratmeter messenden Schlecker-Märkte sind, relativiert diesen Unterschied nur, gleicht ihn aber längst nicht aus. Denn DM muss zwar je Filiale einen höheren Mietzins kalkulieren. Schlecker bezahlt aber die Strategie, auch kleinste Ladenlokale zu besetzen, mit sehr viel höheren Logistikkosten, weil jede einzelne dieser kleinen Dependancen genauso mit Ware versorgt werden muss wie eine 1000-Quadratmeter-Filiale der Konkurrenz. Rossmann ist nicht ganz so erfolgreich wie DM, arbeitet aber auch sehr viel effizienter als Schlecker: Rossmann wird mit seinen 1300 Märkten in diesem Jahr den Prognosen zufolge immerhin fast die Hälfte des Umsatzes von Schlecker – 2,5 Milliarden Euro – erwirtschaften.

          Der „billige“ Eindruck

          Und wenn von Schlecker als dem einzig wahren Discounter unter Drogerieketten die Rede ist, so zeugt das lediglich von einer guten Werbestrategie, mit der Realität hat das oft aber nicht viel zu tun, wie in der Branche bekannt ist. Schlecker sei vielleicht so verschwiegen wie die Brüder Karl und Theo Albrecht (Aldi) und Lidl-Chef Dieter Schwarz, der billigste Anbieter sei der angebliche Discounter aber mitnichten, heißt es dort. Tatsächlich hält mancher Preis im direkten Vergleich nicht, was der „billige“ Eindruck, den die Filialen ausstrahlen, versprechen soll. Ein Preisvergleich dieser Zeitung vor einigen Wochen ergab, dass Schlecker deutlich teurer war als andere. Ein Paket des Waschmittels „Persil Megaperls“ schlug bei DM und Rossmann mit 4,95 Euro zu Buche. Schlecker verlangte für dieselbe Menge einen Euro und vier Cent mehr.

          Tradedimensions-Experte Kuhn ist sich sicher, dass Schlecker trotzdem längst nicht mit jeder Filiale tatsächlich Geld verdient. Er geht davon aus, dass die Verlustbringer im Riesen-Reich des Anton Schlecker quersubventioniert werden. Branchen-Insider berichten, Schlecker setze die gewaltige Zahl an Filialen beim Einkauf als „Argument“ ein, um günstiger einzukaufen. Die Lieferanten finanzierten so gewissermaßen die nicht rentablen Filialen Schleckers mit.

          Drogerieketten-Chef Anton Schlecker hat gerne viel mehr Läden als alle anderen. Doch interessierte beim Kauf von Ihr Platz vor allem das Image.

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