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Rußland : Lockende Weite

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Bild: Reuters

Fast 700 Unternehmen aus dem Rhein-Main-Gebiet sind mittlerweile in Rußland aktiv. Viele rechnen sogar mit einer dynamischeren Entwicklung als in Indien.

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          Einfach nur Golfspielen war Harald Bieler zuwenig. Der frühere Firmenkundenchef der Dresdner Bank für das Rhein-Main-Gebiet hat deshalb nach seiner Pensionierung begonnen, Unternehmen beim Gang nach Rußland zu beraten. In der russischen Stadt Korolev unweit von Moskau entstand in diesem Zusammenhang ein ungewöhnliches Pilotprojekt, wie er berichtet. Deutsche Unternehmen sanieren dort einen großen Plattenbaublock mit 72 Wohnungen unter Energiespar-Gesichtspunkten. Mit dabei sind etwa der Heizungsbauer Viessmann aus Nordhessen, die Farbenfirma Caparol aus Ober-Ramstadt und die Wohnungsbaugesellschaft Nassauische Heimstätte aus Frankfurt.

          Die Sanierung soll helfen, 90 Prozent der Energie zu sparen - Gas, das Rußland dann exportieren kann, um mit den Einnahmen weitere Sanierungen zu finanzieren. „In vielen der Wohnungen, die schlecht isoliert sind, kann man die Fernheizung nicht einmal ausstellen“, sagt Bieler. Wenn es zu warm werde, öffneten die Mieter einfach die Fenster. „Wenn das Pilotprojekt sich durchsetzt, warten bis zu 30 Millionen weitere Wohnungen in Rußland auf so eine Sanierung.“ Deutsche Mittelständler könnten dabei gut zum Zuge kommen, weil sie bei den Themen Umweltschutz und Energiesparen in vielen Branchen die Nase vorn hätten.

          Dresdner Bank kooperiert mit russischer Bank

          Rußland ist bei immer mehr mittelständischen Unternehmen aus dem Rhein-Main-Gebiet „ein wichtiges Thema“, wie es bei der Frankfurter Industrie- und Handelskammer heißt. 680 Firmen der Region hätten bei der letzten Umfrage der Kammer angegeben, dort bereits aktiv zu sein. Die hessische Ausfuhr nach Rußland sei von 2003 bis 2005 um 20 Prozent auf 664 Millionen Euro im Jahr gestiegen, sagt Karin Zeni, IHK-Geschäftsführerin für die Abteilung „Internationales“. Den Löwenanteil machten nach wie vor Maschinen aus, gerade in den russischen Großstädten gebe es aber auch zunehmend Nachfrage nach Konsumgütern. Zunächst habe alles „auf Moskau geschielt“: Von 3000 deutschen Firmen, die in Rußland präsent seien, arbeiteten 2000 von der Hauptstadt aus. „Immer mehr geraten aber auch die Regionen in den Blickwinkel“, so Zeni, „selbst jenseits des Ural.“

          Auch die Frankfurter Banken sind in Rußland längst aktiv. Aus Anlaß des Besuches des russischen Präsidenten Wladimir Putin in Deutschland unterzeichnete die Dresdner Bank ein Kooperationsabkommen mit der russischen Bank „Vnesheconombank“, unter anderem zur Finanzierung von Warenhandel, aber auch für „Public Private Partnership“-Projekte in Rußland. Die „Beraterbank“ gehörte seinerzeit zu den Pionieren im Rußland-Geschäft: Carl Schlue, heute Repräsentant der Bank of Moscow in Frankfurt, leitete damals in St. Petersburg ein Gemeinschaftsprojekt von Dresdner Bank und Banque Nationale de Paris.

          30.000 Deutsche leben in Moskau

          Heute wirbt er in Frankfurt auch um Unternehmenskunden für das russische Kreditinstitut, das aus einer Sparkassenstruktur kommt. Dabei kann er auf eine Studie der Industrie- und Handelskammern verweisen: Danach werden sich nach Ansicht von 4000 befragten Unternehmen die Wirtschaftsbeziehungen zu Rußland sogar dynamischer entwickeln als die zu Indien.

          Die Ermordung der regierungskritischen Journalistin Anna Politkowskaja am Samstag und des obersten Bankenaufsehers Andrej Koslow Mitte September hatten die Frage der Sicherheitslage und der Menschenrechte in Rußland abermals auf die Tagesordnung gebracht. Der Besuch von Putin in Deutschland wurde von diesen Ereignissen überschattet. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte nach einem Gespräch mit Putin, dieser habe zugesichert, alles zu tun, um den Mord an Politkowskaja aufzuklären.

          Für die Unternehmen steht nach Einschätzung der Frankfurter Industrie- und Handelskammer trotzdem die Sicherheitslage in Rußland weniger im Vordergrund als noch vor zehn Jahren. Immerhin lebten mittlerweile 30.000 Deutsche in Moskau. Ein Indiz für mehr Rechtssicherheit sei beispielsweise, daß bei Rechtsstreitigkeiten mit den russischen Finanzbehörden in zwei Dritteln aller Fälle die Behörden mittlerweile unterlegen seien. Zeni: „Das war nicht immer so.“ christian siedenbiedel

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