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Kelkheimer Familienunternehmen : Die bewegten 70 Jahre der Rothenberger AG

Familienrat der Firma: Geschäftsführerin Sabine Rothenberger mit Vater Helmut. Bild: Wonge Bergmann

Auf einem klugen Werkzeugpatent fußt der Aufstieg eines der großen Familienunternehmen der Republik. Aber auch Krisen prägen die Geschichte der Rothenberger AG.

          Ein fester Griff genügt, schon ist das Kupferrohr am Ende ein wenig aufgebogen und lässt sich problemlos auf ein anderes Stück aufstecken. „Damit“, sagt Helmut Rothenberger und legt das zangenähnliche Werkzeug auf den Tisch, „fing unsere Erfolgsgeschichte an“. Bis dahin war der von Vater Edwin 1949 gegründete Betrieb ein Handelsunternehmen für Schweißtechnik, erst mit diesem Werkzeug, dem Expander, begann der Aufstieg zu einem der führenden Hersteller für Rohrwerkzeuge. Ende der sechziger Jahre brachte die Firma Rothenberger aus Kelkheim den Expander auf den Markt. Damit wurde das Verbindungsstück, der sogenannte Fitting überflüssig, die Arbeit ging schneller und wurde günstiger. Der Expander wurde zum unverzichtbaren Werkzeug für jeden Klempner und Heizungsbauer, hunderttausendfach verkauft.

          Inga Janović

          Wirtschaftsredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das wird jetzt gefeiert. Auf der noch bis Freitag laufenden ISH, der Leitmesse für Heizungs-, Sanitär- und Klimatechnik hat sich die Rothenberger AG zum 70. Geburtstag einen ordentlich großen Messeauftritt im Firmenrot gegönnt, zeigt Werkzeuge zum Pressen, Bohren, Löten, Biegen, Schweißen. „Wir haben das kompletteste Programm zum Verbinden von Rohrleitungen, egal, ob sie aus Kupfer, Eisen, Kunststoff oder Stahl sind“, sagt Helmut Rothenberger, Aufsichtsratschef und Patriarch des Familienunternehmens. Er ist fast auf den Tag so alt wie das Unternehmen, das als größter Arbeitgeber in Kelkheim 1800 Mitarbeiter beschäftigt und im vergangenen Jahr einen Umsatz von 413 Millionen Umsatz machte.

          Töchter arbeiten in der Verwaltung

          Für Rothenberger-Verhältnisse eine ordentliche, aber keinesfalls eine Rekordzahl. In der Summe sind die Unternehmungen, die Rothenberger mit seinen Töchtern Sandra (41) und Sabine (43) verwaltet, um einiges größer: Die Kelkheimer AG ist die Werkzeug- und Umweltsparte der Dr. Helmut Rothenberger Holding, die insgesamt 6500 Mitarbeiter zählt und auf ein Gesamtumsatzvolumen von 1,5 Milliarden Euro im Jahr kommt.

          Und es ging schon einmal noch größer: In den neunziger Jahren galten die Rothenbergers als die größte Unternehmensgruppe im deutschen Werkzeugmaschinenbau, zu der ein Dutzend AGs mit bis zu 16.000 Mitarbeitern gehörten. Damals führte Rothenberger das väterliche Erbe noch gemeinsam mit seinen drei Brüdern fort, er war Geschäftsführer der gesamten Gruppe. Deren Wachstum schien unaufhaltsam. Die Brüder kauften Firmen auf, übernahmen etliche Betriebe der untergegangenen DDR, von denen dann mindestens ein beträchtlicher Immobilienbesitz übrigblieb.

          Brüder gehen getrennte Wege

          Doch das Imperium war verzweigt, es wurde auch den Banken zu unübersichtlich, hinzu kam mit Beginn des neuen Jahrtausends die Krise des Maschinenbaus. Rothenbergers wickelten etliche Unternehmen mit wohlklingenden Namen wie den der Frankfurter Naxos AG ab und die Brüder fällten den Beschluss, künftig getrennte Wege zu gehen.

          Im Zuge dieser „Realteilung“ erhielt Helmut Rothenberger die industriellen Aktivitäten, während sein Bruder Günter beispielsweise gemeinsam mit seinen Kindern vor allem auf Immobilien und den Reitsport setzte. Helmut schmiedete derweil eine neue Unternehmensgruppe. Während die hiesige Rothenberger AG die Rohrwerkzeuge baut, ist unter dem Dach der Autania AG der Werkzeugmaschinenbau vereint, die Röhm-Gruppe liefert Spann- und Greiftechnik, Leistritz baut Pumpen und Turbinen, die beispielsweise im Auto- und Flugzeugbau zum Einsatz kommen.

          Sender für den Akkuschrauber

          Fehlen noch die Nordwest Handel AG und die Immobilientochter. Produziert wird in Europa, verkauft in die ganze Welt. „Dahinter steckt ein Systemgedanke. Im Grunde können wir unseren Kunden alles aus einer Hand liefern“, erklärt Rothenberger, der den offiziellen Rückzug aus dem operativen Geschäft auch dafür nutzt, mit dem Auto eine Rallye um die halbe Welt zu fahren und Sozialprojekte wie die „Tools for Life“-Stiftung zu initiieren. Am Ende aber verfolgt er nach wie vor genau, was die Rothenberger AG tut.

          Und so hantiert er jetzt mit den roten Werkzeugkisten, die quasi für die nächste Entwicklungsstufe stehen: Die Kelkheimer wollen ihren Kunden den Arbeitsplatz aufräumen, egal ob in der Werkstatt oder unterwegs. Denn wer die Praxis kennt, weiß, viel Arbeitszeit geht dafür drauf, einzelne Werkzeuge oder Ersatzteile zu suchen. Rothenberger arbeitet dagegen an. Mit Kisten, aber auch kleinen Sendern, die verraten, wo das Akkuwerkzeug gerade im Einsatz ist.

          Gelungene Unternehmensnachfolge

          Alles aus einer Hand ist Rothenbergers Ideal, alles in seiner Hand zu haben, liegt seinem Temperament gar nicht so fern. Doch nachdem er vor gut zehn Jahren bei einem Flugzeugabsturz beinahe gestorben wäre, hat er begonnen, das Unternehmen so aufzustellen, dass es auch ohne ihn, im Zweifelsfall sogar ohne die ganze Familie ginge: Hinter allen Unternehmungen steht eine Familienstiftung mit Sitz in Österreich, die Geschäftsführerposten der einzelnen AG sind mit Managern besetzt, die Töchter haben Aufsichtsratsposten.

          „Wir haben eine gelungene Unternehmensnachfolge hingekriegt“, sagt Sabine zu, die bereits vor 15 Jahren in die Firma einstieg, sie vertritt die Gesellschaften im Aufsichtsrat. Ihre jüngere Schwester Sandra verwaltet den Immobilienbesitz, sitzt der Tools-Stiftung vor und sie bereitet die Treffen des Familienrates vor. Alle Vierteljahre tagen Vater und Töchter, nach klarer Agenda, „was da nicht draufsteht, wird nicht diskutiert“, sagt Helmut Rothenberger.

          Danach folgt das Protokoll: Was wird wann von wem erledigt? Darauf besteht zumindest der Patriarch nach so gut wie jeder Besprechung. Die Lebenserfahrung hat ihn klug gemacht: „Sie brauchen klare Strukturen. Wir führen unsere Familie wie eine Familien AG.“ Es gibt sogar eine Verfassung.

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