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Ringen um Standort Frankfurt : Global Player Samson erhöht den Druck

Begrenzt: Samson möchte sein Unternehmensgelände in Frankfurt vergrößern Bild: Aders, Hannah

Der angedrohte Wegzug des Traditionsunternehmens Samson aus Frankfurt wird zum Politikum. Der Konzern versichert, bleiben zu wollen – sofern Straßen und Nachbarn weichen.

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          Um zu erklären, warum Samson baldmöglichst neue Flächen braucht, verweist Dominic Deller auf Gabelstapler. Denn viele der firmeneigenen Transporter, erzählt der Finanzvorstand von Samson, brauchen eine Straßenzulassung, obwohl sie nur Material von einem Produktionsgebäude zum nächsten fahren sollen. Doch um im Frankfurter Ostend von einer Werkshalle zur nächsten zu kommen, müssen sie jedes Mal öffentliche Straßen überqueren. Das geht aber nicht ohne Zulassung. Denn das Firmengelände, das an der Hanauer Landstraße und der Autobahn 661 liegt, ist durchschnitten von gleich drei Straßen. „Bei uns legt ein Ventil im Schnitt 11,5 Kilometer auf dem Gelände zurück“, beschreibt Deller die logistischen Folgen. Das soll sich ändern.

          Falk Heunemann
          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Seit 1916 ist die 1907 in Neuss gegründete Samson AG in Frankfurt ansässig. Um das Unternehmen vom Rhein an den Main zu locken, hatte die Stadt nicht nur das Grundstück im damals noch unbebauten Osten angeboten, sondern auch die Errichtung einer Fabrik und eines Bürogebäudes. Und für zehn Jahre wurde Samson von der Gewerbesteuer befreit, wie das Unternehmen in seiner Jubiläumsausgabe 2007 schreibt.

          Die Wirtschaftsförderung hat sich ausgezahlt, Samson stellt inzwischen Ventile für Chemie-, Pharma- und Lebensmittelunternehmen in der ganzen Welt her, erwirtschaftet als Konzern einen Umsatz von 660 Millionen Euro im Jahr, hat Werke und Dependancen in 40 Ländern und ist in Frankfurt Arbeitgeber für 2000 Frauen und Männer. Umso bemerkenswerter war die Drohung, die das Unternehmen jüngst veröffentlichte: Es würden, hieß es in einer Stellungnahme, „Optionen zur Realisierung des zukünftigen Geschäftswachstums geprüft“, darunter sei „die Verlagerung auf Freiflächen außerhalb von Frankfurt“.

          Um Unterstützung werben

          Das Unternehmen will die Drohung ernst genommen wissen. Auch wenn Samson erst vor drei Jahren am Stammsitz ein „Innovation Center“ für 21 Millionen Euro errichtet hat. „Wir wollen langfristig planen können“, erläutert Finanzvorstand Deller. Dem Unternehmen, das sich noch immer im Besitz der Gründerfamilie Sandvoss befindet, gehe es dabei weniger um reine Fläche. Bislang belegt Samson nach eigenen Angaben rund 13 Hektar, benötigt würden mittelfristig 16 Hektar. Dabei hatte das Unternehmen vor drei Jahren eine Fläche von knapp 1,5 Hektar an der Hanauer Landstraße an den Rechenzentrumsbetreiber Interxion verkauft. „Damit konnten wir operativ nichts anfangen“, sagt der Finanzvorstand. Ziel der jetzigen Planungen sei es, Produktions- und Arbeitsabläufe zu optimieren und Gebäude neu zu errichten. Das gehe aber nicht, wenn das Gelände von der Schielestraße und der Weißmüllerstraße zerteilt wird.

          Seit Frühjahr ist das Unternehmen in Gesprächen mit der Stadtverwaltung, in den vergangenen Wochen wurden Stadtratsfraktionen eingeladen, um bei ihnen um Unterstützung zu werben. Dass das Vorhaben jetzt öffentlich wurde, war vom Magistrat nicht erwartet worden. Man sei „in guten Gesprächen“ und auf einem guten Weg, um das Unternehmen am jetzigen Standort zu halten, hieß es dazu nur in einer kurzen Erklärung, die von Wirtschaftsdezernent Markus Frank (CDU) und Stadtplanungsdezernent Mike Josef (SPD) signiert wurde.

          „Unser Ziel ist, in Frankfurt zu bleiben, wenn wir können“, versichert Deller. Dafür seien aber Veränderungen der Fläche nötig. Zum einen sollen keine Straßen mehr das Werk durchschneiden, zum anderen wird Ausweichplatz für Neubauten gebraucht. Ins Auge gefasst hat das Unternehmen dafür die südlich gelegenen Areale an der Schielestraße. Dort stehen derzeit zum Teil denkmalgeschützte Industriebauten, die im Jahr 1910 von Peter Behrens entworfen wurden. Ein Teil des Areals am Mainufer liegt brach und gehört der Mainova. Direkt an der Autobahn betreibt die Stadtreinigung FES eine Biokompostanlage, daneben bietet die Integrative Drogenhilfe seit 1992 Wohnungslosen und Drogenabhängigen ein Obdach, und der Verein Abenteuerspielplatz Riederwald hat dort eine Geschäftsstelle und ein Lager. Dass Samson gern diese Flächen übernehmen will, haben allerdings einige der Betroffenen bislang nur aus der Zeitung erfahren.

          Warnung ist angekommen

          Geht es nach dem Unternehmen, soll als Erstes die Drogenhilfe Platz machen, diese Fläche wird spätestens im übernächsten Jahr benötigt, wie es hieß. Schon vor zwei Jahren hatte sich Samson für das Areal interessiert, die Verhandlungen über einen Verkauf scheiterten damals jedoch. Nun ist ein Flächentausch im Gespräch. Der dürfte jedoch nicht reichen, wenn Samson drei Hektar zusätzlich erwerben möchte.

          Bei den Kommunalpolitikern ist die Warnung offenbar angekommen. „Mit einem Flächentausch oder einer Verpachtung könnten wir dieses wichtige Industrieunternehmen in Frankfurt halten – und das sollten wir dringend tun“, mahnte Gregor Amann, Wirtschaftspolitiker der mitregierenden SPD-Fraktion im Römer. Im Gespräch ist, dass den bisherigen Nutzern Ausweichflächen angeboten werden. Das allein dürfte nicht ausreichen, wenn Samson drei Hektar zusätzlich belegen möchte. „Samson muss sich entwickeln können“, fordert daher Fraktionschefin Ursula Busch.

          Die oppositionelle Römerfraktion BFF glaubt, dass es der SPD-Fraktion bei dieser Mahnung nicht nur um die Zukunft von Samson geht. Der Fraktionsvorsitzende Mathias Mund wirft den Sozialdemokraten vor, die eigentlich vertraulichen Pläne des Unternehmens veröffentlicht zu haben, um sich im Kommunalwahlkampf zu profilieren. „Das ist ein eklatanter Missbrauch der Standortfrage eines Unternehmens für die eigenen politischen Zwecke.“ Durch solch einen „Vertrauensbruch“ würden künftig Gespräche zwischen Stadt und Unternehmen erschwert.

          Der öffentliche Handlungsaufruf der SPD-Fraktion an den Magistrat ist aber auch personell bemerkenswert. Denn Stadtplanungsdezernent Josef, an den sich die Mahnung der Fraktion unter anderem richtet, ist ja nicht nur in der gleichen Partei – er ist auch der SPD-Vorsitzende in Frankfurt und Spitzenkandidat für die Kommunalwahl im Frühjahr.

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