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Rhein-Main-Region : Die neue Lust am Kraftwerksbau

Stromerzeugung ist auch eine Sache der Konzentration: Schaltzentrale des mit Kohle betriebenen Heizkraftwerks West der Mainova im Frankfurter Gutleutviertel. Bild: Nora Klein

Stadtwerke hoffen auf Renditen durch die eigene Stromerzeugung – und ärgern sich über die Bundesregierung.

          3 Min.

          Für den Darmstädter Energieversorger HSE war der 2. Dezember ein großer Tag. 55 Millionen Euro investiert das Unternehmen in ein Kraftwerk auf dem Gelände des früheren Eisenbahnausbesserungswerks in der Stadt, und an jenem Donnerstag wurde Richtfest gefeiert. Künftig wird dort mit Hilfe von Erdgas Strom produziert. In nur neun Minuten lassen sich die beiden Turbinen, die die Stromgeneratoren antreiben, auf die volle Leistung hochfahren. Genau das Richtige in Zeiten, in denen die regenerativen Energien immer mehr an Bedeutung gewinnen. HSE-Chef Albert Filbert brachte in seiner Rede auch gleich noch seine Meinung über die Verlängerung der Laufzeiten von Kernkraftwerken unter: „Zum Ausgleich der schwankenden Verfügbarkeit von Sonnen- und Windenergie brauche wir mehr flexible Gaskraftwerke statt unflexibler Atomkraftwerke“, forderte der Manager.

          Manfred Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          Vor allem aber braucht die HSE die neue Anlage, um Geld zu verdienen. Mit aller Macht investiert der Darmstädter Energieversorger seit 2007 in die eigenen Energieerzeugung. Eine Milliarde Euro soll für 2015 in neue Anlagen, die Strom aus Wind, Sonne, Biomasse oder eben Erdgas erzeugen. In diesem Jahr will man sich sogar an einem Windpark in Frankreich beteiligen. Und das Darmstädter Unternehmen steht damit nicht allein. Die Mainova in Frankfurt gab im Juni vergangenen Jahres bekannt, sie wolle bis 2015 immerhin die Hälfte des in Darmstadt geplanten Betrages, 500 Millionen Euro, in neue Kraftwerke stecken. Das ehrgeizige Ziel von Vorstandschef Constantin Alsheimer: Der im traditionellen Geschäftsgebiet vertriebene Strom soll dereinst vollständig aus eigenen Anlagen kommen.

          Umweltschutz und Gegenmacht - das ist alles nicht falsch, es geht aber vor allen Dingen um Rendite

          Völlig neu ist es nicht, dass Stadtwerke Strom selbst erzeugen. Mit einem Kohlekraftwerk am Stadtrand begann im Kaiserreich in vielen Großstädten die Stromversorgung; Anlass für den Bau war oft der Ruf nach einer elektrischen Straßenbahn. Doch als die Kraftwerke immer größer und teurer wurden, überließ man Bau und Betrieb den riesigen, oft halbstaatlichen Konglomeraten wie RWE. Heute kontrollieren EnBW, Eon, RWE und Vattenfall sieben Zehntel der Stromerzeugung in Deutschland.

          Dass jetzt wieder örtlichen Versorger verstärkt die Stromerzeugung entdecken, wird vielfach damit begründet, sie wollten die Wertschöpfung in der Region halten, sie wollten die Umwelt schützen, sie wollten ein Gegengewicht zur Macht der Konzerne aufbauen. Das ist alles nicht falsch. Vor allem aber wollen die Regionalversorger damit Geld verdienen.

          Elf prozent Gewinn

          Denn der Energiemarkt hat sich gewandelt. Die Zeiten bequemer Monopole am jeweiligen Ort sind vorbei. Jeder Konkurrent kann heute Strom durch das Netz der Stadtwerke an deren Kunden leiten. Die Folge: Die Gewinnmargen im Vertrieb schrumpfen. Bei den Leitungen wiederum gibt die Bundesnetzagentur eine maximale Rendite vor. Konkurrenz hier, Regulierung dort: Kein Wunder, dass Vorstände sehnsüchtig auf die Milliardengewinne der vier Großen mit der Stromerzeugung schielen.

          Der Mainova-Geschäftsbericht von 2009 zeigt, dass sich dieses Geschäft in der Tat lohnt. Die Frankfurter hatten stets einen Teil ihres Stroms mit Kohle und Erdgas selbst erzeugt, mehrere Anlagen produzieren dabei auch Fernwärme. Seit 2005 betreibt die Mainova in Stadtteil Fechenheim sogar ein Biomassekraftwerk. Elf Prozent betrug der Gewinn vor Steuern und Zinsen im vorletzten Jahr bei der Strom- und Wärmeerzeugung. Beim Vertrieb und dem Handel mit Strom blieben hingegen gerade einmal drei Prozent hängen.

          Regionale Anbieter investieren in Brandenburg

          „Energieerzeugung ist ein attraktiver Markt“, heißt es beim Verband kommunaler Unternehmen in Berlin. Zwar versorgten die Stadtwerke mehr als die Hälfte der Einwohner Deutschlands mit Strom, ihr Anteil an der Kapazität der Kraftwerke liege aber bei nur neun Prozent. Doch wie in Frankfurt und Darmstadt bestehen auch anderswo große Ausbaupläne. Der Verband hat vor wenigen Tagen zusammengezählt: Würden alle geplanten Vorhaben verwirklicht, so stiege die Kraftwerksleistung der Stadtwerke binnen weniger Jahre um ein Drittel.

          Viel ist in diesem Zusammenhang vom Ausbau der erneuerbaren Energien die Rede. Die HSE aus Darmstadt und die Mainova haben sich an einem Windpark in Brandenburg beteiligt und wollen auch in Windräder auf dem Meer investieren, sie bauen Biomassekraftwerke und stellen Solarzellen auf Dächer. Tatsächlich dominiert aber die konventionelle Erzeugung. Das größte Investment beider Unternehmen war die Beteiligung an einem mit Erdgas betriebenen Kraftwerk bei Ingolstadt, das 2010 ans Netz ging.

          Ein Investitionsstopp auf breiter Front ist bisher nicht zu erkennen

          Mit der Renaissance der Eigenerzeugung begeben sich die Regionalversorger freilich in ein Haifischbecken. Sie werden abhängig von ständig wechselnden Vorgaben der Politik auf allen Ebenen, von wechselnden Strategien der Konzerne und stärker denn je von den konjunkturellen Wechsellagen. So hat die Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke die Investitionspläne durcheinandergewirbelt; die Bundesregierung zog sich damit den Zorn all jener Regionalversorger zu, weil nun länger als geplant mehr Strom auf dem Markt sein wird. Ohnedies werfen die seit längerem sinkenden Großhandelspreise für Strom die Frage auf, ob sich eigene Anlagen noch lohnen. „Immer mehr Stadtwerke haben Angst, in die Erzeugung einzusteigen“, sagt Rodger Rinke, Analyst der Landesbank Baden-Württemberg. Allenfalls mittelfristig lohne sich der Bau neuer Anlagen.

          Ein Investitionsstopp auf breiter Front ist indes bisher nicht zu erkennen. Bei den Anlagen, die aus Wind, Strom oder Biomasse Strom erzeugen, ist die Rendite dank der gesetzlich verbrieften Subventionen ohnedies garantiert. Die HSE hält denn auch an ihren Plänen fest. Bei der Mainova hingegen hat man vor kurzem einen Rückzieher gemacht. Das Vorhaben, sich an einem weiteren Gaskraftwerk zu beteiligen, wurde auf Eis gelegt.

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